Süddeutsche Zeitung

Rückkehr von Tommy Haas:Jedes Match könnte das letzte sein

  • Beim ATP-Turnier in Stuttgart gibt Tommy Haas sein Comeback.
  • Nach der vierten Schulteroperation kann er nicht mehr spielen wie früher. Er musste sein Spiel umstellen.
  • Zu den Ergebnissen vom Turnier in Stuttgart geht es hier.

Von Matthias Schmid, Stuttgart

Bei seiner Rückkehr auf die Profitour nach mehr als einjähriger Abstinenz musste sich Tommy Haas erst wieder an die Begleitumstände gewöhnen, die der Berufsalltag neben der Arbeit auf dem Platz so mit sich bringt. Haas war nach seinem 6:4, 7:5-Sieg gegen den Kasachen Michail Kukuschkin am Dienstagnachmittag ausgewählt worden, beim Rasenturnier auf dem Stuttgarter Killesberg mit den Gewinnerinnen des Ladies Day mit einem Perlgetränk anzustoßen. Erst der Sieg, dann die kleine Feier - Haas ist zurück auf der Tennistour, mal wieder, die Zahl seiner Comebacks ist inzwischen Legende.

Zum vierten Mal hatte er im Mai 2014 wegen einer Schulterverletzung auf dem Operationstisch gelegen; erneut hatte er sich die gerissene Supraspinatussehne am rechten Schlagarm zusammenflicken lassen. Seit seiner Aufgabe kurz vor der Operation bei den French Open in der ersten Runde hatte er in keinem offiziellen Spiel mehr auf dem Platz gestanden.

Man sah es ihm auf den ersten Blick nicht an, austrainiert und drahtig wie immer bewegte er sich über das Stuttgarter Gras und variierte sein Spiel von der Grundlinie wie kaum ein anderer Berufsspieler. Mal spielte er eine Vorhand mit viel Vorwärtsdrall, dann folgte eine Rückhand mit viel Unterschnitt. Diese Slice-Bälle sind auf dem schnellen Untergrund effektiv und gemein, weil sie so tief über die auf acht Millimeter getrimmten Grashalme fliegen, dass der Gegner seinen Schwerpunkt weit nach unten verlagern muss, um den Ball zurückspielen zu können. Kukuschkin kam damit nicht zurecht.

"Ich bin sehr glücklich, wie es gelaufen ist", bekannte Haas, zumal er sich nicht daran erinnern könne, "die erste Partie bei einem Comeback mal gewonnen zu haben." Sein Spiel im Training zurückzuerlangen und es dann wie gewünscht im Match umzusetzen, stellt die schwierigste Herausforderung für Profisportler nach langen Absenzen dar. Plötzlich wuseln da wieder Ballkinder herum, sitzen Linienrichter am Platz und der Stuhlschiedsrichter sagt den Spielstand an.

Haas will sich nicht beeindrucken lassen

"Solche Momente kannst du nicht trainieren", findet Haas. Auch deshalb hatte er seine Rückkehr in diesem Jahr schon häufiger verschoben. Zuletzt hatte er seine Teilnahme beim Turnier in München im letzten Moment gestrichen, anschließend sogar komplett auf die anstrengende Sandplatzsaison verzichtet.

Lange, intensive Ballwechsel kann und will Haas seinen mehrfach reparierten Sehnen und Muskeln ohnehin nicht mehr zumuten. Er hatte sich deshalb für seine erstes Match auf dem Rasen vorgenommen, aggressiv zu spielen, auch Serve-and-Volley einzustreuen, also nach dem Aufschlag sofort ans Netz zu spurten, um den Punkt mit einem Flugball zu beenden. "Ich habe es aber nicht einmal gemacht", sagte er anschließend und blickte kurz so grimmig drein, als wäre dies ein schwerer Vorwurf an sich selbst.

Aber die Schulter erlaubt eben nicht mehr alles, vor allem bei Bewegungen oberhalb des Kopfes sei es "ziemlich zäh", wie er einräumt. Die Sehnen klemmen hier und da, er würde gerne mit mehr Geschwindigkeit aufschlagen. In seiner idealen Tennis-Welt beginnen richtige Aufschläge bei 200 km/h, gegen Kukuschkin pendelten sie sich zwischen 159 und 174 Stundenkilometern ein, beim ersten Aufschlag wohlgemerkt, ambitionierte Hobbyspieler schlagen schneller auf.

Haas aber will sich davon nicht beeindrucken lassen, er platziert die Aufschläge stattdessen so clever, dass er auch ohne Geschwindigkeit leichte Punkte gewinnen kann. Er weiß, dass jedes Match das letzte sein kann. Das letzte der Karriere, eine fünfte Operation würde er sich nicht mehr antun.

An diesem Donnerstag nun bekommt er es beim TC Weissenhof mit dem in Stuttgart geborenen Australier Bernard Tomic zu tun. Konkrete Ziele hat sich Haas nicht mehr gesetzt, "jeder Profi will seine Spiele gewinnen", sagt er lediglich. Nach dem Turnier in Stuttgart reist er weiter nach Halle, anschließend steht Wimbledon auf dem Programm. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Schulter nicht mehr schmerzt", sagte Haas. Schwer war der Arm geworden nach dem Sieg gegen Kukuschkin, müde.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2514676
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 11.06.2015/ska
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.