Die lange römische Tennisnacht hatte gerade erst begonnen, da war schon das Feuerwerk zu hören. Der große Sport ist in Rom nahe beieinander zu Hause: Das prächtige Foro Italico, traditionell Heimat des wichtigsten Tennisturniers des Landes, liegt nur wenige hundert Meter entfernt vom berühmten Olympiastadion. Alljährlich findet dort gleichzeitig mit dem Tennis auch das Finale der Coppa Italia, des Fußballpokals, statt, was zu etwas kuriosen Begegnungen elegant gekleideter Tenniszuschauer und wilder Tifosi führt. Und am Mittwochabend auch zu einer Verlängerung der etwas anderen Art.
Das Feuerwerk, mit dem im Olympiastadion nach 90 Minuten ein 2:0 und damit das Double von Inter Mailand zelebriert wurde, verwandelte sich in eine Nebelwand, die kurze Zeit später den Center Court auf dem Foro Italico erreichte. Dort rief beim Stand von 5:5 im ersten Satz der Viertelfinalpartie zwischen Luciano Darderi und Rafael Jodar auf einmal eine Computerstimme während eines Ballwechsels „Out“ – obwohl der Ball mitten im Feld gelandet war: Die automatische Anlage, die die Linienrichter im Tennis weitgehend ersetzt hat, versagte unter dem Einfluss des pyrotechnischen Nebels. Die Partie wurde kurz vor Mitternacht für eine knappe Viertelstunde unterbrochen. Und die Nacht wurde immer länger für ein römisches Publikum, das am Ende dennoch einen neuen Helden fand: den Italiener Darderi, der ins Halbfinale einzog.
24 Jahre alt ist Darderi, er ist also kein echter Neuling in der Tenniswelt, sondern hat bereits fünf ATP-Titel der kleinsten Kategorie gewonnen und damit Platz 20 der Tennis-Weltrangliste erreicht. Aber wie das eben so ist: Manchmal braucht es einen markanten Sieg, um sich einen Namen zu machen. „König der Nacht“ hieß Darderi am Morgen in der Gazzetta dello Sport.
Dabei war ihm ein großer Sieg schon am Dienstag im Achtelfinale gelungen, als er den zweimaligen Rom-Sieger und – neben Jannik Sinner, natürlich – Turnierfavoriten Alexander Zverev mit einem 6:0 im dritten Satz nach Hause schickte. Zverev wirkte danach einigermaßen desillusioniert, beschwerte sich über den „schlechtesten Platz, auf dem er jemals gespielt“ habe. Aber er gratulierte ebenso fair und attestierte Darderi eine „fantastische“ Leistung. Der wiederum schien inspiriert worden zu sein: Warum nur einmal in der Woche vor Heimpublikum zu null gewinnen? Am Mittwochabend, als sich der Nebel verzogen hatte, schickte Darderi auch den 19-jährigen Spanier Jodar eindrucksvoll nach Hause (und das Publikum um zwei Uhr nachts endlich ins Bett). Mit einem 6:0 im dritten Satz, das stark an die Leistung gegen Zverev erinnerte. Es war ein zweites Ausrufezeichen, das den Italiener erstmals bei einem der Masters-Turniere ins Halbfinale brachte.
Ob Zverev wirklich in Hamburg antritt? Zuletzt war er leicht erkältet und wirkte überspielt
„Ich denke, es ist der beste Sieg meiner Karriere, dank der Zuschauer und der gesamten Atmosphäre in Rom“, sagte Darderi. „Ein Traum“ sei für ihn in der Nacht-Partie in Erfüllung gegangen. Einer, der vor elf Jahren am Flughafen in Rom-Fiumincino begann: Als 13-Jähriger landete Darderi damals in Italien, dem Heimatland seines Großvaters, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien emigriert war. Darderis Vater Gino wuchs als Argentinier auf, in den 1980er-Jahren war er einer der besten Tennisspieler des Landes. Seinen Sohn allerdings schickte Gino Darderi früh nach Italien, wo der junge Luciano, aus dem argentinischen Sommer kommend, in kurzen Hosen im italienischen Winter landete.
Die Entscheidung, den Sohn ins italienische Tennissystem zu überführen, stellte sich als goldrichtig heraus: Darderi ist neben Spielern wie Lorenzo Musetti, Flavio Cobolli, Matteo Arnaldi und dem alles überragenden Sinner Teil einer Gruppe bestens ausgebildeter Italiener, die im Welttennis nach oben drängen. Bis heute trainiert ihn sein Vater Gino, das argentinische Heißblut ist ihm ebenfalls geblieben. Als Darderi gegen Mitternacht am Mittwochabend merkte, dass die Technik Probleme machte, diskutierte er wild gestikulierend mit dem Schiedsrichter, ganz Rom bekam seine Unzufriedenheit mit. Dann jedoch fand er wieder in jenen unnachgiebigen, kämpferischen Rhythmus, der ihm schon gegen Zverev die Überhand gebracht hatte.
Gegen die Widrigkeiten eines unter den abendlichen, feuchten Bedingungen langsamen Platzes und seines lange herausragenden Gegners Jodar setzte sich Darderi in einem Kraftakt durch. Es war mit anderen Worten auch ein Match, das dem angeschlagenen und in Rom nach kräftezehrend langen Wochen müde wirkenden Zverev wohl das letzte bisschen Kraft geraubt hätte. Insofern bewahrheitete sich die Vorhersage, die der Deutsche bereits am Dienstag getroffen hatte: Ein „Lichtblick“ sei die durch die Niederlage entstandene Pause für ihn: „Ich kann mich jetzt ausruhen und aufladen und dann mit 100 Prozent in die French Open reingehen“, hatte Zverev gesagt. Statt römischer Nächte wartet auf ihn vor der Reise nach Paris nur noch das Turnier in Hamburg in der kommenden Woche, wenn er dort wirklich antritt.

