Nach 2:18 Stunden Spielzeit und einem packenden Verlauf stand Jelena Rybakina an der Grundlinie. Sie hatte Matchball. Nur ein Punkt fehlte der 26-Jährigen zu ihrem zweiten großen Erfolg in ihrer Karriere. 2022 hatte Rybakina in Wimbledon triumphiert, damals stand ihr Sieg auch im Zeichen ihres Nationenwechsels Jahre zuvor. Die stille, freundliche, zurückhaltende Tennisspielerin ist in Russland geboren und tritt seit 2018 für Kasachstan an. Schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hatte sie sich dem zentralasiatischen Land angeschlossen. Rybakina schlug auf, und der Ball knallte als Ass ins Feld von Aryna Sabalenka. Stilvoller, erhabener kann man im Tennis nicht siegen, als den letzten Punkt zum 6:4, 4:6, 6:4 so zu beenden.
Das Finale des Frauenturniers der Australian Open bot ein hochklassiges Duell, die 15 000 Zuschauer in der Rod Laver Arena kamen in jedem Fall auf ihre Kosten. Sabalenka, der Weltranglistenersten aus Belarus und wohl charismatischsten Darstellerin im aktiven Frauentennis, half das natürlich kaum über den Frust hinweg. Sie, manchmal als Dramaqueen geltend, wollte ihren fünften Grand-Slam-Titel erringen, ihren dritten in Melbourne nach 2023 und 2024. Jetzt saß sie da, das Handtuch über den Kopf gewickelt, wie eine Mumie sah sie aus. Diese Niederlage traf sie. 2025 hatte sie auch im Finale verloren, damals gegen die Amerikanerin Madison Keys. Ihre Emotionen zeigt sie immer offen, oft ist das erfrischend.
Ganz anders Rybakina, die Stoikerin. Sie hob ein paar Mal die Hand und klatschte nach dem Sieg die Handfläche zum angedeuteten Dank an die Schlägersaite. In ihrem Gesicht ließ sich kaum erkennen, dass sie ihren zweiten Major-Titel errungen hatte. Jeder Mensch ist eben verschieden, darin liegt ja auch etwas Faszinierendes. 2,4 Millionen Euro kassiert Rybakina, Sabalenka die Hälfte.
„Das war eine unglaubliche Leistung“, zollte Sabalenka der Siegerin Respekt. „Ich hoffe, dass es nächstes Jahr besser läuft.“ Für ihre Verhältnisse hielt sie eine kurze, unspektakuläre Rede. Rybakina gratulierte Sabalenka zu ihrem Turnier, dankte den Zuschauern, dankte den Unterstützern im Stadion, die aus Kasachstan kamen. „Es ist wirklich ein Happy Slam“, sagte sie, den Daphne Akhurst Memorial Cup in der Hand, nach der ehemaligen australischen Tennisspielerin Daphne Akhurst benannt. Es war nicht die spannendste Siegesrede, es kann nicht jede so amüsant plaudern wie die Chinesin Li Na 2014 in Melbourne bei ihrem Sieg. Aber Rybakina erhielt lange anhaltenden Applaus. Der Respekt gegenüber dieser Spielerin ist groß. Weil sie sympathisch ist und ihr Spiel teils atemberaubend. Sabalenka bleibt die Nummer eins der Weltrangliste. Rybakina rückt auf Rang drei vor.
Die Emotionen im Griff zu behalten, das ist für Sabalenka stets eine zentrale Aufgabe
Die beiden boten ein Duell mit den Zutaten Kraft, Athletik und Kompromisslosigkeit. Rybakina begann furios, sie verbuchte gleich das Aufschlagspiel von Sabalenka, die beim 1:3-Rückstand schon die große Theatralik auspackte. Sie winkte ab, schimpfte, wirkte, als stehe sie vor einem Nervenzusammenbruch. Aber man durfte da nicht zu streng mit Sabalenka sein. Die Emotionen im Griff zu behalten, das war für sie stets eine zentrale Aufgabe, an der sie durchaus erfolgreich in den vergangenen Jahren gearbeitet hat. Sie macht sich gern mit ihrem kernigen Humor selbst darüber lustig.

Immerhin, die 1,82 Meter große Sabalenka fing sich, hielt ihre Aufschlagspiele. Sie hatte allerdings nicht immer Antworten auf die Aufschläge der 1,84 Meter großen Rybakina, die ebenfalls mit 190 km/h serviert. Und wenn der Ball im Spiel war, glänzte Rybakina mit perfekt geschwungenen Winkelschlägen.
Von allen Profis, die herrlich genervt schauen können, schaut Sabalenka am genervtesten, wenn es mal nicht zu ihren Gunsten läuft. Und das 4:6 nach knackigen 36 Minuten knabberte an ihr. Tennis, der Psycho-Sport. Millionen sehen zu und man ist doch allein mit allen Gefühlen.
Satz zwei, was würde Sabalenka machen? Sie verschwand erst mal zur Toilettenpause, das ist auch so eine Gepflogenheit geworden als taktisches Mittel. Wer zurückliegt, verlässt den Platz, um der Gegnerin Zeit zum Nachdenken zu geben. Die Polin Iga Swiatek ist in dieser Disziplin eine Meisterin, auch Laura Siegemund, bei der man manchmal nicht weiß, ob sie überhaupt zurückkommt. Würde das Manöver bei Rybakina wirken? Schwer zu sagen, ob es daran lag, aber Sabalenka erkämpfte sich gleich mal drei Breakbälle. Rybakina hielt dem Druck stand. Die Partie blieb ausgeglichen – bis zum 4:5. Dann erzwang Sabalenka, Mensch gewordene Entschlossenheit, ihr erstes Break und das 6:4.
Nun verschwand Sabalenka zur Toilette, aber Rybakina packte ihre Tasche, schritt hinterher und ließ die früher zurückgekehrte Sabalenka warten. Rybakina zog sich um, das Reglement erlaubt dies. Gewinnerin der WC-Psycho-Spielchen war erst mal Sabalenka, die jetzt stabiler spielte und auf 3:0 davonzog. War das die Entscheidung? Nein, denn Sabalenkas Nerven meldeten sich. Ihr Spiel fing zu wackeln an, Rybakinas Mut wurde belohnt, sie drehte die Partie. Aus dem 0:3 wurde ein 5:3. Sabalenka warf den Schläger. Bei 5:4 blieb Rybakina cool. Und sie schlug das Ass zum Triumph.


