Rostock Seawolves in der Basketball-Bundesliga:Der Aufsteiger, der die ganze Liga überrascht

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Sieggarant: Rostocks Derrick Alston junior (rechts) hat großen Anteil am starken Saisonstart des Aufsteigers. (Foto: Pressefoto Baumann/Imago)

Vor Kurzem waren die Rostocker Basketballer selbst in der eigenen Stadt noch unbekannt. Nun führen sie in ihrer ersten BBL-Saison die Tabelle an. Trainiert wird das Team von einem Duo aus Vater und Sohn - mit ambitionierten Zielen.

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"Wir sind gekommen, um zu bleiben." Es dauert nicht lange, bis Christian Held das neue Motto erwähnt. Auch André Jürgens benötigt im Gespräch nicht viel Zeit, ehe ihm der identische Satz über die Lippen kommt. Trainer und Geschäftsführer der Rostock Seawolves sind also fest entschlossen, ihren gerade eroberten Platz auf der deutschen Basketball-Landkarte so schnell nicht wieder zu räumen.

Gekommen, um zu bleiben: Das sind forsche Ansagen für einen Aufsteiger in die Basketball-Bundesliga, denen der Emporkömmling aus Mecklenburg-Vorpommern aber bereits Taten hat folgen lassen. Vier Siege in den ersten vier Partien, da muss man in der Liga-Historie weit zurückblicken, um Ähnliches zu entdecken. "Vor der Saison haben wir uns gefragt, wie lange es dauert, bis wir das erste Spiel gewinnen", gibt Geschäftsführer Jürgens zu, nun frage sich die gesamte Liga, "wann wir das erste Mal verlieren."

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Das indes könnte an diesem Sonntag passieren. Dann steht das Spitzenspiel der Basketball-Bundesliga (BBL) auf dem Plan, der Tabellenerste empfängt den Zweiten. Und der Primus ist eben nicht einer der Euroleague-Vertreter aus Berlin oder München, auch keines der hoch eingeschätzten Teams wie Bonn, der Vorrundenerste der Vorsaison; oder die aufstrebenden Hamburger, die Playoff-Kandidaten Ludwigsburg oder Oldenburg. Tabellenführer sind, ja, wahrhaftig: die Rostock Seawolves. Und das nach Siegen gegen Ulm, in Ludwigsburg, gegen Braunschweig und zuletzt bei den bis dahin ungeschlagenen Göttingern.

Natürlich sei das eine Momentaufnahme, sagt Held, "eine sehr schöne", die indes gute Gründe habe. Zum einen profitiere sein Team von der Kontinuität. Oft werden Mannschaften nach dem Übertritt in eine höhere Klasse grundlegend renoviert, bei den Seawolves stehen acht von zwölf Akteuren der Vorsaison unter Vertrag. Einer von ihnen, der umworbene Aufstiegsheld Tyler Nelson, war bester Punktesammler in der zweiten Liga und hatte mit seinem Dreier in der Schlusssekunde zum Sieg gegen Jena den Aufstieg perfekt gemacht.

Die Seawolves haben eine eingespielte Mannschaft - und bei den Zugängen viel Geschick bewiesen

Zudem wurde der Kader gezielt verstärkt, wobei die Verantwortlichen ebenfalls ein gutes Händchen bewiesen, wie allein Flügelspieler Derrick Alston junior zeigt. Der US-Amerikaner ist mit einem Schnitt von 24,5 bester Punktesammler - der Seewölfe und der gesamten Liga. Die Rostocker zeichnet zudem aus, dass sie bei jedem Spiel leidenschaftlich agieren; die jüngsten Partien gegen Braunschweig und Göttingen drehten sie in der Schlussphase nach deutlichen Rückständen.

Nun also gastiert Alba Berlin in der mit 4700 Zuschauern längst ausverkauften Stadthalle. Die Referenzgröße im deutschen Basketball, wie Trainer Held erinnert: "Alba ist das Maß aller Dinge in der Bundesliga, die sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt hat." Als chancenlos will er seine Auswahl aber auch gegen den Double-Sieger nicht erachten: "Wir werden das Spiel angehen wie jedes andere", soll heißen: "Wir wollen schon gewinnen und werden alles reinwerfen." Zupass könnte den Rostockern dabei kommen, dass Berlin ersatzgeschwächt und mit einer Euroleague-Niederlage in Valencia in den Knochen anreist. Die EM-Bronzemedaillengewinner Maodo Lo und Johannes Thiemann fehlen seit Wochen.

Rostocker Alleinstellungsmerkmal: Christian Held (links) ist Cheftrainer der Seawolves. Vater Ralph, bei dem er das Trainerhandwerk gelernt hat, sein Assistent. (Foto: Oliver Kramer/dpa)

Nur: Auch die erste Niederlage dürfte den Klub aus Mecklenburg-Vorpommern nicht aus der Spur werfen; die vier Häkchen hinter den bisherigen Spielen, wie Geschäftsführer Jürgens die Siege umschreibt, nimmt ihnen keiner mehr. Deren elf würde sein Klub benötigen, um das "absolute Ziel Klassenerhalt" zu realisieren. Denn das Motto der Seawolves soll nicht zur Plattitüde verkommen, Rostock ist entschlossen, zu einer festen Größe in der ersten Liga zu reifen.

Die Bedingungen dafür scheinen gut, der Klub ist laut Held einer der mitgliederstärksten in Deutschland, die Heimspiele sehr gut besucht. Der Etat liege bei 5,3 Millionen Euro, sagt Jürgens, etwa 100 Sponsoren füllen einen Pool an Gönnern. Solide Arbeit in der Nische, könnte man sagen: Vor acht Jahren stieg der Klub in die dritte Liga auf, vor vier Jahren in die zweite. Warum also, findet Jürgens, sollte es nicht möglich sein, in vier Jahren an die Playoffs zu denken?

Keiner steht so für den Verein wie der 45-Jährige, der einst selbst für die Rostocker auf dem Feld stand, er hat vom Schiedsrichter über den Hallensprecher kaum eine Funktion bei den Seawolves ausgelassen. Und erinnert sich noch gut an jene Zeiten, als der Erste Basketball-Club Rostock e. V., dem er seit 2016 im Hauptamt vorsteht, vor 200 Zuschauern gegen Halstenbek und Bramsche spielte. Seit einem Jahr nennt sich der Klub zwar Seawolves, ist aber auch in der ersten Liga noch ein eingetragener Verein - was sich zeitnah mit einer Ausgliederung des Profi-Ressorts ändern soll, sagt Jürgens.

Mit der Verpflichtung des ehemaligen Bundestrainers Dirk Bauermann wurden die Rostocker schlagartig bekannt

Die Basketballer blieben der breiten Öffentlichkeit lange verborgen, Rostock war für Fußball und Handball bekannt, beides Sportarten in denen die größte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern zu DDR-Zeiten führend war. Das änderte sich abrupt, als der Verein 2020 die Anstellung von Dirk Bauermann verkündete; der ehemalige Meister- und Bundestrainer schloss sich dem Projekt an, als dieses zu stagnieren drohte. Bauermann holte sich damals Christian Held als Assistenten aus Trier.

Weil Rostock den Aufstieg verpasste, gingen Klub und Bauermann getrennte Wege, einvernehmlich. Mit Held als neuem Chef glitten die Seewölfe dann in die Basketball-Beletage. Der 34-Jährige hatte sich, wie sein Vorgänger, einen neue Assistenten geholt: seinen Vater Ralph, 64. Ralph Held war erfolgreicher Coach in Trier und Oldenburg, Sportdirektor beim Deutschen Basketballbund, er hat in Oldenburg eine Trainerakademie aufgebaut. Auch der Sohn ging beim Vater in die Trainer-Lehre. Er habe jemanden gesucht, sagt Held junior, der ihm neben viel Expertise auch die Meinung sagt - was offenbar gut klappt. Die Vater-Sohn-Kombination ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Seawolves.

Dirk Bauermann, der derzeit die Basketball-Nationalmannschaft aus Tunesien trainiert, hat im Übrigen schon einmal ein deutsches Basketballprojekt angeschoben. 2010 ging er als Bundestrainer zum damaligen Zweitligisten FC Bayern München. Was daraus erblühte, kann man heute in der Euroleague betrachten. Vor der Saison hat der 64-Jährige in einem Gastbeitrag der Ostsee-Zeitung die Chancen des Aufsteigers beurteilt: "Ich glaube, die Seawolves haben auf allen Ebenen ein Team, das sich selbst, den Klub, die Stadt und das Land sehr gut repräsentieren wird."

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