Tennis:Der dänische Djokovic

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Athletisch und risikofreudig: Holger Rune. (Foto: Julian Finney/Getty Images)

Vor einem Jahr zog Holger Rune bei den US Open die Blicke auf sich, als er mit einer Ikea-Tüte auf den Platz kam. Nun ist der 19-Jährige in die Top Ten aufgestiegen - und glaubt, dass er jeden schlagen kann.

Von Gerald Kleffmann

Es ist nicht so, dass Holger Rune aus dem Nichts im Tenniskosmos auftauchte. Im September 2021 zog er mit einer Ikea-Einkaufstüte die Blicke auf sich. Zu seinem bis dahin größten Match war er bei den US Open in New York mit der blauen Tasche namens Frakta, Kaufpreis ein Euro, auf den Platz marschiert und schwärmte, nachdem er sich tapfer gegen Novak Djokovic gewehrt und dem Favoriten einen Satz abgeluchst hatte: "Es ist eine nette Tasche. Ich kann alle meine Getränke reintun und Bananen."

Damals war er die Nummer 145 der Welt. Im April wurde ihm Respekt gezollt, als er am selben Tag zwei Matches bei zwei Turnieren an zwei Orten bestritt und gewann. Zunächst siegte er im Finale des Challengers in Sanremo, dann ins Auto, ab nach Monte-Carlo, Sieg in Runde eins der Qualifikation. "Der Tag davor war schon hart, weil ich darüber nachdachte, wie ich alles organisiere", sagte er. Damals war er die Nummer 91.

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Die Frage, ob der Tennisprofi im Januar in Melbourne als Ungeimpfter starten darf, liegt bei der australischen Regierung. Djokovic müsste um Aufhebung seines dreijährigen Einreiseverbotes bitten - und das ist sein gutes Recht.

Kommentar von Gerald Kleffmann

Seit diesem Montag ist Holger Rune, der 19-jährige Ranglistenkletterer aus Kopenhagen, die Nummer zehn. So hoch stand ein männlicher dänischer Profi noch nie. Er hatte beim Turnier der Masters-Serie in Paris-Bercy nicht nur das Kunststück fertiggebracht, fünf Top-Ten-Spieler hintereinander zu bezwingen, sondern dabei auch im Finale am Sonntag den 21-maligen Grand-Slam-Champion Novak Djokovic, 3:6, 6:3, 7:5. "Du hast diesen Sieg absolut verdient", sagte der Serbe bei der Ehrung in Paris-Bercy zu Rune, der zuvor (nach dem Auftaktsieg gegen den Schweizer Stan Wawrinka) den Polen Hubert Hurkacz, den Russen Andrej Rubljow, den Spanier Carlos Alcaraz (Aufgabe) und den Kanadier Félix Auger-Aliassime bezwungen hatte: "Was für eine außergewöhnliche Woche. Ich bin nicht glücklich, dass du mich geschlagen hast, aber ich freue mich für dich, weil ich deine Persönlichkeit mag."

Rune, so empfand es Djokovic, sei ein "sehr engagierter Kerl", der Tennis liebe - "ich bin sicher, deine Zukunft wird strahlen". Dafür sprechen nicht nur Runes spielerische und körperliche Fähigkeiten. Dafür sprechen auch sein Naturell, seine Einstellung, sein Ehrgeiz.

Novak Djokovic schwärmt von Carlos Alcaraz und Holger Rune: "Sie sind für 19-Jährige sehr vollständige Spieler."

Djokovic zog einen diesbezüglich berechtigten Vergleich. "Er hat einige Elemente, die mich an mich erinnern, als ich in seinem Alter war." Rune habe einen ausgeprägten "Wettkampfgeist", sei "sehr überzeugt, wage die Schläge". Davon zeugte im Endspiel besonders Runes letztes Aufschlagspiel. Rund 20 Minuten lang kämpfte er darum, sein Break zum 6:5 im dritten Satz mit dem Triumph zu vollenden. Rune war zäh wie Kaugummi und ließ sich nicht abschütteln von Djokovic, der sechs Breakbälle ausließ, untypisch für ihn. Rune attackierte. Mal mit der Aufschlag-Volley-Variante, mal mit der harten Vorhand oder Rückhand. Mal streute er einen Stoppball ein. Er habe seine "junge Kraft", auch seine "Willenskraft" benutzt, erklärte Rune. Er glaube wirklich, gegen jeden gewinnen zu können.

Spätestens seit dieser Woche weiß die Konkurrenz: Der athletische, mit Skifahrerbeinen ausgestattete Rune meint das ernst. Auch Ankündigungen wie beim kleinen ATP-Turnier in München im Frühjahr, er wolle die Nummer eins werden, klingen nicht mehr nach Jungentraum. In München hatte er erst Alexander Zverev besiegt und dann den Titel samt Auto gewonnen, was eine lustige Geschichte war. Er besaß ja nicht mal einen Führerschein, so jung war der Emporkömmling, der gerne strahlt und das Wort "happy" verwendet. Niederlagen nimmt Rune indes persönlich, das war schon als Kind so, wie seine ihn stets begleitende Mutter Aneke bei den French Open erzählte, als ihr Sohn erstmals bei einem Grand Slam bis ins Viertelfinale vorstieß. Als Siebenjähriger wurde er mal Zweiter und war so sauer, dass er den Pokal nicht hochheben wollte.

"Ich bin nicht glücklich, dass du mich geschlagen hast, aber ich freue mich für dich, weil ich deine Persönlichkeit mag": Novak Djokovic (links) nach seiner Niederlage gegen Holger Rune. (Foto: Antonio Borga/HMB-Media/Imago)

Mit seinem größten Triumph, der ihm 836 355 Euro einbrachte, hat Rune nun zu einer Gruppe junger Rivalen aufgeschlossen, die sich bereits in der Spitze etabliert hat, Alcaraz, der Grieche Stefanos Tsitsipas, Auger-Aliassime, der Amerikaner Taylor Fritz. Von einer Revolution oder einem Umsturz lässt sich noch nicht sprechen, aber ein Trend setzt sich mit Runes Coup fort: Die Jungen umzingeln die Branchenriesen Djokovic und Rafael Nadal und nutzen Chancen, die sich in dieser Saison natürlich auch ergaben, weil Nadal oft angeschlagen oder verletzt war sowie Djokovic mangels Corona-Impfung nicht nach Australien und in die USA einreisen durfte und wichtige Turniere verpasste. Der Rücktritt von Roger Federer Mitte September bedeutete zudem die in diesem Jahr auffälligste Zäsur im Männertennis. Zugleich gewannen die Jungen auch einige Duelle mit Djokovic und Nadal.

Somit ergibt sich das Bild, dass Djokovic und Nadal am liebsten die Zeit strecken wollen, um noch Last-Minute-Siege einzufahren, es den jüngeren Herausforderern indes nicht schnell genug gehen kann mit der Machtübernahme. Der Respekt vor dieser zielstrebigen Generation ist jedenfalls groß. Gefragt nach dem Weltranglistenersten Carlos Alcaraz, für den die Saison nach einer Bauchmuskelverletzung beendet ist, und Rune, antwortete Djokovic: "Sie sind für 19-Jährige sehr vollständige Spieler. Das ist sehr beeindruckend. Auch ihre Energie, das Wollen, das sich Motivieren und mental in der Gegenwart Bleiben, ist beeindruckend."

Rune, der eigentlich in Mailand beim Next-Gen-Finale der besten Jungprofis antreten wollte, hat seinen Start zurückgezogen - und reist als erster Nachrückerkandidat zu den ATP-Finals nach Turin, zu den großen Jungs. "Ich habe das alles vor vier, fünf Wochen nicht erwartet", sagte Rune, zuletzt in vier Finals in Serie, "aber hier bin ich."

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