Rudern:Eine Saison kann nur einen Höhepunkt haben

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Rudern: Nichts geht mehr: Favorit Oliver Zeidler, Vierter auf seiner Hausstrecke.

Nichts geht mehr: Favorit Oliver Zeidler, Vierter auf seiner Hausstrecke.

(Foto: Maja Hitij/Getty)

Der Einer-Ruderer Oliver Zeidler und der Deutschlandachter haben bei der EM enttäuscht. Gründe dafür gibt es gleich mehrere - was die Sache nicht weniger bitter macht.

Kommentar von Volker Kreisl

Es war ein Bild, das diese Veranstaltung überdauern wird. Die Augen eingefallen, der Blick starr in die Ferne, die Haltung wie gelähmt. Geschlagene Ruderer können in den Momenten schlimmer Niederlagen im Ziel nicht einfach hinter der nächsten Bande verschwinden, um dort erst mal ein bisschen durchzuschnaufen. Sie sitzen erst noch eine Weile fest auf ihrem Boot, wie am Sonntag der hoch favorisierte und nun schwer enttäuschte Einer-Athlet Oliver Zeidler, bei dem nach langer Führung kurz vor dem Ziel nichts mehr ging.

Platz vier für den großen Favoriten war jedoch nicht die einzige Enttäuschung für den deutschen Verband DRV. Auch das zweite wichtige Boot der Deutschen, der Achter, hat mit dem vierten Platz enttäuscht. Und die anderen Boote, die nicht schon vor den Championships wegen Corona abgemeldet worden waren, kamen ebenso wenig in Medaillennähe - außer die Bronzegewinnerin im Einer, Alexandra Föster, sowie der drittplatzierte Mixed-Vierer und die Einer-Silbergewinnerin Manuela Diening, beide im Para-Rudern.

Der Achter ist derzeit kein Flaggschiff, sondern ein Schulschiff

Abgesehen von diesen einzelnen Lichtblicken haben also diesmal die Ruderer, sonst sichere Medaillenbringer, nicht geliefert. Doch es gibt Gründe dafür, individuelle und systematische. Der Achter, das sogenannte Flaggschiff, das ein Vorbild darstellen und die anderen anspornen soll, war diesmal keines. Es ähnelt derzeit eher einem Schulschiff. Und es ist in jene Falle getappt, die manche anderen Sportler bei diesen Europameisterschaften auch erleben: Die Championships in München stellen für die Deutschen einen Höhepunkt dar - es ist jedoch nicht der einzige. In zahlreichen olympischen Sparten, auch bei den Ruderern, folgt der zweite, der eigentlich höhere Höhepunkt der Saison, nämlich die WM, erst im Herbst.

Zwei echte Saison-Höhepunkte kann es nicht geben, man bereitet sich ja lange und systematisch vor allem in den Ausdauersportarten auf diese vor, und ist entweder Wochen davor oder danach entsprechend geschwächt. Der Achter-Trainer Uwe Bender hatte früh davor gewarnt, zu viel zu erwarten. Die Ansage war klar, die Weltmeisterschaft in Tschechien in gut vier Wochen sei wichtiger. Angesichts des momentanen Aufbau-Trainingsstandes der Ruderer wäre irgendeine EM-Medaille schon ein Erfolg gewesen, doch dann wurde die überwiegend junge Besatzung schon beim Start im Finallauf nervös, kam mit Verspätung auf die Strecke und hatte, als sie endlich aufholen konnte, keine Kräfte mehr für einen Schlussangriff.

Zeidler steckte eine Erkältung in den Knochen

Zeidler wiederum hatte sich nicht etwa das Rennen ungeschickt eingeteilt, ihn beschlichen wohl auch keine Ängste vor der Größe einer Europameisterschaft. Ihm steckten wohl schlicht noch die Folgen einer Erkältung in den Knochen, die er in der Henley-Regatta wenige Wochen zuvor aufgeschnappt hatte. Wohl auch eine Windböe nun im EM-Finale, die ihn als Führenden im Schlussspurt erwischte, bremste. Und schließlich wurde auch er zum Opfer der eigenen Ambitionen.

Neben dem Termin und widrigen Umständen dürften bei ihm mentale Aspekte eine Rolle gespielt haben. Diese Regatta war nicht irgendeine für Zeidler, sie war auch ein persönliches Unternehmen - und die werden dann leicht überhöht. Denn diese Strecke ist nicht nur Zeidlers Trainingsstrecke, sondern auch eine Stätte der Erinnerung für die gesamte Zeidler-Familie, die gemeinsam die Ruder-Nachkommen Oliver und Marie-Sophie sportlich und darüber hinaus betreut. Dieser Sieg hätte nun einen Bogen gespannt von den Spielen 1972 bis heute. 50 Jahre nach dem Olympiasieg seines Großvaters, des Vierer-Ruderers Hans-Johann Färber auf exakt derselben Strecke, hätte Zeidler wieder Gold holen können.

Alles hätte schön zusammengepasst, Oliver Zeidler lag lange in Führung, er setzte sich sogar im entscheidenden Moment ab, er zog an und war fast schon am Ziel - und doch war die Strecke diesmal zu lang.

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