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Russische Nationalelf:Mehrere filmreife Tricks

Wer nun die mehr als 1000 Dokumente McLarens im Internet durchforstet, stößt auf ein Dokument, das gebündelt alle Probennummern wiedergibt, die zu diesen 24 Fußballer-Codierungen gehören; aufgereiht in einer Liste, die den Dateinamen "Kontrolle 3. Juni 2014" trägt. Hinter jedem geschwärzten Namen wurde der 3. Juni sogar noch einmal separat vermerkt. Und beglaubigt wird das Ganze durch die Mail, die tags darauf Alexej Welikodnij aus dem Sportministerium an den Kontrolllaborchef Grigorij Rodtschenkow schrieb.

Der Fifa liegt dieses Wissen seit Monaten vor. Explizit mit diesen Dokumenten konfrontiert, wiederholt sie nur ihr übliches, vages Statement: Untersuchungen liefen, man wolle keine Details nennen - und merkwürdigerweise nicht einmal, wer diese Ermittlungen führt. Die Wada teilte der SZ mit, sie erwarte "ungeduldig" die Ergebnisse des Weltverbands, und versicherte, sie helfe allen Verbänden, jede Art Beweise in der Datenbank zu finden.

Diese Mail aus dem Sportministerium an Laborchef Rodtschenkow sowie diese Liste aus dem Fundus des Doping-Ermittlers McLaren bringen die Fifa und Russlands Fußball in Schwierigkeiten. Bearbeitung: SZ-Grafik

Russlands Verband antwortete auf Anfrage nicht. Er hatte sich in den vergangenen Tagen beim Aufkommen der Doping-Thematik stets empört gezeigt. In Russlands Fußball habe es kein Doping gegeben und werde es kein Doping geben, behauptete Witalij Mutko, Vize-Premier und Chef des Fußballverbandes. WM-Chefplaner Alexej Sorokin bezeichnete die Vorwürfe gar als absichtlich falsch. "Es ist sehr bizarr, dass dies jetzt aufkommt", zürnte er.

In McLarens 34-seitiger Gesamttabelle ist hinter allen Mitgliedern der WM-Fußballauswahl die Spalte "Substanz" leer, in der Spalte "Adams" lautet der Eintrag "negativ". Das muss keineswegs heißen, dass alles okay war. Das russische System hatte, wie McLaren nachwies, in verschiedenen Sportarten zu verschiedenen Zeiten verschiedene Manipulationspraktiken parat. Eine sah vor, Positivtests einfach verschwinden zu lassen. Das Labor informierte das Sportministerium über alle Positivtests - und die Behördenspitze entschied in jedem einzelnen Fall auf "save" oder "quarantine". "Save" bedeutete, das Labor solle den Positivbefund als negativ in Adams einspeisen. Das sei in mehr als 500 Fällen geschehen, hält McLaren fest.

Es gab mehr filmreife Tricks: Vor den Heim-Winterspielen in Sotschi 2014 legten die Manipulateure eine "Bank" mit sauberen Urinen an, um erforderlichenfalls positive Proben austauschen zu können. Diese Methode, vermutet McLaren jetzt öffentlich, sei separat auch für den Fußball angewendet worden. Er stützt das auf den dokumentierten Mailverkehr russischer Funktionäre. Dort wird etwa im Juni 2015 von einem anonymen Verfasser der Fund von Dexamethason im Urin eines Profis der ersten russischen Liga moniert, ein verbotenes Stimulanz. Betroffen sei die Probe "3878295". Dann wurde ein möglicher Austausch erörtert. "Nach unseren Informationen", sagte McLaren, "wurde versucht, diese Probe auszutauschen."

Große Skepsis herrscht bei den Betrugsbekämpfern, ob die Fifa das Thema wirklich anpackt. Denn tatsächlich hat das Aufklärungsprozedere gewaltige Schwächen - zuständig für die Nachtests der verdächtigen 155 Proben ist der Weltverband selbst. Das ist ein enormer finanzieller Interessenskonflikt: Die Fifa muss herausfinden, ob es 2014 eine Dopingverschwörung gab, die in der Konsequenz ihr werthaltigstes Produkt, die Fußball-WM, beschädigen würde. McLaren hat die Fifa auf die Existenz der 155 Proben hingewiesen. Aber auf die Anfrage, wie der Umgang des Weltverbands mit möglichen Positivfällen kontrolliert werden kann, hüllt er sich ebenso wie die Wada in Schweigen.

Der reiche, vom Rest des Sports unabhängige Fußball hat stets ein eigenes Testsystem betrieben, um Glaubwürdigkeit scherte er sich nie. Und so wird, wenn 2018 in Russland die WM stattfindet, die Wada nur unbeteiligter Zaungast sein; wie bei allen Turnieren zuvor. Denn die Fifa kontrolliert sich selbst. Hätte es bei vergangenen Weltmeisterschaften Positivfälle gegeben, wären diese stets zuerst auf dem Tisch von Leuten gelandet, gegen die heute Strafbehörden ermitteln: Fifa-Chef Sepp Blatter und Generalsekretär Jerome Valcke.

In Brasilien 2014 schied Russlands Sbornaja übrigens schon in der Vorrunde aus.

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