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Rudern:Vom Acker in die Berge

ROWING FISA WC 2019 LINZ AUSTRIA 31 AUG 19 ROWING FISA World Championships 2019 Image shows

Medaille in Linz: Jason Osborne gewinnt 2019 zusammen mit Partner Jonathan Rommelmann WM-Bronze.

(Foto: Andreas Pranter/imago)

Jason Osborne, Europameister und Ex-Weltmeister im Zweier-Boot, steigt nach den Spielen in Tokio aufs Rennrad um. Die Leichtgewichtsklasse, in der er startet, wird nach 2021 aus dem olympischen Programm gestrichen.

Diese Stunden auf dem Acker werden ihm fehlen. Dieses Training, wenn Jason Osborne die Boote des Segelklubs hinter sich gelassen hat und dann fast alleine ist auf dem Rhein, genauer auf dessen Seitenarm bei Mainz namens Acker. Wenn die Sonne scheint und die Bäume an ihm vorbeiziehen. Wenn er mit den Rudern rechts und links ins Wasser pflügt, den Rhythmus gefunden hat und außer dem Plätschern der Paddel alles still ist. "Dann bist du eins mit der Natur", sagt Jason Osborne, "und das ist echt schön."

Doch auch diese schöne Zeit läuft ab, und das Leben geht weiter. Durch die Verlegung der Olympischen Spiele von Tokio um exakt ein Jahr, wird der deutsche Zweier-Ruderer Jason Osborne zwar auch noch etwas länger auf dem Acker trainieren, aber dann, im August 2021, ist für ihn Schluss mit diesem Sport. Am Alter liegt es nicht, Osborne ist erst 26 Jahre alt, an schwachen Leistungen auch nicht - Europameister ist er und Weltmeister 2018, zudem WM-Dritter 2019 im Doppelzweier. Das Problem von Osborne und seinem Ruder-Partner Jonathan Rommelmann liegt darin, dass sie Leichtgewichte sind.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will grundsätzlich mehr moderne Sportarten ins Programm nehmen, die Zahl der Olympiateilnehmer soll aber gleich bleiben, weshalb alte Randsparten ausgedünnt werden, wodurch es am Ende der Entscheidungskette nun auch die Leichtgewichtsruderer traf. Ein letztes Mal noch dürfen vier von ihnen in Tokio antreten - zwei Männer und zwei Frauen im Doppelzweier, also im Skull. Danach wird die Leichtvariante bis 72,5 Kilogramm Körpergewicht gar nicht mehr unter den Ringen rudern, weshalb dann bald auch die Förderung gekürzt wird. "Es ist schon traurig", sagt Osborne. Das Leichtgewichtsrudern mit all seinen anderen Wettkämpfen werde über kurz oder lang wohl aussterben. Denn wer will schon noch einen olympischen Sport betreiben, mit dem man nie zu Olympia kommt?

Eine Umsteiger-Story bringt dem neuen Arbeitgeber Beachtung - vor allem mit einer Medaille

Osborne, dessen Vater Brite ist, der im Ruhrgebiet seine Kindheit verbrachte, beendet also auf dem Höhepunkt seiner Leistungskraft die Karriere wegen Sportart-Streichung. Das klingt zunächst traurig, als wäre das ganze Leichtgewichtsrudern eine nutzlose Mine, die demnächst aufgegeben wird. Andererseits hat er genügend Zeit, um sich auf das Ende einzustellen, und wenn sein Plan aufgeht, dann wird nach Tokio aus dem Ruderer Osborne der Radprofi Osborne.

Nicht irgendein Wunsch ist das, sondern eine konkrete Option, und Osborne befindet sich schon auf gutem Wege zum Radsport. Ehe die Spiele in Tokio verlegt wurden, hatte er bereits den Umstieg für diesen Herbst eingeleitet. Mit einem World-Tour-Team steht er in festen Verhandlungen. "Wie im Fußball gibt es im Radsport auch Scouts", erzählt er, "und einigen bin ich aufgefallen." Gerne hat man ihm nun ein Jahr Verzögerung bewilligt, weil so eine Umsteigerstory auch Aufmerksamkeit bringt; zumal dann, wenn der Umsteiger kurz vor dem Wechsel noch eine frische olympische Medaille mitbringt - wozu Osborne beste Aussichten hat.

Kleinere Radrennen ist er bereits gefahren, was daran liegt, dass er nach dem morgendlichen Rudertraining schon immer noch am Nachmittag aufs Rennrad stieg. Das Kurbeln stellt für Ruderer normales Ausdauertraining dar, wurde für Osborne aber irgendwann zur Passion. Eine Abwechslung, vielleicht ein willkommener Gegensatz zu seinem Bootssport, dessen Reiz das Element Wasser ist, der aber auch gewisse Grenzen hat. Kaum einer wird also Vorteile und Nachteile beider Sportarten so gut kennen wie dieser Ruder-Radler Osborne, der hin- und hergerissen wirkt, weil er nun mal beide Disziplinen liebt.

Auf seinem friedlichen Seitenarm kann er zwar auch zwei Stunden am Stück trainieren, aber weil die Strecke nur rund zwei Kilometer lang ist, muss wie auf den meisten Sportgewässern gewendet und in Runden gerudert werden. Die Bäume, der Blick aufs Wasser, die innere Aufmerksamkeit auf Technik, Atmung und Gleichgewicht, all das ist Grenzen unterworfen. Radfahren ist vergleichsweise einfacher, "jeder hat das schon mit vier Jahren gelernt", sagt Osborne. Man setzt sich auf den Sattel und stürmt auf und davon, was eindeutig ein Vorteil für ihn darstellt: "Im Training bin ich oft lieber auf dem Rad."

Radfahrer müssen wachsam sein, Ruderer müssen Schmerzen ertragen

Andererseits, keine Frage, Rennradfahren ist auch anspruchsvoll, weniger technisch zwar, aber trotzdem müsse man ständig aufpassen, findet Jason Osborne, sonst lande man schnell am Ende des Feldes oder gar auf dem Asphalt. Wiederum andererseits ist das Rudern raffinierter, als man als Außenstehender denkt. Es hält taktische Finessen bereit, die man vom Ufer aus nicht sieht. Auch über zwei Kilometer kann man den Gegner locken und auskontern, oder auch mal direkt nach dem Start mit einer schnellen Attacke entmutigen. Dafür erfordere das Radfahren sehr viel Ausdauer, über viele Stunden. Allerdings beim Rudern - das bringe auch Schmerz, aber eine ganz eigene Sorte, "denn das Laktat schießt nicht nur in die Beine, sondern auch in die Arme", erzählt Osborne, und am Ende sei man derart platt, dass man mit dieser Übung irgendwann auch gute Voraussetzungen für einen schnellen Zielsprint auf dem Rad habe.

Aber die Entscheidung zwischen Rad und Rudern wurde Jason Osborne ja nun abgenommen. 15 Monate bleiben noch, dann lässt er den Acker am Rhein hinter sich und erschließt sich die Berge. Schon jetzt dreht er im Konditionstraining auf dem Rad seine Runden im Taunus, im Odenwald oder vielleicht, wenn es mal länger geht, drüben im Pfälzer Wald. Und wenn alles klappt, dann, so Osborne, locken andere Reviere.

Die Berge bei Freiburg seien zum Beispiel interessant, weil anspruchsvoller. Oder auch das Salzburger Land: Dort hat sich seine Freundin, mit der er zusammenziehen will, einfach mal beworben, und vielleicht klappt es ja. Und dann ginge es höher hinauf.

© SZ vom 07.04.2020

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