MeinungSportpolitikDer russische Staatsdopingskandal hört einfach nie auf

Portrait undefined Johannes Aumüller

Kommentar von Johannes Aumüller

Lesezeit: 3 Min.

Mit Flagge, Hymne und allen Rechten: Russlands Athleten waren bei den Paralympics in Mailand und Cortina d'Ampezzo wieder voll in der Sportfamilie präsent.
Mit Flagge, Hymne und allen Rechten: Russlands Athleten waren bei den Paralympics in Mailand und Cortina d'Ampezzo wieder voll in der Sportfamilie präsent. Lisi Niesner/Reuters

Während der Sport trotz des Ukraine-Krieges Russland wieder als Teil der Familie begreift, bricht erneut das Dopingthema hervor. Jetzt ermittelt sogar die Welt-Anti-Doping-Agentur.

Gut zwölf Jahre ist der große Betrug nun her, rund zehn Jahre seine Enttarnung und eine erste große Sperre, acht Jahre das Auffliegen einer neuerlichen Datenmanipulation – und gut vier Jahre alt ist das vorläufige Ende aller Sanktionen. Aber tatsächlich geht der große russische Staatsdopingskandal, der den Sport erschüttert hat wie nur wenige andere Affären, wohl nie vorbei.

Gerade muss sich die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) mal wieder mit den Ausläufern beschäftigen. Erst kürzlich publizierte das Portal The Insider eine Recherche, nach der in die Umsetzung des staatlichen Dopingprogramms letztlich jene geheimdienstliche Einheit involviert war, die auch für die Anschläge gegen russische Oppositionelle wie Andrej Nawalny und Boris Nemzow zuständig war – und dass ein Geheimdienstmitglied in den sportrechtlichen Auseinandersetzungen als Zeuge der russischen Seite und angeblicher Forensiker auftrat. Obendrein hat die zuständige Wada-Ermittlungseinheit konkret die aktuelle Chefin der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) im Visier: Veronika Loginowa.

MeinungRusslands Rückkehr
:Dem Sport ist der Krieg in der Ukraine egal

SZ PlusKommentar von Johannes Aumüller
Portrait undefined Johannes Aumüller

Es geht dabei um den von einem Kronzeugen herangetragenen Vorwurf, dass Loginowa in die Vertuschungsaktionen in Sotschi involviert gewesen sei. Also in die Vorgänge bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Russland, als der Geheimdienst in der Nacht die dopingverseuchten Proben russischer Sportler gegen Röhrchen mit sauberem Urin austauschte. Loginowa selbst bestreitet das. Als die New York Times erstmals über das Thema berichtete, bezeichnete sie dies als „Fantasien, die offenbar dem Wunsch entspringen, mit ‚heißen Fakten‘ die Verkaufszahlen anzukurbeln“. Sie sei zwar Teil des Wada-Teams gewesen, habe aber keinerlei Einfluss auf die Arbeit des Anti-Doping-Labors oder den Umgang mit den Proben genommen. Nun betonte sie erneut, dass sie nicht angeklagt und zur Kooperation bereit sei.

Beim Blick auf Russland geht es im Weltsport gerade vor allem um den Krieg gegen die Ukraine. Noch ist Russlands Olympia-Komitee zwar suspendiert und starten russische Sportler meist allenfalls als neutrale Athleten. Aber obwohl der Krieg tobt wie zuvor, fangen vom Judo bis zum Schwimmen die ersten Sportarten an, Russland wieder als reguläres Mitglied zu begreifen, Flagge und Hymne bei Großevents inklusive. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Internationale Olympische Komitee (IOC) folgt. Aber selbst wenn der Sport dieses Thema irgendwann als erledigt betrachten sollte, ist da ja immer noch diese ewige Dopingfrage.

Das beginnt bei den vielen ungeklärten Strängen des russischen Staatsdopingskandals. Zu diesem gehörte nicht nur die Aktion in Sotschi 2014, sondern auch, dass jahrelang positive Proben als negativ an die internationalen Instanzen gemeldet wurden. Diese Vertuschungen und die späteren Datenlöschungen hatten gerade den Zweck zu verbergen, wer alles in den Genuss der Körpertunings gekommen ist. Möglicherweise auch Sportler und/oder Trainer, die heute noch oder bald wieder antreten?

Die Wada hatte Hinweise auf russisches Staatsdoping zunächst weitgehend ignoriert

Spätestens da geht dann auch um die Frage, wie eigentlich das Dopingkontrollsystem in Russland heutzutage greift. Noch bei den Winterspielen in Mailand berichtete Wada-Präsident Witold Banka, dass die Rusada derzeit als „non compliant“ gelte – also nicht dazu befugt sei, international anerkannte Tests durchzuführen. Das, so Banka, habe lediglich technische Gründe, wobei diese technischen Gründe immerhin bedeuten, dass Russland seine Gesetzgebung anpassen muss. Man kann sich in etwa vorstellen, welche Begeisterung dies in Russland auslöst.

Vor diesem Hintergrund wird es spannend zu beobachten sein, wie diese neuen Ermittlungen der Wada rund um den Staatsdopingskandal weiter ablaufen – und vor allem, welche Folgen die politische Führung der Wada aus der Arbeit ihrer Ermittlungseinheit zieht. Über all die Jahre des Dopingskandals sind der Weltsport und allen voran das Internationale Olympische Komitee (IOC) größtenteils milde mit Russland umgegangen. Die Wada selbst hatte nur eine kurze Phase, in der sie streng agierte – ursprünglich hatte sie Hinweise auf russisches Staatsdoping sogar ignoriert.

Zum ganzen Bild im Fall Loginowa gehört in jedem Fall schon jetzt ein bemerkenswerter Umstand. Nach all den Skandalen im russischen Sport und bei der Rusada verlangte die Wada vor ein paar Jahren „Unabhängigkeit“ bei der Besetzung der Führung und hatte Ende 2021 dann kein Problem mit Veronika Loginowa als neuer Chefin – obwohl diese jahrelang für die Rusada und das Sportministerium gearbeitet hatte.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Fis-Präsident Johan Eliasch
:Die letzte Rettung: ein armenischer Pass?

Johan Eliasch, der britisch-schwedische Skandalpräsident des Ski- und Snowboard-Weltverbands, wird von seinen Heimatländern nicht zur Wiederwahl nominiert – arbeitet aber womöglich an einer Lösung, um im Amt zu bleiben.

SZ PlusVon Felix Haselsteiner und Johannes Knuth

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: