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Rudern:Neun im Truck

2019 World Rowing Championships - Day Five

Zweite Chance: Im Herbst verpasste der deutsche Frauen-Achter bei der WM in Linz noch die Olympiaqualifikation. Dann kam die Pandemie – und das junge Team kann nun weiter wachsen und erneut antreten.

(Foto: Naomi Baker/Getty Images)

Der deutsche Frauen-Achter will endlich aus dem Schatten der Männer treten - doch der Weg dorthin ist noch weit.

Von Volker Kreisl

Man sagt, der Deutschland-Achter ist eine Institution. Olympiasiege hat er gefeiert und seit 2017 gewann er sämtliche wichtige Rennen. Den Achter kennt jeder, und klar, hier ist gerade von den Achter-Männern die Rede. Gewinnen die, dann bringt das immer auch Ruhe ins deutsche Rudern, es nutzt dem ganzen Team, und manchmal, erzählt Larina Hillemann, bekomme auch sie Gratulationen für den Sieg - der Männer.

Aber Hillemann ist ja die Steuerfrau des anderen, des Frauen-Achters, und sie sagt, es werde allmählich Zeit: "Wir wollen übers eigene Team definiert werden."

Aus moderner Perspektive besteht immer noch eine leichte Schieflage bei vielen großen Rudernationen. Der Achter ist der Höhepunkt in dieser Sportart, das Finale wird oft übertragen, die Zuschauer fiebern mit, ein Erfolg entscheidet oft über Fördergelder. Aber im Fokus stehen meistens die Männer, dabei sitzen im Frauenboot auch acht Rudererinnen mit 16 Oberarmen und eine Steuerfrau mit gutem Auge und lauter Stimme, die alle zusammen für jenes Tempo sorgen, mit dem das Großboot zum Spektakel wird.

Nur wissen alle Neun natürlich, dass sie nur dann über die Leistung erkannt und eine eigene Marke werden, wenn sie selber gewinnen oder Medaillen holen. Allerdings braucht es dazu viel Ehrgeiz von den Athletinnen und Geduld vom Verband. Womöglich hat es daran zuletzt gemangelt, nun aber stehen alle hinter dem Projekt Frauenachter - oder, offiziell: "Frauen-Riemen Deutschland". Die Verbandsführung, die Abteilung Riemen und auch der neue Bundestrainer, der Australier Tom Morris. Der findet zwar logischerweise alle Formate interessant, weiß aber auch: "Der Achter ist für die Leute das aufregendste Boot."

Dessen Heimat ist seit einiger Zeit nicht mehr Dortmund sondern der Templiner See bei Potsdam: Der ist im Sommer zwar voller Badegäste, aber man arrangiert sich schon irgendwie, sagt Hillemann, und außerdem sind die Ruderinnen mit dem ersten Training längst durch, wenn Segelboote und Surfer queren. Das Training hat sich verändert, seit Morris da ist. Zwei Einheiten gibt es pro Tag, "nach der ersten sind alle platt", erzählt Hillemann, für die zweite müsse man sich überwinden, aber im Rennen gibt es ja auch zwei Phasen: "Bei 1000 Metern glaubst du, nichts geht mehr, und es geht doch noch weiter."

Morris gilt aber nicht als Schleifer, er ist studierter Sportpsychologe, der mit Kanadas leichtem Doppelzweier in Rio Olympia-Silber holte. Auch mit Ruder-Flaggschiffen hat er Erfahrung gesammelt und weiß: Achter brauchen Zeit. "Man hat eine Person à 45 Kilogramm, acht Personen zwischen 75 und 80 und dazu ein Boot à 100 Kilogramm", sagt er, das ergebe viel Gewicht. Die kleinste Irritation, ein falsch eingetauchtes Ruderblatt, und das Boot bremst oder kommt vom Kurs ab. "Ein Achter", sagt Morris, "ist wie ein Truck."

Und weil er nun von einer Besatzung bewegt wird, die im Schnitt erst 23 Jahre alt ist, lenken den deutschen Riemen-Truck im Prinzip Führerschein-Anfänger in der Probezeit. Für die Ziele heißt das, dass eher noch nicht mit einer Olympia-Medaille in Tokio im nächsten Jahr zu rechnen ist. Der offizielle Plan für einen Podiumsplatz erstreckt sich drei Jahre länger: bis zu den Spielen 2024 in Paris.

Viel Zeit also, um ein Spitzenboot aufzubauen, nach allen Regeln der Kunst, zumindest wie Morris es sieht. Am Anfang steht natürlich der Kraftaufbau und vielleicht das Erfolgserlebnis, dass man sehr wohl zweit Einheiten an Tag verträgt. Vor allem aber gehe es zunächst um "Soft Skills", um innere Werte, eine eigene "Kultur für das Achterrudern", wie Morris es ausdrückt. Weil das Team aber selbständig rudern muss (der Trainer ist ja nicht als zehntes Mitglied an Bord), haben sich die neun ihre Kultur weitgehend selber erarbeitet. Heraus kam ein gewisser Wertekanon dafür, wie man miteinander umgeht, außerhalb und im Boot, welcher Ton herrscht, welche Entscheidungen wer trifft, welche Ziele man sich setzt, in weiter Ferne oder am nächsten Morgen.

Die Kultur der Gruppe, sagt Tom Morris, sei die Basis für jene Kunst, die einen guten Achter überhaupt erst ausmacht: die Synchronität. Im Idealfall wird aus den neun deutschen Sportlerinnen eine einzige. Ein Gesamtgebilde, dessen Schlagleute (Tabea Schendekehl, Alyssa Meyer) den Takt bestimmen, dessen Kraftzentrum im Mittelschiff (Frauke Hundeling, Anna Härtl und Alexandra Höffgen) das Ganze umsetzt, dessen Bugbesatzung (Isabelle Hübener, Melanie Göldner und Sophie Oksche) es aufnimmt und ausgleicht - und dessen Steuerfrau Larina Hillemann immer den Kurs hält.

Sieben Nationen bilden bei den Frauen die Weltspitze, und manche haben schon eine eigene Achter-Identität wie die USA oder Kanada. Das große deutsche Planziel liegt zwar erst im Jahr 2024, aber nun ist da die neue Lust am Training und dann dieses Geschenk, die Olympiaverschiebung. Ein ganzes Jahr länger gemeinsam Üben auf dem Templiner See steht bevor, hier und da eine Regatta und dann, im Mai in Luzern: die zweite Chance zur Qualifikation für die Spiele in Tokio.

Wäre die geschafft, dann könnte er im August 2021 eigentlich locker und leicht ins Rennen gehen, der Lastwagen.

© SZ vom 16.08.2020
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