Stürmische Böen setzten ein und dunkle Wolken zogen auf, als Sandro Wagner vor gut 100 Fans begann, seine erste Trainingseinheit beim FC Augsburg zu leiten. Die Witterung passte am Montagnachmittag allerdings nur insofern zu seinem offiziellen Arbeitsbeginn, als dass sie sich beim FCA von ihrem neuen Trainer viel frischen Wind versprechen.
Dass beim FC Augsburg eine neue Zeitrechnung begonnen hat, ließ sich schon an jenen 50 Medienvertretern erkennen, die drei Stunden zuvor zu Wagners Präsentation in die Arena gekommen waren. Bei der am besten besuchten Trainervorstellung der Vereinsgeschichte ließ sich die neue Zeitrechnung auch schnell heraushören. Von Spielern, die „Bratwürste“ seien, sprach Wagner in seinem oft lockeren Ton ebenso wie von Kickern, die er telefonisch nicht erreicht habe, weil diese „in Timbuktu“ Urlaub gemacht hätten. Auch um seine Auffälligkeiten im Straßenverkehr ging es, als Wagner erzählte, ab und zu „heimdüsen“ zu wollen zu seiner Familie in Unterhaching. „Aber den Großteil der Woche werde ich hier sein“, sagte Wagner, „tatsächlich habe ich auch schon in Flensburg den ein oder anderen Punkt, deswegen will ich auch nicht mehr so oft auf die Autobahn.“
Es ist eine spannende Liaison, die in der neuen Saison der Bundesliga zu beobachten sein wird. Bisher wurde der FC Augsburg von einem Großteil des Publikums fernab der rund 310 000 Einwohner zählenden Stadt im bayerischen Teil Schwabens als eher bieder wahrgenommen. Von sofort an steht bei der grauen Maus FCA allerdings die schillernde Figur Wagner in der Coachingzone. Wobei der 37-Jährige mit dem Vertrag bis Mitte 2028 auch wegen der großen Erwartungen an ihn und vor allem an sich selbst scherzhaft die Sorge äußerte, dass nicht er Augsburg Farbe verleihen, sondern seine Farbe in Augsburg verlieren könnte. „Ein paar graue Haare habe ich ja schon“, witzelte der frühere TV-Experte, „ich hoffe, dass ich nicht am Ende der Saison komplett weiß bin.“
So launig vieles klang, so ernst ist es den Augsburgern und Wagner mit ihren großen Plänen, den FCA sportlich weiterzuentwickeln und mittelfristig „auf eine neue Stufe zu heben“, wie es Geschäftsführer Michael Ströll formulierte. Eine aktive Spielweise soll elementarer Bestandteil dieses Vorhabens sein, weg von der teils destruktiven und mutlosen Herangehensweise der vergangenen Jahre, nicht nur bei Wagners Vorgänger Jess Thorup. Vom erfahrenen Dänen hatten sich die Augsburger am Ende der vergangenen Saison ebenso getrennt wie von Sportdirektor Marinko Jurendic.
Ströll setzt darauf, dass Wagner für neue Impulse beim FCA sorgt. Wagner sei „hoch motiviert und ambitioniert“ sowie ein „Menschenfänger“ mit einem „klaren Plan, einer klaren Spielidee“, und diese decke sich „mit unseren Ideen“, sagte Ströll. Zugleich machte Augsburgs „Boss“, wie Wagner Ströll nannte, die Hierarchie deutlich. „Es ist niemand größer als der Verein“, sagte Ströll, „das wird auch in Zukunft so sein. Trotzdem ist es schön, wenn wir Persönlichkeiten mit Strahlkraft hier haben.“
Wegen der größeren medialen Aufmerksamkeit sei Wagner aber nicht geholt worden. Sondern auch, um in die aktive Spielweise möglichst auch weitere Nachwuchskräfte einzubauen nach Mert Kömür und Noahkai Banks. Unter anderem dafür haben sie beim FCA ihren sportlichen Bereich komplett neu aufgestellt. Benjamin Weber kommt als neuer Sportdirektor vom Zweitligisten SC Paderborn. Der einstige Nachwuchs- und Profitrainer des FCA, Manuel Baum, ist als Leiter Entwicklung zurückgekehrt. Der frühere Bochumer Marc Lettau hat die Position des Kaderplaners übernommen. Und Julian Baumgartlinger, der seine aktive Karriere beim FCA 2023 beendet hatte, arbeitet als Koordinator Lizenzspielerabteilung.
Sie haben gemeinsam sehr viel vor, und spannend wird zu beobachten sein, inwieweit sich ihre Ziele verwirklichen lassen und wie groß die Geduld ist, sollte Wagner für längere Zeit mehr Punkte in Flensburg als in der Bundesliga vorweisen können. Vorsichtshalber gab sich Wagner zwischendurch betont demütig. Das erscheint schon deshalb sinnvoll, weil der frühere Bayern-Profi und deutsche Nationalspieler als Cheftrainer bisher nur auf die Erfahrung von zwei Jahren beim Regionalligisten SpVgg Unterhaching zurückblicken kann. Nach dem Aufstieg in die dritte Liga war er 2023 zum Deutschen Fußball-Bund gewechselt, wo er bald Assistent von Bundestrainer Julian Nagelsmann wurde und bis vor einem Monat blieb.
„Ich bin ein Lernender“, sagte Wagner nun, „ich sehe den FCA als Riesenchance. Es ist schon geil, Trainer vom FCA zu sein, das erfüllt mich mit Stolz.“ Dort richtig zu sein, habe er bei seinem sehr intensiven Vorstellungsgespräch mit Ströll festgestellt. Dieser habe ihn „von Sekunde eins an angezündet“, sagte Wagner, „das war inhaltlich im positiven Sinne das anstrengendste Gespräch, das ich hatte die letzten Monate.“ Strölls detaillierter Fragenkatalog sei „unfassbar“ gewesen, „ich war auch müde danach“, sagte Wagner, „aber nach dem Gespräch war für mich sofort klar: Ich will zum FCA.“ Nebenbei muss er nun noch seinen Trainerschein abschließen. Voraussichtlich wird er deshalb bis Jahresende sechs Trainingseinheiten in Augsburg verpassen. Bei seiner ersten ließ der Regen bald nach und der Himmel hellte sich wieder auf.



