Süddeutsche Zeitung

Ronnie O'Sullivan:Rasend schnell in Turnschuhen

  • Ronnie O'Sullivan gewinnt die English Open - danach ist das Snooker-Genie erstmals seit Jahren wieder richtig zufrieden.
  • Von seiner guten Laune profitiert sogar eine Flitzerin, die plötzlich um seinen Tisch lief.

Von Carsten Scheele

Ein Tag im Leben des Ronnie O'Sullivan, an dem er mit der Snooker-Welt und sich selbst so richtig zufrieden erschien, ist auf die Schnelle schwer zu ermitteln. Selbst die britischen Chronisten haben lange geblättert: Es muss wohl 2013 gewesen sein, nach seiner mehrmonatigen Auszeit, als O'Sullivan mental erholt auf die Tour zurückkehrte und prompt seinen WM-Titel verteidigte. So gelöst und glücklich hat er seitdem selten gewirkt, bis zu seinem Sieg im Finale der English Open gegen Kyren Wilson. Da sprach er nun die magischen Worte, die lange niemand aus seinem Mund vernahm: "Das war sehr, sehr gut heute."

Zuletzt war O'Sullivan vor allem durch seinen berüchtigten Missmut aufgefallen. Das geht seit Jahren so. Der Held der Snooker-Szene gewinnt zwar nicht mehr so viele Turniere wie früher, aber wenn doch, erweckt er danach den Eindruck, als habe dies gar nicht passieren dürfen. Im Jahresrhythmus droht er mit seinem Rücktritt, weil er mit seinen Leistungen unzufrieden ist - und weil überhaupt der ganze Snooker-Zirkus ein Ausmaß angenommen habe, von dem er sich gerne distanzieren würde.

Wahnsinnig gut: Lochquote von 98 Prozent

Nach seinem Masters-Sieg im Januar deutete der mittlerweile 41-Jährige an, dass er seinen Zenit überschritten habe. Es sei ein Wunder, dass ihn Joe Perry im Finale nicht besiegt habe, so fehlerhaft sei sein eigenes Spiel gewesen. "Ich bin froh, dass ich noch mitspielen darf", sagte O'Sullivan.

Diesmal, bei der English Open, stand ein anderer Spieler am Tisch. Aufgeräumt, selbstbewusst, durch nichts zu erschüttern. Sein Gegner Kyren Wilson, 25, war zu bemitleiden. Niemand hätte an diesem Tag eine Chance gegen O'Sullivan gehabt, doch es war Wilsons Los, die meiste Zeit auf seinem Stuhl zu sitzen und dem fünfmaligen Weltmeister zuzusehen. Lediglich bis zum 2:3 hielt Wilson mit, danach gewann er kein einziges Spiel mehr. O'Sullivan zog davon, mit sehr hohen Breaks von 127 und 132 Punkten, einer Lochquote von 98 Prozent, was wirklich wahnsinnig gut ist.

Zum Schluss erinnerte er gar an sein eigenes Ebenbild von 1997, als er, damals 21 Jahre alt, in nur fünf Minuten und 20 Sekunden das schnellste jemals gespielte Maximum Break (147 Punkte in einer einzigen Aufnahme) zauberte. Auch nun war O'Sullivan wieder rasend schnell, in nur 70 Minuten gewann er die letzten sechs Frames bis zum Endstand von 9:2, es war sein 29. Sieg bei einem Ranglistenturnier. Der Kommentator der BBC attestierte ihm eine "clinical performance", ein reines, steriles Spiel. Auch O'Sullivan rang nach Worten. "Ich bin doch selbst mein schärfster Kritiker", sagte er. Diesmal fand er nichts zu meckern.

Wie charmant O'Sullivan mit einer Flitzerin umging

Warum O'Sullivan so gut funktionierte? Vielleicht, weil er nicht dazu kam, viel nachzudenken. Während des Turniers war da zunächst die Aufregung um seine Schuhe: Wegen eines geschwollenen Sprunggelenks wurde ihm zugebilligt, entgegen den Richtlinien des strengen Turnier-Dresscodes ausnahmsweise Turn- statt Lackschuhe zu tragen. Nur schwarz mussten sie sein. O'Sullivan hatte jedoch keine dabei. Er bat schließlich per Twitter um Hilfe, bis ihm jemand gemütlichere Treter in der gewünschten Farbe zur Verfügung stellte.

Als er im Match gegen Zhang Anda von einem weiblichen Fan gestört wurde, der plötzlich um den Tisch lief, blieb O'Sullivan cool und bot der Frau sogar den letzten Stoß des Spiels an, das er längst gewonnen hatte - mit einem Lächeln, als ruhe er in sich selbst.

Vielleicht half O'Sullivan auch, dass er während des Turniers seine Expertentätigkeit fürs Fernsehen keinesfalls aufgab, sondern zwischen Hotel, Snookertisch und Fernsehstudio hin und her tingelte, was andere wohl als Belastung empfunden hätten. Und wenn doch einmal Zweifel aufkamen, war sein Leib-und- Magen-Sportpsychologe, Steve Peters, an seiner Seite, der ihm eine wichtige Stütze ist, noch aus Zeiten, als wegen einer Depression seine gesamte Karriere in Gefahr geraten war.

Trotzdem ist Ronnie O'Sullivans Verfassung ein Mysterium. Bleibt er so gefestigt, muss er als Favorit für die großen Turniere des Winters gelten. Oder ist kommende Woche schon wieder alles anders? Es scheint, als könne er auch mit 41 Jahren den Snooker-Zirkus noch nach Belieben beherrschen. Doch er braucht gute Tage, und er muss sich auch ein bisschen dazu zwingen. In Barnsley sagte O'Sullivan: "Du spielst nicht gut, so lange du nicht fühlst, dass du es musst."

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Quelle:
SZ vom 25.10.2017/ebc
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