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Russland bei Olympia:Was passiert mit den 155 auffälligen Proben aus dem Fußball?

Unangenehm ist Mutkos Bann auch für Putin, der mit der WM ein weit größeres Prestigeprojekt vor der Brust hat, als es die Sotschi-Winterspiele waren. Mutko spielt nicht nur eine spannende Rolle in den Unterlagen des McLaren-Reports, völlig ungeklärt ist auch nach wie vor die Situation um 155 auffällige Fußball-Proben, die von den unabhängigen Fahndern vermerkt worden sind. Für McLaren ist klar, dass es neben dem olympischen Betrugssystem auch eines für die Fußballer gab. Nun hat auch das IOC diesen Ball rübergespielt.

Der Spruch von Lausanne ist einer, den sich die Olympier noch vor wenigen Wochen selbst nicht hätten vorstellen können. Bis dahin war das IOC erkennbar die Linie gefahren, Russland nur mit einer Geldstrafe belästigen zu wollen. Diese Option war bei der Session im September in Lima/Peru sogar flott ins Regelwerk eingefügt worden. Kommissionen unter Schmid und dem IOC-Mann Denis Oswald werkelten monatelang vor sich hin, während das Gerücht vom milden Bußgeldbescheid immer heftiger nach außen drang.

Es erreichte auch Grigorij Rodtschenkow. Der langjährige Chef des Moskauer Dopinglabors, selbst einer der Köpfe des nationalen Betrugs, war Ende 2015 in Ungnade gefallen und hatte sich in die USA abgesetzt, ins US-Zeugenschutzprogramm. Dabei hatte er mehr Belastungsmaterialien mitgenommen, als bis dahin bekannt war. Nun also griff Rodtschenkow noch einmal tief in die Beweiskiste - und förderte die Datenbank des Moskauer Labors zutage.

Die schickte er Ende Oktober an die Welt-Anti-Doping-Agentur, welche die heiße Ware sogleich weiter an die Oswald-Kommission leitete. Die hatte nun das Füllmaterial für all die Lücken, die bis dahin die Beweisketten gegen russische Athleten offenbarten, deren Urine ausgetauscht worden waren - und denen deshalb keine positiven Befunde nachgewiesen werden konnten. Als Oswalds Stab vor fünf Wochen anfing, reihenweise russische Sportler zu sperren, war klar: Es gibt neue, unmissverständliche Beweise. Nicht mal das IOC konnte sie länger ignorieren.

© SZ vom 06.12.2017/chge
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