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Sander Sagosen:Der Mann, der schneller trifft, als er sieht

Ignoriert den Torwart: Kiels Zugang Sandor Sagosen.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AFP)

Neue Messungen bestätigen das Ausnahmetalent von Sander Sagosen, Kiels neuem Spitzenhandballer. Beim THW hat er nun sechs Titelchancen.

Von Carsten Scheele

Sander Sagosen ist in Norwegen eine solch große Nummer, dass sich Sportwissenschaftler der Uni Oslo mit seinem Spielstil beschäftigt haben. Sagosen, 24, der am Montag mit seinen neuen Mannschaftskollegen beim THW Kiel ins Training gestartet ist, wirkt seinen Gegnern auf dem Feld gedanklich oft weit voraus. Die Forscher setzten ihm deshalb eine Brille mit eingebauter Spezialkamera auf, um zu ergründen, wie und wann der Rückraumspieler seine Blicke über das Spielfeld wandern lässt. Der TV-Sender NRK hat die Ergebnisse veröffentlicht: Sagosen versucht gar nicht, den Torwart zu irritieren oder in eine falsche Ecke zu locken. Er schaut ihn nur kurz an, bevor er an den Ball kommt, anschließend ignoriert er ihn. Die Spielzugplanung hat Sagosen da längst abgeschlossen. Er weiß zu Beginn eines Spielzugs, wohin er wirft.

Ähnlich beim Siebenmeter. Die Kameras haben aufgezeichnet, dass Sagosen dem Torwart kurz ins Gesicht schaut, auf den Hals, auf die Brust. Aber nie auf Arme oder Beine. Der klassische Gedanke, dass der Keeper an den Augen ablesen kann, wohin der Spieler wirft, funktioniert bei Sagosen nicht.

Die Bundesliga und speziell der THW Kiel dürfen sich diebisch freuen auf den Zugang von Paris Saint-Germain, der das bestalimentierte Handballprojekt der Welt verlassen hat, um sich dem deutschen Rekordmeister anzuschließen. Sagosen versichert, dies sei für ihn kein Rückschritt: "Es war immer mein Traum, in dieser Liga zu spielen", sagte er kürzlich. Und ja, nicht PSG, sondern Kiel habe die beste Abwehr und auch das beste Team der Welt. Sagosen weiß, dass es eine denkwürdige Spielzeit werden könnte: Kiel hat durch all die Pandemieverschiebungen gleich die Chance auf sechs Titel. Der Supercup am 26. September gegen die SG Flensburg-Handewitt ist dabei noch der unwichtigste; bedeutender sind die Champions-League-Titel für 2020 und 2021, da das Finalturnier der abgebrochenen Saison im Dezember nachgeholt wird. Sagosen hat das Final-Four in Köln mit Paris erreicht, wird aber für Kiel spielberechtigt sein. Hinzu kommen die nationalen Pokalwettbewerbe 2020 und 2021, und natürlich die deutsche Meisterschaft. "Fünf oder sechs Trophäen, das wird richtig schwer, aber es ist mein Ziel", erklärte Sagosen.

Findet im Januar auch noch die Handball-WM statt?

Nach ungewissen Monaten, in denen er sich zunächst in seinem Elternhaus fitgehalten hat und sogar Zeit für Projekte wie jenes der Sportwissenschaftler mit ihrer Wunderbrille hatte, geht es in Kiel nun voll los. Die neue Wohnung ist bezogen, alle Behördengänge sind erledigt. Muss nur noch alles so funktionieren, wie es sich die Macher an der Förde ausgedacht haben. Nicht etwa, weil bei Sagosen Probleme mit der Akklimatisierung in der Bundesliga erwartet werden, eher wegen der Auswirkungen der Pandemie.

"Normalerweise ist der Sommerfahrplan mindestens ein halbes Jahr vorher bis ins Detail durchgeplant", sagte Geschäftsführer Viktor Szilagyi der Nachrichtenagentur DPA, "jetzt stehen dicke Fragezeichen hinter einem Trainingslager oder Testspielen." Ob ab Oktober tatsächlich vor Zuschauern angeworfen werden kann, weiß niemand. Die neue Spielzeit erfordere "sehr viel Flexibilität", warnt Szilagyi. Sollte der Weltverband IHF an der Austragung der Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten festhalten, wäre Sagosen dort auch noch dabei mit Norwegen.

Trotz aller Ungewissheit stellt sich Sagosen persönlich auf eine Super-Saison ein: "Ich möchte der Beste sein, das habe ich immer gesagt." Für dieses Jahr hat ihm sein neuer Mannschaftskollege, Torwart Niklas Landin, den Titel als Welthandballer weggeschnappt. Das soll nicht noch einmal passieren.

© SZ vom 28.07.2020/ebc
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