Doping im Eiskunstlauf:Russlands Nachsicht mit Walijewa hat ein Nachspiel

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Die wichtigste Frage im Fall Kamila Walijewa bleibt offen: Wer verabreichte einem 15-jährigen Mädchen das verbotene Herzmittel Trimetazidin? (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Elf Monate nach Olympia in Peking urteilt Russlands Anti-Doping-Agentur: Die junge Eiskunstläuferin treffe keine Schuld an ihrem Dopingvergehen. Die Wada teilt darüber ihre Besorgnis mit unmissverständlicher Schärfe mit.

Von Barbara Klimke

Frustriert war der Eistänzer Evan Bates aus Michigan schon vor dem laxen Urteil gegen Kamila Walijewa. Frustriert ist er im Grunde seit elf Monaten, seit er im Februar ohne seine Medaille von den Olympischen Winterspielen in Peking abreisen musste, so wie die gesamte US-amerikanische Eiskunstlauf-Equipe. In letzter Minute war damals die Siegerehrung für den Team-Wettbewerb abgeblasen worden, weil ein Dopingbefund Kamila Walijewas, der jugendlichen Anführerin der erstplatzierten russischen Mannschaft, vorlag. Bis heute ist das Resultat nicht offiziell, noch immer sind die Ergebnislisten der Spiele mit einem Sternchen markiert.

"Ungerecht" nannte Bates diese Hinhaltetaktik zuletzt im Oktober. Jetzt soll es - zumindest aus russischer Sicht - fix gehen mit der Medaillenexpressverschickung: Denn Russlands Anti-Doping-Agentur (Rusada) hat den Fall Walijewa endlich abgeschlossen - und die mittlerweile 16-Jährige von jeglicher Schuld freigesprochen.

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Einen Dopingverstoß Walijewas räumte die Rusada zwar ein. Aber die russische Disziplinarkommission, die den Vorgang untersuchte, konnte "keine Schuld oder Fahrlässigkeit" der Eiskunstläuferin feststellen. Das teilte die Rusada der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nach langer Verschleppung des Falls jetzt mit. Sanktionen gegen Walijewa wurden nicht verhängt, lediglich ein Wettkampfresultat vom 25. Dezember 2021, dem Datum des Dopingtests, hat die Disziplinarkommission aberkannt: An jenem Tag war Walijewa russische Meisterin geworden, mit Spuren des verbotenen Herzmittels Trimetazidin in ihrem Körper. Das ist der Befund, den ein Analyselabor in Schweden nach den russischen Titelkämpfen entdeckte und der sich nicht wegdiskutieren lässt.

Die Forderung der Wada ist klar: vier Jahre Sperre

In einer ersten Reaktion hat die Wada die vollständige Urteilsbegründung aus Russland angefordert, um zu prüfen, ob sich der Freispruch mit dem weltweit geltenden Anti-Doping-Code vereinbaren lässt. Gleichwohl hat die Wada in unmissverständlicher Schärfe ihre "Besorgnis" mitgeteilt: Sie werde nicht zögern, gegebenenfalls Widerspruch beim Internationalen Sportgerichtshof Cas einzulegen. Schon seit November ist der Fall dort anhängig, weil die russische Seite alle Fristen für eine Meldung der juristischen Aufarbeitung des Dopingbefunds innerhalb ihrer Sportgerichtsbarkeit verstreichen ließ. Welche Sanktionen die Wada fordert, ist aus den Unterlagen ebenfalls ersichtlich: eine Vierjahressperre Walijewas samt Disqualifikation in allen Wettbewerben seit dem 25. Dezember 2021 - "einschließlich des Verlusts von Medaillen, Punkten und Preisen", wie es heißt.

So wird die Nachsicht der Rusada wohl ein Nachspiel haben. Denn Eiskunstlauf-Europameisterin ist Walijewa geblieben; ebenso, nach Ansicht der Russen, Team-Olympiasiegerin in Peking und Vierte in einem olympischen Frauen-Finale, das wegen der Hauptperson, Kamila Walijewa, einem weltweiten Publikum als ein an Absurdität kaum zu überbietendes Kufenspektakel in Erinnerung blieb. Die Duma-Abgeordnete Swetlana Schurowa, ehemals Eisschnellläuferin, hat das Rusada-Verdikt in russischen Medien bereits ein "Zwischenurteil" genannt, wie das Portal Inside The Games berichtete: Schurowa gehe davon aus, dass die Causa letztlich vor Gericht entschieden wird.

Der Dopingfall Walijewa galt von Beginn an als Politikum, schon bevor Russlands Machthaber Putin kurz nach Erlöschen des Olympischen Feuers im Februar den Befehl zur Bombardierung der Ukraine gab - und als Konsequenz die Athleten des Kriegsaggressors von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen wurden. Im Februar in Peking war die Sportnation noch offiziell disqualifiziert wegen eines jahrelangen Staatsdopingskandals. Russische Athleten traten ohne Landesnamen, Flagge und Nationalhymne an. Dass ausgerechnet der Prominentesten, der umjubelten, damals erst 15 Jahre alten Kufenkünstlerin, die Einnahme eines verbotenen Herzmedikaments nachgewiesen worden war, was am 8. Februar nach dem Team-Wettbewerb bekannt wurde, schien alle Befürchtungen zu bestätigen.

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Walijewa wurde automatisch gesperrt, die Rusada hob die Sperre einen Tag später auf - weil Walijewa als Minderjährige besonders schutzbedürftig sei, argumentierte sie. Ein Ad-hoc-Urteil des Cas bestätigte wenige Stunden vor dem Solowettbewerb, dass Walijewa dort starten dürfe. Diese nervliche Belastung war zu viel für die junge Favoritin: In der Kür stürzte und stolperte sie übers Eis und wurde, weinend, als Vierte vernichtend geschlagen.

Zehn Monate später, bei den russischen Meisterschaften im Dezember 2022, ist Walijewa Zweite geworden. Sie ist noch immer die beliebteste Sportlerin im Riesenreich, wie eine Umfrage kürzlich ergab. Aber auch wenn Russlands Anti-Doping-Agentur ihr nun jede Schuld abspricht, bleiben die wichtigsten Fragen ohne Antwort: Wer verabreichte einem 15-jährigen Mädchen das verbotene Herzmittel Trimetazidin sowie, laut einem Dossier, zwei weitere erlaubte Substanzen, Hypoxen und L-Carnitin? Wer ist verantwortlich für das Minderjährigendoping? Wen will Russlands Sport für ein derartiges Verbrechen zur Rechenschaft ziehen?

In den USA verlangt Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur, von der Wada und dem Eislauf-Weltverband, Berufung gegen den russischen Freispruch einzulegen: um "die Rechte aller Athleten zu wahren". Er fordert eine öffentliche Anhörung - außerhalb Russlands. Für das Eislaufteam der USA um Evan Bates, das damals in Peking Rang zwei belegte, hieße das wie für die drittplatzierten Japaner: Die Warterei auf die Medaillen würde weitergehen.

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