Rudern:Am großen Schwungrad

Lesezeit: 4 min

Keiner weiß so gut wie Richard Schmidt, worauf es bei der Ruder-WM in Linz ankommt: Er gehört seit zehn Jahren zur Besatzung des Deutschland-Achters.

Von Volker Kreisl, Linz/München

Er weiß, sagt Richard Schmidt, vom Ufer aus wirke das alles so ästhetisch. So elegant, so leicht. Wie das schmale Boot durchs Wasser schneidet, acht Oberkörper, die synchron vor- und zurückschnellen, acht Ruderblätter, vier rechts, vier links, die ein- und austauchen, ohne Spritzer, ohne Fehler. Wie eine gut geölte Maschine gleitet der Achter dahin, vom Ufer aus gesehen; nur: Im Boot sieht's anders aus.

Da wird gepumpt und gekeucht. Schmidt etwa kommt schon bei 500 von den 2000 Metern auf einen Laktatwert von 15. Über den Knopf dringen die Anweisungen von Steuermann Martin Sauer ins Ohr, vor und hinter einem rollen mit sich selbst ringende Kollegen hin und her, deren eigentliche Gegner aber gerade draußen versuchen, rechts und links zu überholen. Und weiter geht's, mitten rein in den roten Bereich für die acht Ruderer, die aber zugleich, wie Schmidt sagt, bitte schön in den gemeinsamen "Flow" kommen sollten.

Schmidt, 31, ist Achterruderer seit 2009. In der aktuellen Besatzung ist keiner so lange dabei. Wenn für ihn alles gut läuft, dann erlebt er 2020 in Tokio seine vierten Olympischen Spiele. Schmidt hat gelernt, dass jeder, egal wie alt oder jung, in diesem Boot nur einer von acht ist, und doch hat er darin schon so viel aus fast allen Sitzpositionen erlebt, dass er erklären kann, worauf es ankommt in Linz/Österreich, wo es am Sonntag im Finale um den WM-Titel geht sowie um die Qualifikation für Tokio.

Zuletzt war der Flow des Deutschland-Achters ein bisschen verflogen. Beim Weltcupfinale in Rotterdam Mitte Juli hatte ihn das britische Boot, der Dauerrivale seit zehn Jahren, abgehängt. Damit war eine knapp dreijährige Siegesserie in Endläufen gestoppt. Deutlich wurde auch, wie stark sich die übrige Konkurrenz plötzlich entwickelt hat. Die Neuseeländer haben alle ihre Könner in den Achter gesetzt, auch den Einer-Spezialisten Mahé Drysdale. Die USA, fürchtet Schmidt, haben mächtig aufgerüstet, sich aber zuletzt nicht in Europa blicken lassen. Schwer einzuschätzen sind auch Kanadier und die Niederländer, die auf Höhentrainingslager setzten.

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Es gibt einiges zu tragen: Richard Schmidt trägt Ruder für das deutsche Flaggschiff, den Achter, zu dem er seit zehn Jahren gehört.

(Foto: Nils Koepke/imago)

Im Grunde genommen rudern die besten Achter nicht nur zwei Kilometer über einen Kanal oder einen Seitenarm der Donau, wie nun in Linz, sondern sie sind viel länger und viel weiter unterwegs. Von einer langen Reise bis zur Medaille sprechen manche Ruderer, sie verbringen viel Zeit miteinander, trainieren das ganze Jahr über, denn um zu gewinnen, müssen sie mehr sein als acht gute Ruderer, eher ein Achter-Organismus.

Schmidts Reise begann bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking als Mitglied im Vierer. Als Zuschauer erlebte er dabei auch die schwere Niederlage des Achters, der im Finale Letzter wurde. Danach wurde das Boot neu aufgebaut, mit Schmidts Vierer-Besatzung als Kern. Weil Schmidts Rudertechnik nicht präzise genug war, konnte er sich im Bug, wo das Boot für Fehlschläge besonders empfindlich ist, nicht lange halten. Er landete auf Position fünf, wo er fünf Saisons lang blieb, und dann 2012 in London das erfuhr, was er 2020 in Tokio gerne wieder erleben würde - perfektes Mannschaftsrudern. Anders ausgedrückt: das große Schwungrad.

Im Mittelboot saß er also, von dem es ganz früher hieß, es sei der Platz für die Kraftmänner, der Maschinenraum des Achters. Doch das hatte sich geändert, schon länger musste die Kraft "aus der ganzen Mannschaft kommen", sagt Schmidt. Im Olympiafinale 2012 waren die Deutschen dann wie immer erst einmal davongeprescht und kontrollierten das Feld. Langsam schlossen die Briten wieder auf, und nach 1000 Metern lag das deutsche Boot nur noch um eine Bugspitze vorne. Beide Teams waren schon zur Mitte des Rennens am Anschlag, beide dachten: hopp oder topp, und der Schlagmann, erinnert sich Schmidt, gab nun die Anweisung: "Jetzt müssen wir die knacken, sofort."

Das Prinzip ist letztlich banale Psychologie. Im entscheidenden Moment des Rennens, wenn der Sprint angesetzt wird, der den Gegner demoralisieren soll, dann nützt alle physische Kraft nichts ohne die mentale Unterstützung durchs Kollektiv. "Du kannst nicht mehr, aber du merkst, die anderen machen auch mit", sagt Schmidt, "und das ist dann so ein riesiges Schwungrad, das einen dazu ermutigt, über die Grenzen hinauszugehen", womit einer nach dem anderen angesteckt wird, und das Boot rhythmisch davonzieht. Der Rest ist bekannt, die Deutschen holten in London Gold, die Briten, deren Schwungrad weniger gut funktionierte, retteten im letzten Moment wenigstens noch Bronze hinter Kanada und vor den USA.

2019 World Rowing Championships - Day Three

Sitzen in einem Boot: Martin Sauer, Hannes Ocik, Richard Schmidt, Malte Jakschik, Jakob Schneider, Torben Johannesen, Christopher Reinhardt, Laurits Follert und Johannes Weissenfeld.

(Foto: Naomi Baker/Getty Images)

Doch der entscheidende Effekt für einen Sieg stellt sich nicht immer ein. Nach London begann die nächste Reise, die zu den Spielen nach Rio de Janeiro. Die Plätze wurden neu geordnet, Schmidt sitzt seitdem auf Position sieben direkt hinter dem Schlagmann. Das Team war dann 2016 wie immer nach den besten Kraftwerten und Plätzen im Spätwintervergleich ausgesucht worden, doch nicht jeder gab hundert Prozent, wie Schmidt sich erinnert - Gold holten die Briten. Deren Jubel über die gelungene London-Revanche war beachtlich, bedenklicher aber ist nun aus deutscher Sicht die ganz aktuelle Freude im Verband British Rowing über ihren Sieg in Rotterdam: "Die haben sich weggeschmissen," hat Schmidt beobachtet.

Kein Wunder, alles hatte bei denen gestimmt, im Gegensatz zum deutschen Boot. "Schon rudertechnisch war es kein gutes Rennen von uns", sagt Schmidt. Auch die Einstellung nach der langen Siegesserie: "zu selbstgefällig". Viel zu wenig war zu spüren vom nötigen "brutalen Willen". Doch immerhin, dieser Rückschlag kam vielleicht rechtzeitig, noch vor der WM in Linz und dem nächsten Saisonaufbau vor den Olympischen Spielen im August 2020, wenn sich das große Schwungrad wieder drehen soll.

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