Gerade in einer Kolumne, die „Schnella Italia“ heißt, darf gleich zu Beginn der Spiele der Blick geweitet und darauf hingewiesen werden, dass Schnelligkeit nun auch wieder nicht alles ist. Vom „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ ist in der Politik öfter die Rede, es gibt aber auch ein Olympia der zwei Geschwindigkeiten, und für die Würdigung des Langsamem zuständig ist in Mailand das gute alte Giuseppe-Meazza-Stadion, im Volksmund immer noch San Siro. Bei diesen Spielen fand dort die Eröffnungsfeier statt. Theoretisch konnte man mit einem Lift zu den Presseplätzen rauffahren, aber die Ordnerin empfahl die Treppe: Der Aufzug sei langsam. Oben angekommen: Zeit für ein Getränk. Allerdings ist es bei Olympia so, dass nicht einfach Flaschen (mögliche Wurfgeschosse!) verkauft werden, alles Trinkbare wird in Aluminiumbecher gefüllt. Die Verkäuferin im Catering-Bereich ließ sich beim Umfüllen der Cola Zero Zeit. Viel Zeit. Dermaßen viel Zeit. Sie wartete, bis der Schaum sich zurückbildete, schüttete nach. Wartete, bis der Schaum sich zurückbildete, schüttete nach. Nie zuvor in der langen Geschichte Olympias ist ein halber Liter Cola Zero langsamer von einem Gefäß in ein anderes verbracht worden.
In diesem Stadion finden Festtage der Serie A statt, die italienische Topliga hält betagte Fußballer in Ehren
Das Muster hinter alldem wurde langsam sichtbar, aber dann umso deutlicher. Wo waren wir denn hier? In diesem Stadion hatte bei der WM 1990 der Niederländer Frank Rijkaard dem deutschen Rudi Völler in die Löckchen gerotzt, und ehe dem langsam klar wurde, was sich gerade ereignet hatte, war er auch schon vom Platz geflogen. In diesem Stadion hatte schon bei der WM 1934 Deutschland 2:1 gegen Schweden gewonnen, die kollektive Erinnerung an diese Partie ist langsam verblasst. In diesem Stadion finden Festtage der Serie A statt, die italienische Topliga hält betagte Fußballer in Ehren. Luka Modric, mit 40 Jahren recht langsam unterwegs, ist bei der AC Milan in diesem Stadion noch mal aufgeblüht. Und auch der Neu-Mailänder Niclas Füllkrug will sich in diesem Stadion langsam in WM-Form bringen.
Das San Siro, zu den Spielen nochmals umgetauft in „Milano San Siro Olympic Stadium“, hat diese einhundertjährige Geschichte, aber für die Zukunft ist es zu klapprig, bald wird es abgerissen, und im hochmodernen Neubau werden dann alle Aufzüge blitzschnell vom Erdinneren in den Fußballhimmel schnurren. Mit dem charismatischen San Siro aber, Monument der Beständigkeit, geht es zu Ende, langsam aber sicher. Was für ein Verlust.
„Schnella Italia“ ist die Olympia-Kolumne der SZ-Sportredaktion. An dieser Stelle schreiben die Reporterinnen und Reporter der SZ über Kuriositäten und Beobachtungen am Rande der Winterspiele.

