Rücktritt von Johannes RydzekDer Kombinierer, der auch für die Frauen zum Sprachrohr wurde

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Das letzte Podium: Johannes Rydzek und Nathalie Armbruster vor einer Woche auf dem Bronzeplatz in Lahti im Mixed-Teamsprint.
Das letzte Podium: Johannes Rydzek und Nathalie Armbruster vor einer Woche auf dem Bronzeplatz in Lahti im Mixed-Teamsprint. Petri Korteniemi/AP
  • Johannes Rydzek beendet seine Karriere als Nordischer Kombinierer mit 26 Weltcup-Siegen, sieben WM-Titeln und zweimal Olympia-Gold aus Pyeongchang 2018.
  • Der 34-Jährige setzte sich während seiner Laufbahn als Athletensprecher für die Belange der Kombiniererinnen ein, die noch immer nicht bei Winterspielen starten dürfen.
  • Rydzek gilt als Mentor und Bindeglied zwischen Damen- und Herrenteam und wird von Teamkollegen als mannschaftsdienlich und respektvoll beschrieben.
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Der Rücktritt von Johannes Rydzek schmerzt die Nordischen Kombinierer nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge. Der 34-Jährige hat sich immer auch für seine Weggefährtinnen eingesetzt.

Von Sebastian Winter, Oslo/München

Am Sonntag hat Johannes Rydzek noch mal alles versucht, erst im Springen von der Großschanze am Holmenkollen, dann auf der Loipe über die 10-Kilometer-Strecke. Doch die Sicht beim Weltcup-Abschluss der Nordischen Kombinierer war diffus, der Himmel wolkenverhangen, was irgendwie passte zu dieser Saison, die nicht die strahlendste in seiner Karriere war. Rydzek landete dennoch als bester Deutscher auf Platz acht. Im Ziel umarmten ihn alle, auch der neue Gesamtsieger Johannes Lamparter. Rydzek trug da bereits einen roten Superman-Umhang, den ihm jemand übergeworfen hatte, und trank aus der gereichten Flasche Sekt. Später sagte er in der ARD: „Zwischendrin kamen Flashbacks, ich hatte Gänsehaut, weil ich wusste, das erlebe ich jetzt zum letzten Mal. Das hat mich beflügelt, war aber auch sehr ergreifend.“

Das war es also, sein letztes Rennen. Denn am Donnerstag hatte der Oberstdorfer offiziell gemacht, was er ohnehin in diesem Winter sowie vor und während den Olympischen Spielen immer wieder angedeutet hatte: „Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen! Es fühlt sich wie der Moment richtig an, ich bin voll mit mir im Reinen. Im Gepäck nach Norwegen sind ganz viele Emotionen, auch Wehmut ist mit dabei.“

Seine Statistiken zeigen, was da für eine Figur dem Wintersport den Rücken kehrt. In 336 Weltcups, den letzten eingeschlossen, lief Rydzek 71-mal aufs Podest und feierte 26 Siege. Bei seinen acht WM-Teilnahmen gewann er sieben Titel, wobei besonders die Titelkämpfe in Lahti 2017 herausstechen, als er bei seinen vier Starts viermal Gold gewann.  Und seine fünf Olympia-Teilnahmen krönte er 2018 in Pyeongchang mit zweimal Gold. „Eine der bemerkenswertesten Wintersportkarrieren, die der deutsche Skisport hervorgebracht hat“, gehe zu Ende, schrieb der Deutsche Skiverband.

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Und ein Leben an Schanze und Loipe, das nicht nur Höhen hatte. 2022 in Peking erlebte Rydzek eine seiner schwärzesten Stunden, als er in Führung liegend von seinem Teamkollegen Vinzenz Geiger und drei weiteren Konkurrenten überrannt wurde und als desillusionierter Fünfter ins Ziel kam. Auch seine jüngsten und letzten Winterspiele in Mailand und Cortina brachten ihm viel Pech. Obwohl er bester Deutscher war, lief Rydzek an der erhofften Medaille vorbei. Zum Abschluss gingen er und Geiger im Team-Wettbewerb nach dem Springen als Führende in die Loipe. Dort musste der in Topform laufende Rydzek mitansehen, wie Geiger zweimal stürzte – ein Podestplatz wurde wieder verpasst.

Rydzek gilt als extrem ehrgeizig, als fast Besessener, dem sein Eifer im Training und Wettkampf früher auch manchmal im Weg stand. Er hat seine Ambitionen dann immer besser kanalisieren können und half seinen Teamkameraden auch mit seinem Wissen. In all den rührenden Abschiedsworten seiner Weggefährten kulminierte daher auch eines: dass da nicht nur einer der weltbesten Kombinierer der vergangenen 15 Jahre abtritt, sondern auch ein Mensch, der die anderen nie vergaß und der über den Tellerrand hinausblickte.

Rydzek stemmte sich immer wieder gegen die Ungleichbehandlung der Kombiniererinnen

Hermann Weinbuch, der Rydzek bis 2023 als Chef-Bundestrainer begleitete, sagte: „Er ist ein Kombinierer, wie er im Buche steht: fleißig, talentiert, vielseitig, mannschaftsdienlich, respektvoll.“ Der viermalige Weltmeister Ronny Ackermann, dessen Karriere endete, als Rydzeks begann, adelte ihn als „Sprachrohr und Aushängeschild für diese Disziplin“. Nicht nur, weil Rydzek bis zuletzt Athletensprecher war, sondern auch, weil er sich für die Belange der Kombiniererinnen einsetzte, die noch immer nicht bei Winterspielen starten dürfen. Rydzek stemmte sich immer wieder gegen diese Ungleichbehandlung, die das IOC mit fehlenden Vermarktungschancen und zu wenigen Starterinnen und Ländern in der noch junge Frauen-Disziplin begründet. Inzwischen müssen allerdings auch die männlichen Kombinierer fürchten, 2030 in Frankreich aus dem olympischen Programm genommen zu werden.

Rydzek ist auch in dieser Hinsicht in eine goldene Zeit hineingeboren, denn wer weiß, was kommt? Im Juni soll entschieden werden, ob und wie es weitergeht mit diesem Traditionssport. „Er hat sich viel um die Mädels gekümmert, hat ihnen Tipps gegeben und einen guten Weg bereitet, um erfolgreich zu sein. Es tut extrem weh, ihn aufhören zu sehen“, sagte Florian Aichinger, der Bundestrainer der Kombiniererinnen. Deren Beste, Nathalie Armbruster, mit der Rydzek vor einer Woche in Lahti im Mixed-Sprint sein letztes Podest feierte, richtete berührende Sätze an Rydzek: „Ich werde ihn unfassbar vermissen. Er war immer das Bindeglied zwischen dem Damen- und dem Herrenteam. Und für mich ein Mentor und wie ein großer Bruder.“

Die Familie, die Freude, das Fotografieren, all die Menschen und Hobbys, die Rydzek vernachlässigen musste während seiner Karriere, sollen nun in den Vordergrund rücken. Aber er möchte seinem Sport treu bleiben, sagte Rydzek, der nochmals zeigte, wie sehr er mit sich im Reinen ist: „Das ist nicht jedem vergönnt, ohne jede Bitterkeit zu gehen – da ist nur Liebe für den Sport.“

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