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Russland:Kompliziertes Projekt

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Ratlos, enttäuscht und am Boden: Russlands Nationalspieler Denis Gluschakow, Sergej Ignaschewitsch und Wassili Beresuzki (v. l.) gegen nach dem EM-Aus ein symbolträchtiges Bild ab.

(Foto: imago)

Vielen Russen ist es ein Rätsel, wie bis zur Heim-WM 2018 eine Mannschaft entstehen soll, die mithalten kann. Die Verantwortlichen müssen der Nation erst noch Begeisterung einimpfen.

Von Johannes Aumüller

Ob Wladimir Putin das Video schon gesehen hat, ist noch unbekannt, aber gehört hat er davon nach Angaben seines Sprechers. So wie wohl jeder russische Fußballfan. Die Nationalhymne erklingt, die Stimmung ist bestens, die Wunderkerzen brennen, und dann wird ein Bottich voller Champagner-Flaschen nach dem anderen in diesen Nachtklub von Monaco gebracht. Und mitten in der Feiermenge: Alexander Kokorin und Pawel Mamajew, zwei Mitglieder der Nationalmannschaft - nur kurz nach dem landesweit als Blamage geschmähten Vorrundenaus der Sbornaja bei der Fußball-EM.

Die Fußballfamilie verabschiedet sich nun aus Frankreich, sogleich nimmt sie das nächste große Turnier ins Visier: die WM 2018 in Russland. Das soll ein großes Fest werden, auch für die politische Führung. Aber Russlands Fußball ist derzeit eine einzige Baustelle - von sportfachlichen bis zu infrastrukturellen Fragen.

Angesichts der wirtschaftlichen Lage sind Exzesse wie Olympia in Sotschi schwer zu moderieren

Die Öffentlichkeit interessiert sich gerade vor allem fürs Sportliche. Vielen ist ein Rätsel, wie bis zur WM 2018 eine Mannschaft entstehen soll, die halbwegs mithalten kann. In Frankreich war die Elf zu alt und spielerisch zu limitiert, und viele aufstrebende Talente sind nicht in Sicht. Es fehlt an den Strukturen, das Niveau der heimischen Liga ist zu niedrig, die Honorierung in der Relation zu gut. Der nach dem Aus zurückgetretene Trainer Leonid Sluzki hat das dieser Tage in einem Interview seziert und Änderungen angemahnt, gipfelnd in dem Satz: "Das ist wie bei einem Alkoholiker: Ohne die Realität laut vor allen einzugestehen, ist Besserung unmöglich."

Da wirkt dieses Video mit Mamajew und Kokorin wie der beste Beleg für die These, dass von einem Team nicht viel zu erwarten ist - ausgerechnet Kokorin, einer der wenigen Hoffnungsträger. Den beiden half auch nicht der Hinweis des Nachtklub-Besitzers, dass die Nationalspieler in Monaco nicht die Gastgeber der Party gewesen und dort nur mit ihren Frauen vorbeigeschlendert seien. Der Zorn des Fußballlandes trifft sie jetzt, beide sind erst einmal in diese Reserve ihrer Klubs zurückgestuft.

Andererseits ist es den Herrschenden gar nicht so unlieb, dass sich das Land gerade mit der Leistung der Sbornaja befasst. Irgendwie ist es noch nahezu jedem Gastgeber eines großen Turniers gelungen, seine Mannschaft im Ernstfall zu erfreulichen Ergebnissen zu stimulieren, und bis dahin lenkt dieser sportfachliche Diskurs auch von anderen unangenehmen Aspekten in der WM-Vorbereitung ab.

Das Turnier wird teuer, das ist klar, wohl so teuer wie keine WM je zuvor. Aber angesichts der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage des Landes sind Exzesse wie bei den Olympischen Spielen in Sotschi nicht mehr so einfach zu moderieren. Die Winter-Sause kostete 50 Milliarden Dollar, das Budget für die WM bezifferten die Macher kürzlich auf etwas mehr als zehn Milliarden Dollar. Dabei kommt ihnen aber in der Verkaufe der Kosten gen Westen der Rubel-Verfall entgegen. In der Landeswährung liest sich der Unterschied nicht mehr ganz so deutlich. In Sotschi waren es 1,5 Trillionen Rubel Gesamtkosten; für die WM sind etwas weniger als die Hälfte eingeplant, nämlich 630 Milliarden Rubel. Aber gemeinhin verteuert sich so ein Projekt in den finalen Monaten stets.

Bisher sind die Verantwortlichen nicht richtig gegen gewaltbereite Gruppen vorgegangen

Dass es noch eines Kraftaktes bedarf, ist schon abzusehen. Es gehört zwar zu den Ritualen, dass sich vor einem großen Turnier der Bau der Stadien verzögert und allgemeines Bangen um die rechtzeitige Fertigstellung einsetzt, ehe es irgendwie doch noch klappt. Aber in Russland könnte es tatsächlich dazu kommen, dass eine der zwölf ausgeguckten Spielstätten noch weicht. Das betrifft weniger Sankt Petersburg, wo der Bau der neuen Krestowskij-Arena schon sieben Jahre über dem ursprünglichen Zeitplan liegt, aber rechtzeitig zum Confed-Cup nächsten Sommer wirklich fertig sein soll - mit Gesamtkosten von mehr als einer Milliarde Dollar. Aber die Stadien in Samara und vor allem in Kaliningrad bereiten den Organisatoren echte Kopfzerbrechen. "Komplizierte Projekte", seien das, gestand kürzlich Vize-Premier Igor Schuwalow ein, das war ob der üblichen Diplomatierhetorik ein klares Eingeständnis, wie schwierig die Lage ist.

Zudem haben die Macher noch ein unangenehmes Problem zu lösen. Sie müssen dem Land Fußball-Begeisterung einimpfen. Der Fußball hat in Russland zwar eine große Tradition, aber zuletzt nahm das Interesse ab. Die Stadien sind ziemlich leer, gerade mal 11 000 Zuschauer besuchten im Schnitt ein Spiel der Premjer-Liga. Vergangenes Jahr erschreckte die WM-Macher eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Wziom. 73 Prozent der Bevölkerung ist Fußball demnach gleichgültig, 19 Prozent interessieren sich dafür, nur acht Prozent bezeichnen sich als Fan.

Das hat nicht nur, aber auch mit der kruden Szene zu tun, die sich in Russlands Stadien breitmacht und deren führende Vertreter sich zu Beginn der EM Straßen- und Stadionschlachten mit englischen Hooligans lieferten. Bisher sind die Verantwortlichen in Russland nicht richtig gegen die gewaltbereiten und rechtsradikalen Gruppierungen vorgegangen, aber letztlich ist die Hooligan-Problematik mit Blick auf die WM 2018 eine Frage des politischen Willens. Und es ist davon auszugehen, dass die politische Führung ähnliche Bilder wie in Marseille vermeiden will (und auch kann).

Ausländischen Fans mögen sich trotzdem abgeschreckt fühlen. Wenn sie anreisen, müssen sie mindestens 95 Euro pro Ticket berappen - dafür hat Staatspräsident Wladimir Putin schon zugesagt, dass es keines Visums bedarf, sondern das Billett zur Einreise ausreicht. Für einheimische Fans gibt es noch eine Spezial-Kategorie, die kommen dann schon für 18 Euro ins Stadion. So wollen die WM-Macher ausverkaufte WM-Stadien erreichen. Aber falls nicht genügend Leute Karten erwerben, dürften die Verantwortlichen schon auf Methoden kommen, wie sich die Staden füllen lassen.

© SZ vom 11.07.2016

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