Rollstuhlbasketball:"Eine völlige Katastrophe"

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Rollstuhlbasketball: Mareike Miller (Mitte), hier im Paralympics-Finale von 2016, war vergangenes Jahr deutsche Fahnenträgerin in Tokio. Abseits der Halle sitzt sie im Präsidium von Athleten Deutschland und ist Aktivensprecherin beim Deutschen Behindertensportverband.

Mareike Miller (Mitte), hier im Paralympics-Finale von 2016, war vergangenes Jahr deutsche Fahnenträgerin in Tokio. Abseits der Halle sitzt sie im Präsidium von Athleten Deutschland und ist Aktivensprecherin beim Deutschen Behindertensportverband.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Weil die Fußballer gleichzeitig ihren Weltmeister in Katar ausspielen, müssen die Rollstuhlbasketballer ihre WM im benachbarten Dubai kurzfristig absagen. Deren Verband gibt ein schlechtes Bild ab.

Von David Kulessa

Dass die Fußballweltmeisterschaft in Katar viele Terminkalender durcheinander bringt, ist bekannt. Die Fußballbundesligisten zum Beispiel stehen erstmals vor der Aufgabe, eine zehnwöchige Winterpause zu überbrücken. Neu ist allerdings, dass auch Athleten anderer Disziplinen unter der ungewöhnlichen Terminierung des Großereignisses leiden. Konkret geht es um die Rollstuhlbasketballerinnen und -basketballer, deren Weltmeisterschaft eigentlich vom 16. bis zum 27. November in Dubai stattfinden sollte. Inzwischen ist klar: Daraus wird nichts.

Das teilte der Weltverband der Rollstuhlbasketballer (IWBF) Anfang September in einer Pressemitteilung mit. Als Grund nennt er die zeitliche Überschneidung mit der Fußball-WM, die am 20. November in Katar beginnt. Die Regierung und der Sportrat von Dubai seien mit Bedenken um Sicherheit, Gesundheit und Kapazitäten auf den Verband zugekommen. Schlussendlich habe man deshalb die Entscheidung getroffen, das Turnier in den Juni 2023 zu verlegen.

Nun hat Dubai auf den ersten Blick nichts mit der Fußball-WM in Katar zu tun, schließlich liegt die Millionenmetropole in einem anderen Staat am Persischen Golf; den Vereinigten Arabischen Emiraten. Allerdings ist Dubai nur eine gute Flugstunde vom kleinen Katar entfernt, was es wiederum zu einem beliebten Ziel für Fußballtouristen macht, die im WM-Gastgeberland keine Übernachtungsmöglichkeit finden konnten. Auch der deutsche Fanklub Nationalmannschaft hat angekündigt, in Dubai unterzukommen. Zu den Länderspielen werde man mit dem Flugzeug pendeln.

Damit hätte man rechnen können, kritisiert Nationalspielerin Miller den Weltverband

"Die Überschneidung war von vornherein klar", sagt Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin und Athletensprecherin Mareike Miller. Ihr Ärger gilt in erster Linie dem eigenen Verband. Den Zuschlag für die WM bekam Dubai Ende 2019, im Januar 2022 gab der IWBF die genauen Daten bekannt. Dass die Fußballer ihr Turnier diesen Winter spielen werden, ist schon seit 2015 klar. "Ich weiß nicht, was dazu geführt hat, dass man dachte, die WM genau in diesem Zeitraum stattfinden lassen zu müssen", kritisiert Miller die ursprüngliche Ansetzung. Sie hat wenig Verständnis dafür, genauso wie für die sehr kurzfristige Absage gut zweieinhalb Monate vor Beginn.

Die Folgen der Entscheidung reichen weit. Nicht nur, dass die Bundesliga einen spielfreien Monat freigeräumt hatte, einer Weltmeisterschaft gehen auch andere langfristige Planungen voraus. "Gerade im Damenbereich haben wir eigentlich keine Vollprofis", erklärt Miller, "dadurch haben viele ihren Beruf oder ihr Studium so geplant, dass sie an der WM teilnehmen können." Hinzu kommt die Trainingssteuerung, die vom Höhepunkt im November ausging. "Mit Galgenhumor könnte ich jetzt sagen, dass wir Verschiebungen von den Paralympics in Tokio ja gewohnt sind", sagt Miller: "Aber eigentlich ist es natürlich eine völlige Katastrophe."

Das schlechte Gesamtbild, das der Verband rund um diese Weltmeisterschaft abgibt, spiegelt sich auch in der Neuansetzung des Turniers wider. Angesichts einer Europameisterschaft im August erscheint es zumindest fragwürdig, wie Nicht-Profis kurz zuvor im Juni (5.-21.) an einer Weltmeisterschaft teilnehmen sollen. Auch kenne sie "einige Fans, die nicht stornierbare Flüge gebucht haben", erzählt Miller. Die versuchten jetzt, für viel Geld ihre Reisepläne zu ändern.

Sich stattdessen dem Fanklub Nationalmannschaft anzuschließen, scheint für die Anhänger der Rollstuhlbasketballer jedenfalls keine Option zu sein.

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