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Radsport:Rätsel aus der Fotosammlung

Erfrischung nötig: Der Niederländer Tom Dumoulin und der Slowene Primoz Roglic legen auf der 6. Etappe der diesjährigen Tour de France eine Trinkpause ein.

(Foto: Stuart Franklin/AFP)

Wie rutschten die Bilder der prominenten Radsportler Tom Dumoulin und Primoz Roglic in die Datenbank österreichischer Ermittler? Das gehört zu den vielen ungelösten Fragen in der "Operation Aderlass".

Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth

Fast zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass Strafermittler in der "Operation Aderlass" ein Blutdopingnetzwerk um den Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt enttarnten. Am Rande der Ski-Nordisch-WM in Seefeld wurde es gehoben, und als sich die Ermittler in der Folge daranmachten, Zeugen und Beschuldigte zu vernehmen, legten sie in den Befragungen auch ein paar Fotos vor.

Der Sinn der Übung: zu erfahren, ob eine der abgebildeten Personen vielleicht auch zum Netzwerk gehören könnte. 30 bis 40 Bilder umfasste die Fotosammlung, und erstaunlicherweise waren bisweilen zwei sehr prominente Namen darunter - und zwar zwei der besten Radsportler der Welt.

Der eine war Primoz Roglic, der Slowene, der im vergangenen Sommer erst auf den letzten Metern den Gesamtsieg der Tour de France an seinen Landsmann Tadej Pogacar verlor und der kurz darauf zum zweiten Mal die Spanien-Rundfahrt gewann. Der andere war der Niederländer Tom Dumoulin, zuletzt beim Team Jumbo-Visma einer von Roglics Edelhelfern und 2017 etwas überraschend Sieger des Giro d'Italia.

Was steckt also dahinter? Es gibt bisher keinerlei konkrete Anhaltspunkte, dass beide zu Schmidts Netzwerk gehörten oder sich eines anderen Dopingvergehens schuldig machten. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck, die auf österreichischer Seite für die "Operation Aderlass" verantwortlich ist, teilt auf Anfrage mit, dass die Fahrer in den Ermittlungsverfahren "weder als Beschuldigte noch als Zeugen geführt" würden. Das Team Jumbo lässt ausrichten: Weder Dumoulin noch Roglic hätten zu Schmidt oder einer anderen beschuldigten Person in dessen Umfeld jemals Kontakt gehabt, auch seien weder die Fahrer noch das Team von einer Ermittlungsbehörde kontaktiert worden. Zugleich ist es aber durchaus interessant, dass und wie zwei der weltbesten Pedaleure überhaupt in dieser Fotosammlung auftauchen konnten.

Ein verurteilter Radprofi wundert sich über große Leistungssteigerungen im Peloton

Die Strafermittler wollen nicht erklären, wie sie ihre Datenbank zusammenstellten. "Auskunft dazu, ob oder warum bei Vernehmungen im Ermittlungsverfahren welche Fragen gestellt wurden", könne man nicht geben, heißt es. Dafür lassen sich aus den verschiedenen österreichischen Verfahren gegen einzelne Schmidt-Klienten sowie inzwischen 22 Prozesstagen in Schmidts Verfahren vor dem Münchner Landgericht durchaus einige Puzzleteile finden. Ein wesentliches dürfte eine Einlassung des einstigen österreichischen Radsportlers Georg Preidler sein.

Der 30-Jährige war viele Jahre einer der stillen Kräfte des Pelotons, erst bei dem in Deutschland lizensierten Team Subweb (ab Januar Team DSM), dann bei der französischen Equipe Groupama-FDJ mit ihrem Aushängeschild Thibaut Pinot. Preidler zählte zu jenen Sportlern, die im Frühjahr 2019 von sich aus gestanden, dass sie Schmidts blutigen Service genutzt hatten; laut Preidler war er aber nur in der Saison 2018 Kunde gewesen. Das Landgericht Innsbruck hat ihn inzwischen zu einer zwölfmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. In diesem Kontext legte er ein handschriftliches Geständnis ab: "Das ist die komplette Wahrheit über die Praktiken im Spitzensport", beginnt es, "die mir von zwielichtigen Gestalten, denen ich nie hätte begegnen dürfen, beigebracht wurde."

Preidler berichtete darin auch von einer Begebenheit aus dem Jahr 2017, als er noch für Sunweb fuhr, wie Dumoulin. Die Topfahrer der Mannschaft seien damals im Frühjahr ins Höhentrainingslager gezogen; Preidler habe auch mitgewollt, er sei sogar bereit gewesen, dies auf eigene Kosten zu tun. Sein Team habe aber vehement abgewiegelt. Der Verschmähte wunderte sich sehr darüber - und über den Umstand, dass die involvierten Fahrer nach dem Höhentrainingslager in eine unglaublich formidable Form geschlüpft seien. Dumoulin gewann kurz darauf die Gesamtwertung bei der Italien-Rundfahrt.

Auch Primoz Roglic weckte Preidlers Verwunderung: Schmidt habe 2018 Blutbeutel in einer slowenischen Blutbank gefiltert, heißt es in dem Geständnis, und da sei ihm, Preidler, eingefallen, wie schnell manch slowenischer Radfahrer so gut geworden war. "Ich habe nie verstanden, wie man vom Skispringer zum Sieger bei dreiwöchiger Rundfahrt werden kann", hielt er fest - ein Verweis auf Roglics erstaunliche Biografie in den vergangenen Jahren. Dahinter wurde allerdings in Klammern der Begriff "Vermutung" vermerkt.

Preidler wollte sich auf Anfrage nicht zusätzlich äußern. Er richtete aber aus, dass es im Aderlass-Kontext in Deutschland noch weitere interessante Gesprächspartner geben könnte. Mark Schmidt, der Erfurter Sportarzt, hatte zuletzt beteuert, dass er keine weiteren Kunden betreut habe als jene, die er bereits genannt habe.

Das Team Sunweb/DSM, Preidlers Arbeitgeber bis 2017, richtet auf Anfrage aus, dass man ebenfalls zu keiner Zeit von den Ermittlungsbehörden kontaktiert worden sei. Und was das Höhentrainingslager betreffe: "Die größte Priorität für Georg war damals, dass er sich auf die Ziele des Teams fokussiert", das Einstudieren von taktischen Elementen etwa oder die Zusammenarbeit mit den Trainern außerhalb der Rennen. Das habe die Mannschaftsleitung damals für sinnvoller erachtet als ein Höhencamp. Tatsächlich hat sich Sunweb in den vergangenen Jahren den Ruf erarbeitet, seine Fahrer sehr individuell und engmaschig anzuleiten, nicht immer zum Gefallen der Fahrer selbst.

Andererseits: Womöglich waren Preidlers Ausführungen in diesem Kontext gar nicht allein entscheidend. Denn aus dem Umfeld von Prozessbeteiligten heißt es, dass die Fotos mancher Sportler schon gezeigt wurden, bevor in einer der Vernehmungen Hinweise fielen.

So bleibt die Frage, weshalb Dumoulin und Roglic in die Foto-Datenbank hineinrutschten. Es ist längst nicht das einzige noch ungelöste Rätsel der "Operation Aderlass".

© SZ/bkl
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