Ryder Cup im Golf:Ein Schlag, der alle schockt

The 2020 Ryder Cup

Handys hoch: Wenn Bryson DeChambeau ausholt, erwarten die Zuschauer inzwischen Unglaubliches. Und oft liefert er dann auch.

(Foto: Jonathan Ernst/Reuters)

Das US-Team dominiert an den ersten beiden Tagen des Ryder Cups in Wisconsin, auch, weil europäische Topspieler wie Rory McIlroy mit der Form zu kämpfen haben. Bryson DeChambeau verwandelt seine Auftritte bei dem Kontinentalvergleich derweil in eine Hau-Drauf-Show.

Von Gerald Kleffmann, Sheboygan/München

Rot ist für die USA eine gute Farbe. Rot ist ihre Farbe auf dem sogenannten Tableau, der Anzeigetafel mit dem Ergebnis darauf. Blau ist Europa, klar, wie die Flagge jenes Kontinents, der am Freitag als Außenseiter in dieses 43. Duell um den Ryder Cup gestartet war. Die Amerikaner, wann gab es einmal eine derartige Dominanz, haben aktuell acht Spieler in den Top Ten der Weltrangliste platziert. Und dieses Machtverhältnis spiegelte sich zumindest bis zum Samstagnachmittag, in der ersten Hälfte des Ryder Cups auf dem Whistling Straits Golf Course am Lake Michigan, auch deutlich wider.

Es leuchtete meist erst Rot auf, ehe Blau doch mal zu sehen war, aber eher kurz, von Beginn an war das so. Nach den vier Vierer- und vier Vierball-Matches jeweils am Freitag und Samstag führt Team USA bereits mit 11:5. An diesem Sonntag stehen die zwölf Einzel-Partien im Format Mann gegen Mann an. Wenn die Gastgeber 14,5 Punkte erreichen, haben sie sich den Pokal zurückgeholt, den sie 2018 den Europäern überlassen mussten.

The 2020 Ryder Cup

Eindeutig ein Heimspiel: US-Fans zeigen gerne, dass sie US-Fans sind - auch akustisch. Die europäischen Spieler werden deshalb auch konsequent ausgebuht. Muss man nicht toll finden, ist aber so bei diesem Ryder Cup.

(Foto: Mike Segar/Reuters)

Das Team des Iren Padraig Harrington, der die Auswahl als Kapitän verantwortet, baute vorab massiv auf die Geschlossenheit, was in diesem Wettbewerb auch heißen soll: Viele können punkten. Viele können mal ein Match gewinnen. Aber es zeigte sich: Diesmal sind es bei den Europäern zu wenige, die sich den USA wirklich entgegenstemmen können. Die beiden Spanier Sergio Garcia und Jon Rahm, der Weltranglisten-Erste, gewannen am Freitag- und Samstagvormittag jeweils ihre Matches im Vierer-Format (dabei spielen beide nur einen Ball und wechseln sich mit dem Schlagen ab, bis der Ball im Loch ist). Und dann auch am Samstag noch einmal im Vierball; im Vierball spielt jeder seinen eigenen Ball, jeweils beim Duell zwischen zwei Amerikanern und zwei Europäern und das beste Ergebnis jedes Teams zählt dann. Aber von den Kollegen kam zu wenig Unterstützung.

Team USA begann am Freitag mit einer 3:1-Führung und sammelte am Nachmittag im Vierball ebenso viele Zähler ein. 6:2 also am Freitagabend - doch am Samstag keimte dann länger durchaus Hoffnung bei Team Europa. Zwischenzeitlich wurde tatsächlich die blaue Farbe wieder sichtbar auf dem Tableau. Aber eben nur: zwischenzeitlich.

43rd Ryder Cup - Morning Foursome Matches

Besorgt: Europas Kapitän Padraig Harrington, ein Ire, verfolgt nicht ganz begeistert die Entwicklung am Samstag; auch Martin Kaymer (links), der als einer von fünf Vize-Kapitänen fungiert, wirkt eher ernüchtert.

(Foto: Patrick Smith/AFP)

Nach Rahms und Garcias 3&1-Erfolg gegen Brooks Koepka und Daniel Berger (sie hatten drei Punkte Vorsprung bei nur noch einer zu spielenden Bahn; 18 Bahnen sind es insgesamt pro Runde) rückten die US-Kollegen die Verhältnisse wieder zurecht: 2&1 für Dustin Johnson/Collin Morikawa gegen Paul Casey/Tyrell Hatton (beide England), 2 auf (nach 18 Bahnen zwei Lochgewinne mehr) für Justin Thomas/Jordan Spieth gegen Bernd Wiesberger (Österreich)/Viktor Hovland (Norwegen), 2&1 für Patrick Cantlay/Xander Schauffele gegen Lee Westwood/Matthew Fitzpatrick. Auch die vier Vierball-Matches am Samstagnachmittag brachten keine Trendwende. Nur dem fulminant kämpfenden Shane Lowry gelang mit Hatton noch (neben Rahms und Garcias Sieg) ein Überraschungssieg gegen Harris English und Tony Finau (1 auf).

Die einzelnen Partien waren meist sehr knapp, und auch den Europäern glückten spektakuläre Schläge. Am Samstag lochte Paul Casey einen Schlag, vom Fairway gespielt, direkt im Loch ein, und weil er auf eine kleine Kuppe gezielt hatte, sah er nicht einmal sein Kunstwerk. Und der Jubel verriet es ihm auch kaum. Denn zum einen sind kaum europäische Fans nach Wisconsin gereist, wegen des noch geltenden Einreiseverbots. Die amerikanischen Anhänger wiederum haben die Veranstaltung komplett für sich in Beschlag genommen, was bei ihnen eben auch bedeutet: Sie buhen die Europäer aus, feiern bei deren Fehlschlägen, zeigen sich also insgesamt eher respektlos. Aber das war auch nicht anders zu erwarten.

"Ich habe nur auf das Grün gezielt und gebombt", sagt der Kraftprotz DeChambeau

Zu ihrer Freude gelang der spektakulärste Hieb einem der ihren. Bryson DeChambeau, der in den vergangenen zwei Jahren eine körperliche Transformation ohnegleichen hinter sich hat und nun wie ein Kraftprotz auf die Bälle drischt (er hat aber auch viel Gefühl, muss man betonen), beförderte am Freitag bei einer Par-5-Bahn den Ball 417 Yards (381 Meter) weit. Die Branche reagierte regelrecht geschockt auf diese Aktion, in den US-Golfmedien wurde der Schlag rauf und runter diskutiert. Weitgehend herrschte Fassungslosigkeit, dass so etwas möglich ist. Bei seinem Abschlag mit dem Driver hatte DeChambeau mit dem Ball den eigentlichen Verlauf der Bahn abgekürzt. Er spielte nicht wie die anderen den Ball erst geradeaus und dann rechts entlang - sondern direkt gleich auf die rechts verlaufende Querbahn. "Ich habe nur auf das Grün gezielt und gebombt", sagte er später fast schon lapidar. 2020 hatte er mit diesem Stil auch seinen ersten Majortitel errungen, bei der US Open. Diesmal half ihm allerdings auch der Rückenwind.

Bei den Europäern enttäuschte bislang vor allem der Nordire Rory McIlroy, der am Freitag zweimal verlor. Auch Hatton erwies sich als Schwachstelle im Team. Wiesberger indes zeigte viele gute Schläge, doch letztlich blieb auch der Wiener bei seiner Premiere im Ryder Cup ohne Punktgewinn. Nicht mal einen halben für ein Unentschieden schaffte er (was er verdient gehabt hätte). Zu viele schwächeln - mit dieser Art der Geschlossenheit hatte die europäische Auswahl eigentlich nicht gerechnet. "Wir haben eine Menge Möglichkeiten in unserem Team", sagte zwar Harrington zwischendurch den Medien. Doch jetzt hilft wohl wirklich nur ein noch größeres europäisches Golf-Wunder als 2012 in Medinah, als damals ein 6:10-Rückstand aufgeholt wurde.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB