Ruder-WM:Einer vom alten Schlag

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Ruder-WM: "Ein Booster fürs Selbstbewusstsein": Oliver Zeidler, bei Olympia in Tokio und bei der Heim-EM vor wenigen Wochen geschlagen, fährt in Racice zum WM-Titel.

"Ein Booster fürs Selbstbewusstsein": Oliver Zeidler, bei Olympia in Tokio und bei der Heim-EM vor wenigen Wochen geschlagen, fährt in Racice zum WM-Titel.

(Foto: Laci Perenyi/Imago)

Kurz vor dem Ende dieser Ruder-Saison lässt Oliver Zeidler seine EM-Niederlage vergessen. Bei der Weltmeisterschaft in Tschechien fährt er ungefährdet zu Gold.

Von Volker Kreisl, Racice/München

Er hatte sich schwer verschätzt. Vor sieben Wochen, bei der Europameisterschaft in München, da war er die Strecke zu schnell angegangen. Zu früh hatte er sich vor alle Gegner gesetzt und gemeint, er könne diese locker kontrollieren. Dann aber spielten ihm die Gedanken einen Streich, gleichzeitig verschärften der Niederländer Melvin Twellar und die Konkurrenten das Tempo, und plötzlich versagten dem großen Favoriten aus München Nerven und Kräfte; Zeidler war schließlich nur noch Vierter.

Große Sportler lernen aus Fehlern. Nun, bei der Weltmeisterschaft in Racice/Tschechien, wartete Zeidler wieder in der Startreihe, in nahezu selber Position. Er hatte sich während der Woche gesteigert. Er war der Favorit, und, so mochte man meinen, teilte sich die Kräfte nun anders ein. Doch als das Rennen freigegeben war, da dauerte es kaum eine halbe Minute, da lag Zeidler schon anderthalb Längen vor dem Rest. Wieder ging er, so schien es, ins Risiko. Doch diesmal brach er nicht ein, behielt Kräfte und Überblick und hatte am Ende eine Goldmedaille um den Hals. "Auf dieses Erfolgserlebnis habe ich lange gewartet", sagte er der Deutschen Presse-Agentur, "es ist ein Booster fürs Selbstbewusstsein."

Das Jahr 2022 hat ihm eine der bittersten Niederlagen beigebracht und nun einen der wohl wichtigsten Siege in seiner Karriere beschert. Geschlagen hat er in Racice alle, auch jene, die ihm bei den Championships in München in die Quere gekommen waren, vor allem Twellar, der ihn auf seiner Heim- und Trainingsstrecke in Oberschleißheim plötzlich rechts überholt und ihm den ersten psychologischen Schlag versetzt hatte. Nun wurde Twellar Zweiter, auf Rang drei kam der Brite Graeme Thomas vor Jordan Perry/Neuseeland.

Rudern ist also wie jeder Hochleistungssport eine Frage der inneren Sicherheit. Das Selbstbewusstsein dürfte bei den Einer-Ruderern, die alles alleine im Griff haben müssen, besonders wichtig sein. Jedoch, die allgemeine Situation dürfte beim letzten übriggebliebenen deutschen Medaillenkandidaten nicht zur Gelassenheit beigetragen haben. Der Deutsche Ruderverband steckt in inneren Führungsdebatten, vor allem der Achter. Und Zeidler war hier nicht nur der einzige verbliebene Finalist in einer olympischen Bootsklasse, der DRV hatte es überhaupt in historisch wenige Finals geschafft. Am Samstag hatten die Deutschen immerhin Medaillen geholt, der Leichtgewichts-Doppelzweier der Männer, der leichte Zweier ohne Steuerfrau, auch Para-Ruderer Paul Umbach kam als Dritter auf einen Medaillenrang. Am Sonntag trugen der Deutschland-Achter und Einer-Ruderin Alexandra Föster in den B-Finals noch zwei kleine Siege bei, wobei fraglich war, ob die Athleten sich wirklich freuten oder einfach nur froh waren, dass die Niederlagenserie irgendwie gestoppt war.

Doch Zeidler dürfte all diese Entwicklungen am Sonntagnachmittag nicht mehr an sich herangelassen haben. Er selber hatte in der WM-Woche die Strukturen reichlich kritisiert, nun galt es, sich auf die 2000 Meter zu konzentrieren, die vor den Ruderern lagen, oder genauer: in ihrem Rücken - das Ziel können sie ja nicht sehen.

Am Ende eine Geste - diesmal war Oliver Zeidler der schlauere Ruderer

Dass Zeidler dann aber derart in die Offensive gehen würde, das dürfte die Konkurrenz nicht nur überrascht, sondern geschockt haben. Bei 500 Metern hatte er zirka eindreiviertel Bootslängen Vorsprung - und nun begann der Psychosport Rudern. Zwischen Sofort-Zeidler-Abfangen und Zeidler-spät-zusammenbrechen-Lassen wie im August entschieden sich die Gegner wieder für Zweites. Die sechs Boote zogen ihre Bahnen, mit Zeidler als Leitboot in Richtung Ziel, und ja, der eine oder andere, so schien es, kam näher.

Die Hälfte der Strecke lag längst hinter den Booten, und Zeidler, die Augen hinter der Spiegelbrille, die Schirmmütze wie immer verkehrt herum auf dem Kopf, fuhr nun in jene gefährliche Zone, die ihn in München so schlecht ausschauen ließ. Und tatsächlich, war es nur eine Täuschung oder schwächelte er nun tatsächlich, bei 1500 Metern? Ja, Twellar erhöhte die Schlagzahl auf 38, Zeidler blieb bei seinem niedrigeren Gang von 37, war's jetzt also wieder so weit?

Nein, wie sich wenige Sekunden danach herausstellte - Zeidler behielt diesmal von null bis 2000 Meter alles unter Kontrolle. Als Twellar gerade Hoffnung schöpfte und im Begriff war, den Deutschen von der Frankfurter RG Germania zu attackieren, da, so wirkte es, machte dieser mitsamt seinem acht Meter langen Boot einen Satz nach vorne und setzte an zum Schlusssprint. Es war, als wollte er damit einen großen Tintenkiller nehmen und die kürzlich erlittene Niederlage aus den Ruderbüchern tilgen.

Das geht natürlich nicht, jedoch - Zeidlers Saison 2022 hat rechtzeitig noch die entscheidende Wendung genommen. Seine Familie, unter anderem mit Trainer und Vater Heino Zeidler und Großvater Hans-Johann Färber, Olympiasieger von 1972, saß auf der Tribüne und wedelte mit der Fahne, während Oliver Zeidler unten auf dem Wasser eine Geste für die Kameras machte. Dreimal tippte er sich an die Stirn und ließ den Zeigefinger dann lässig nach vorne fallen, als würde er mit einer Berührung des Schirms seiner Kappe alle mal grüßen.

Dass er diese andersrum auf dem Kopf hatte, machte nichts. Die Botschaft - "Rudern ist auch Kopfsache, und diesmal habe ich gewonnen" - war leicht zu verstehen.

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