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Rugby-WM:Wenn Rivalen aus dem Boden wachsen

Das Wunder von Shizuoka: Der eingewechselte Kenki Fukuoka entwischt den Verfolgern und erzielt den Try, der Japans Sieg gegen Irland besiegelt.

(Foto: Tsuyoshi Ueda/AP)
  • Gastgeber Japan gelingt bei der Rugby-WM ein Überraschungserfolg gegen den Mitfavoriten Irland.
  • Die Iren mussten zugestehen, dass sie gegen eine bessere Mannschaft verloren hatten.
  • Im Viertelfinale ist Japan aber noch nicht.

Am nächsten Tag gewann Wales in Tokio gegen Australien 29:25. Das war ein weiterer Höhepunkt der Rugby-WM. Zwei Favoriten prallten krachend aufeinander, und am Ende bewahrten die Briten ihren früh erkämpften Vorsprung. Wales-Coach Warren Gatland war angetan, es läuft für sein Team. Da konnte er auch über jenen WM-Höhepunkt sprechen, der sich 24 Stunden zuvor in Shizuoka ereignet hatte und der die Leute im Gastgeberland sehr viel mehr gerührt hatte als die Energieleistung seiner Männer: das 19:12 Japans gegen den Weltranglistenzweiten Irland also. "Fantastisch für die WM", sagte Warren Gatland höflich, "gut für das Turnier und für Japan als Land."

In der Tat hat Japans Mannschaft ihre Mission schon fast erfüllt bei dieser Heim-WM nach ihrem gar nicht mal so knappen Erfolg über den Mitfavoriten Irland. Sie soll das Spiel Rugby in die Seelen der Japanerinnen und Japaner tragen, auf dass es in der Sumo-Nation eine nachhaltige Beliebtheit erlange. Und mit dem Erfolg vom Samstag ist sie dabei ein gutes Stück weiter gekommen. Außerhalb Irlands ist die Begeisterung über die Brave Blossoms von Coach Jamie Joseph jedenfalls groß gewesen.

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Die Zeitung Yomiuri Shimbun übertrieb es vielleicht ein bisschen mit ihrem Titel: "Japan erlegt einen weiteren Riesen." Die Iren waren nach der Niederlage schließlich noch ziemlich lebendig. Aber dass jubelnde japanische Rugbyspieler am Morgen danach die Titelseiten der Zeitungen schmückten, war durchaus der Ausdruck einer besonderen nationalen Freude. Japaner, von Natur aus eher schmal und klein gewachsen, gewinnen im Spiel der breiten Männer - das ist was wert.

Japans Rugbyspieler haben Erfahrung mit Außenseitersiegen. Vor vier Jahren in England waren sie auch schon WM-Gespräch, als sie Südafrika 34:32 bezwangen. Aber damals war es anders. Damals hatten sie sich am Schluss irgendwie durchgewurschtelt und waren anschließend trotzdem ausgeschieden. Diesmal bezwangen sie ihren Gegner mit Herz, Verstand und sehr großer körperlicher Präsenz. Die Iren fühlten sich nach dem Spiel nicht von den Rugby-Göttern im Stich gelassen, unglücklich bezwungen oder sonstwie verunfallt - sie mussten zugestehen, dass sie gegen eine bessere Mannschaft verloren hatten. "Sie hatten eine unglaublich starke Verteidigung", sagte der Erste-Reihe-Angreifer Cian Healy, "von Anfang an kam Welle auf Welle von permanentem Druck."

Ein Außenseiter bleibt Japans Team weiterhin

Es begann nicht schlecht für Irland. Ihr Plan war wohl, die Japaner aus der Luft zu schlagen: Hohe Kicks waren der Ausgangspunkt für die beiden Trys durch Gary Ringrose und Bob Kearney, die Irland erst 5:0, dann 10:3 in Führung brachten. Aber dann drängten die Japaner mit Geduld und Tempo, erzwangen Penaltys und damit erste Punkte, ehe sie dem irischen Spiel in der zweiten Halbzeit endgültig die Luft abdrehten. In der 59. Minute brach Kenki Fukuoka auf der linken Seite durch, klassisch freigespielt von seinen Kollegen. Der 9:12-Pausenstand verwandelte sich in ein 14:12. Die Angriffe der Iren prallten ab. Es musste ihnen vorkommen, als wachse auf jedem freien Stück Fläche ständig ein neuer Japaner aus dem Boden. Penalty-Spezialist Yu Tamura stellte acht Minuten vor Schluss auf 19:12. Da war klar: Irland verliert.

Seit Januar hat Coach Joseph Japans Nationalspieler unter Kontrolle, jeder hat sich von seinen Klubrugby-Pflichten entbunden, um ganz für die nationale Aufgabe da zu sein. Das Irlandspiel scheint dabei ein besonderer Fixpunkt in der Aufbauarbeit gewesen zu sein. "Wir haben uns auf dieses Spiel viel länger vorbereitet als die Iren", sagte Joseph, "das letzte Jahr mindestens, wenn nicht sogar die letzten drei Jahre. Die Iren haben über das Spiel seit Montag nachgedacht." Sein irischer Kollege Joe Schmidt bestritt, dass er die Japaner unterschätzt habe. "Wir haben sie genauso gut erwartet, wie sie waren", sagte Schmidt, was die Leistung seiner Mannschaft allerdings nicht besser aussehen ließ.

Im Viertelfinale ist Japan damit noch nicht, Joseph ist wachsam. Jeder Sieg in der Gruppenphase bringt vier Punkte, jedes Unentschieden zwei, für vier oder mehr Trys in einem Spiel gibt es Bonuszähler. Das bedeutet, man kann auch mit drei Siegen ausscheiden, die Japaner mussten das 2015 erfahren. Und ein Außenseiter bleiben sie weiterhin. Joe Schmidt lobte Japans Team ausführlich, aber er wusste auch, dass sich seine Leute diese Niederlage im Sinne der WM-Stimmung durchaus leisten konnten. Und Wales-Coach Gatland deutete an, dass andere Favoriten andere Mittel gegen das japanische Tempo-Rugby haben könnten. "Wir", sagte er lässig, "wollen sicher nichts mit einem Außenseitersieg zu tun haben."

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