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Karl-Heinz Rummenigge:Und er ließ es den Trainer spüren

Bayern München - Roter Stern Belgrad

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: dpa)

Karl-Heinz Rummenigge geht in die finale Phase seiner Zeit als Bayern-Vorstandschef. Im Spannungsverhältnis zwischen ihm und Präsident Uli Hoeneß wirkte einer zunehmend überfordert: Coach Niko Kovac.

Es gibt diese wenigen öffentlichen Orte, an denen das Wesentliche über das Innenleben des FC Bayern zu hören ist. An denen Ruckreden gehalten werden, die motivieren sollen, und Strafpredigten, die so scharf sind, dass sie die Prüfung eines Beleidigungsvorwurfs kaum überstehen würden. Orte, an denen der FC Bayern sein rotes Herz auf der Zunge trägt; wo auch das, was nicht gesagt wird, eine Botschaft ist. Wer dort seit Monaten genau zuhörte, der wusste, dass die Zeit des Trainers Niko Kovac schon bald zu Ende ist. Denn Karl-Heinz Rummenigge hat ihn konsequent kaum noch erwähnt.

Sobald der FC Bayern in der Champions League auf Reisen ist, greift Rummenigge, 64, zum Mikrofon. Als Bankettredner steht er in der Nachfolge von Franz Beckenbauer. Legendär war Beckenbauers Auftritt, als er das im Trainingsanzug versammelte Münchner Kollektiv einst als "Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, als Altherrenteam" geißelte. Rummenigge spricht weniger bildreich, er pflegt die klare Kante, da geht das westfälische Naturell immer den direkten Weg. Im Oktober erst hatte Rummenigge der Mannschaft in Piräus die Leviten gelesen, doch bei Lachs an Champagnersoße und Sevruga-Kaviar, wie das Protokoll notierte, kam der Trainer schon nicht mehr vor. Nun, nach einem ehrenrührigen 1:5 in Frankfurt, wurde dann Vollzug gemeldet.

Es ist nicht der erste Trainer, der unter Rummenigge, dem Vorstandschef des FC Bayern, vorzeitig von der Gehaltsliste verschwindet. Im Jahr 2007 genügte ein einziger Satz, der, auch wenn nicht auf dem Bankett gesprochen, eine Lawine in Gang setzte. "Fußball ist keine Mathematik!", sagte er, als er den Stab über Trainer Ottmar Hitzfeld brach, der seiner Meinung nach die Sache allzu akademisch anging. Der Zeigefinger lag direkt auf der Wunde: Hitzfeld ist Mathematiklehrer.

Kovac war der Mann von Hoeneß, Rummenigge hatte andere Pläne. Dies hat er den Trainer spüren lassen

Wenn heute vom macht- und erfolgsfixierten Chef die Rede ist, wird eines oft vergessen: Er weiß genau, wovon er spricht. Schnörkelreicher als sein Satzbau, doch immerzu aufs Ziel fixiert, war sein eigenes Spiel. Auch Rummenigge ist ja wie so viele aus den kurzen Hosen in die Chefetage der Münchner befördert worden. Er bestritt fast hundert Länderspiele (45 Tore), er wurde Europameister und Vizeweltmeister, weltweit war der gebürtige Lippstädter der zweitteuerste Profi überhaupt, als er 1984 für circa elf Millionen vom FC Bayern zu Inter Mailand transferiert wurde. Teurer war damals nur Maradona. Zweimal wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt (1980, 1981), und das britische Popduo Alan & Denise besang die Single "Rummenigge" und darauf sogar sein Knie ("sexy knee").

Diese ereignisreiche Laufbahn geht ihrem Ende entgegen. Und für alles, was beim FC Bayern gerade geschieht, ist es elementar zu wissen, dass Rummenigge dies nicht selbst beschlossen hat. Das hat Uli Hoeneß, der Klubpräsident, getan. Hoeneß hat - parallel zum eigenen Rückzug - in den Aufsichtsgremien durchgesetzt, dass die Vereinsspitze verjüngt werden muss; dass Rummenigge Ende 2021 seinen Vorstandsjob an den früheren Torwart Oliver Kahn, 50, zu übergeben hat. Trotzdem sitzen Hoeneß und Rummenigge bei den Spielen weiterhin nebeneinander, sie führen die turbulenteste On-off-Beziehung des deutschen Sports. Der Trainer Kovac wirkte in diesem Spannungsfeld zunehmend überfordert.

Sicher, fachlich mag die Entscheidung gerechtfertigt sein, ihn zu verabschieden. Nur wirkte es zuvor oft wie unterlassene Hilfeleistung, denn alle wussten, dass Kovac im Münchner Reizklima hilfsbedürftig war. Kovac war der Mann von Hoeneß, Rummenigge hatte andere Pläne. Dies hat er den Trainer spüren lassen. Sogar als der FC Bayern im Mai den DFB-Pokal gewann, als Kovac in seiner Geburtsstadt Berlin vom Publikum gefeiert wurde. In der Bankettrede sagte Rummenigge allen Dank, der Mannschaft, den Ärzten. Nur dem Trainer dankte er explizit mit keinem Wort.

© SZ vom 05.11.2019/chge

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