Para-Sport:Doppelter Drahtseilakt

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Bereit für den großen Wurf: Lukas Gloßner. (Foto: Ana Sasse/oh)

Die Rollstuhlbasketballer der Iguanas München spielen als Aufsteiger in einem internationalen Wettbewerb. Mit dabei ist Lukas Gloßner, dessen Ziel die Paralympics in Paris sind - seine Ärztin hatte das schon vor acht Jahren vorhergesagt.

Von Helene Altgelt

Der grüne Leguan ( iguana iguana) ist ein schillerndes Reptil, bis zu zwei Meter lang und mit Stacheln am gesamten Rücken ausgerüstet. Alles andere als eine leichte Beute also, aber einen Fressfeind haben die Leguane doch, nämlich große Raubvögel. Was den Sprung von ihren heimischen Gefilden in Südamerika nach Bayern ermöglicht, wo die Rollstuhlbasketballer Iguanas München spielen. In ihrem Wappen windet sich ein grüner Leguan über einem Basketball, und dieser Leguan trifft bald auf einen gefürchteten Raubvogel. Im Emblem des türkischen Vereins Gazisehir Gaziantep Sport Clup fliegt ein Falke, und vor dem haben die Iguanas gehörigen Respekt. "Das werden wir wohl leider verlieren, die sind einfach zu gut", sagt einer ihrer besten Spieler, Lukas Gloßner.

Danach aber wollen die Iguanas wieder angreifen. Das Duell gegen Gazisehir Gaziantep an diesem Freitag im heimischen "Iguanadome" ist die Auftaktpartie des Eurocup 3, dem schwächsten von vier europäischen Wettbewerben im Rollstuhlbasketball. Neben den Falken und Leguanen nehmen auch Klubs aus England, Frankreich und Italien teil. Am Freitag und Samstag spielt jeder gegen jeden, der Sieger qualifiziert sich für die Finalrunde.

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Für die Iguanas ist die Teilnahme ein großer Moment, denn in den vergangenen beiden Jahren spielte der Verein noch in der zweiten Bundesliga, mit schlechten Aussichten auf die Rückkehr in die höchste Spielklasse. Nach dem Abstieg 2021 gelang zwar prompt die sportliche Qualifikation für die Bundesliga, aber wegen mangelndem Personal entschieden sich die Iguanas für eine Extrarunde in Liga zwei. Trotz eines Minikaders gelang der Aufstieg im Frühling 2023, seither spielen die Iguanas in der Bundesliga im unteren Mittelfeld mit. Der Abstieg ist rechnerisch noch möglich, realistischer ist der Klassenerhalt.

Mit den internationalen Plätzen haben die Münchner eigentlich nichts zu tun. Am Eurocup 3 können sie dank einer speziellen Regelung teilnehmen, denn die Ausrichter der Gruppenphase bekommen einen freien Platz. Der Wettbewerb ist für die Iguanas eine Chance, auch wenn er "wirtschaftlich eher eine Belastung als ein Gewinn" ist, wie ihr Trainer Benjamin Ryklin sagt. Wichtiger ist: Aufmerksamkeit. "Wir hoffen auf eine langfristige Wirkung, weil mehr Menschen und vielleicht auch neue Menschen den Sport sehen", so Ryklin. Die Iguanas sind weiter auf Zuwachs bei Spielern und Ehrenamtlichen angewiesen. "Wir fliegen komplett unter dem Radar und müssen umso lauter sein, um Anschluss zu fassen an die Vereine und an die Sportarten, die gesetzt sind in München", sagt Ryklin. Es ist ein Drahtseilakt.

Paralympics-Qualifikation mit großer Fallhöhe

Einen Drahtseilakt, nur mit bedeutend größerer Fallhöhe, hat auch der deutsche Rollstuhlbasketball insgesamt vor sich. An der Qualifikation der Männer für die Paralympics im April hängt sehr viel. Vor allem viel Geld. Ein Scheitern würde ein großes Loch reißen, in den vergangenen Jahren waren die Rollstuhlbasketballer stets dabei, die Fördermittel sind fest eingeplant. Das deutsche Förderungssystem ist stark auf die Paralympics oder die Olympischen Spiele ausgelegt, was nicht nur im Rollstuhlbasketball für Kritik sorgt. Wie bei so vielen Sportarten wird sehr viel von Kleinigkeiten abhängen, ein Korb kann einen Unterschied von Tausenden Euros machen. Für die Qualifikation wurde bei der EM das Ticket verpasst, jetzt bleibt nur das Turnier im April. Die Chancen für Paris schätzt Lukas Gloßner auf etwa 65 bis 70 Prozent, aber "alles muss klappen", glaubt der 23-Jährige.

Steht mit den Iguanas gerade auf Platz sieben in der Bundesliga: Lukas Gloßner (vorne), hier im Spiel gegen die Rhine River Rhinos. (Foto: Ana Sasse/oh)

Gloßner ist der Shootingstar der Iguanas - ein Begriff, der im Basketball doppelt gut passt. Seit einem Unfall mit 16 Jahren ist er querschnittgelähmt, orientierte sich schnell vom Fußball zum Rollstuhlbasketball um und legte dort eine steile Karriere hin. Die führte ihn bis ins Nationalteam, im Falle einer Qualifikation wird Gloßner in Paris dabei sein. "Sein großer Vorteil ist, dass er die Sachen nicht dem Zufall überlässt, sondern selber seinen Plan schmiedet und ihn dann auch verfolgt", ob auf dem Platz oder daneben, sagt Ryklin.

Für Gloßner wäre die Teilnahme an den Paralympics etwas, von dem er nicht zu träumen gewagt hätte. "Damals in meiner Reha nach dem Unfall hat meine erste Ärztin gesagt, dass ich ihr schon mal ein Autogramm geben soll, weil ich irgendwann bei den Paralympics spielen würde. In dem Moment war das komplett unrealistisch, und jetzt fühlt es sich immer noch ein bisschen surreal an", erinnert er sich. "Es wäre ein großer Traum, fast genau acht Jahre nach dem Unfall zu den Paralympics zu fahren. Dann hätte ich eigentlich alles gemacht, was ich nach dem Unfall machen wollte."

Erst einmal geht es für Gloßner aber um den EuroCup. Auf internationalem Parkett hat er schon Erfahrung, spielte in seinem Auslandssemester für den spanischen Spitzenklub Bilbao. Die dortige Liga schätzt er als stärkste der Welt ein, knapp vor Deutschland - auch dieser Status hängt an der Paralympics-Qualifikation, denn bei einem Scheitern würden die besten Spieler Deutschland wohl verlassen, um anderswo für mehr Geld zu spielen. Schon jetzt gibt es hierzulande weniger Spitzenklubs als anderswo.

Aber vielleicht können die Leguane trotz ihrer natürlichen Eigenschaften ja gegen die türkischen Falken bestehen und sich für die Endrunde qualifizieren. Der grüne Leguan gilt übrigens als invasive Spezies und hat sich unter anderem in der Karibik, in Texas und Hawaii ausgebreitet. Wenn sich ein Exemplar im Sommer für wenige Wochen nach Paris verirren würde, hätten die französischen Naturschutzbehörden aber bestimmt nichts dagegen einzuwenden.

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