Tennis Federer verliert die Leichtigkeit

Roger Federer: Kaputt in New York

(Foto: dpa)
  • Roger Federer scheitert im Achtelfinale der US Open am Australier John Millman, mit 6:3, 5:7, 6:7 (7:9), 6:7 (3:7).
  • Millman hat die Partie aber nicht mit einer fantastischen Leistung gewonnen, vielmehr hat sie Federer mit einer grotesken Vorstellung verloren.
  • Das Match ist ein Hinweis darauf, dass Federer mit nun 37 Jahren an Grenzen stößt.
Von Jürgen Schmieder, New York

Es ist im Sport immer dann ein ganz besonders schrecklicher Anblick, wenn bei einem, der seine Disziplin sonst so leicht aussehen lässt, plötzlich alles schwer wirkt. Wenn Zinédine Zidane Fußball nicht spielen kann, sondern Fußball arbeiten oder gar kämpfen muss. Wenn Usain Bolt nicht elegant läuft, sondern sich über die 100 Meter quälen muss. Wenn Michael Jordan nicht mehr dem Korb entgegenschwebt, sondern sich verzweifelt einem Basketball hinterherstürzt. Diese mühevollen Szenen der scheinbar Mühelosen, die sich in Wirklichkeit ja unfassbar anstrengen müssen, sind meist dann zu erdulden, wenn diese älter geworden sind, wenn ihnen ihre Sterblichkeit als Sportler bewusst wird.

Roger Federer, der Grazile, der Grandiose, der Maestro des Tennissports, hat in der Nacht zum Dienstag in New York so eine sportliche Nahtoderfahrung gemacht, es war schlimm anzusehen, und wie Federer danach berichtete, hat es sich für ihn auch schlimm angefühlt. Es gibt nun dieses eine Foto, auf dem er ein bisschen aussieht wie Uwe Seeler während des WM-Finales 1966: Federer sitzt während des Seitenwechsels im dritten Satz auf seinem Stuhl, vor ihn haben sie einen Ventilator hingestellt, der ungefähr so wirksam ist wie ein Tropfen Wasser bei einem Waldbrand. Er hat den Kopf gesenkt, tief, bis unter die hängenden Schultern. Niemand will diesen außerordentlichen Sportler so sehen, aber es ist ein Bild, das keiner vergessen kann, der es gesehen hat.

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"Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen", sagte Federer nach dem 6:3, 5:7, 6:7(7), 6:7(3) im Achtelfinale der US Open gegen John Millman (Australien). Es war mal wieder extrem heiß und extrem schwül in New York, und die Architektur des Arthur Ashe Stadiums verhinderte jeden Luftzug und damit jede Form der Linderung: "Ich habe immer mehr geschwitzt, und irgendwann, da war alles nass: das Griffband, die Hände, die Klamotten. Ich hatte schon meine Chancen, aber irgendwann war ich auch froh, dass diese Partie bald vorbei sein würde", sagte Federer.

Gegen Kyrgios sah alles noch ganz leicht aus

Federer spielte an diesem Abend gegen einen acht Jahre jüngeren Australier, der zu den fittesten Akteuren im Männertennis gehört und mit den klimatischen Bedingungen aufgrund seiner Herkunft bestens vertraut ist. Es war aber nicht so, dass Millman, ohne den größten Triumph seiner Karriere schmälern zu wollen, diese Partie mit einer fantastischen Leistung gewonnen hätte, vielmehr hat sie Federer mit einer grotesken Vorstellung verloren. Er leistete sich ingesamt 77 leichte Fehler, in den drei US-Open-Partien davor waren es insgesamt 95 gewesen. Ihm unterliefen zehn Doppelfehler, so viele wie seit dem Finale 2009 gegen Juan Martín del Potro (elf) nicht mehr, und zwei davon passierten nacheinander im Tie-Break des vierten Satzes.

"Ich habe schon unter schlimmeren Bedingungen gespielt, bei fast 50 Grad in der prallen Sonne", sagte Federer: "An manchen Tagen allerdings kann der Körper nicht damit umgehen." Das darf als Hinweis darauf gewertet werden, dass sich Federer selbst nicht mehr als unsterblich und unverwundbar fühlt. Er ist 37 Jahre alt, er plant seine Saison und selbst einzelne Ballwechsel so, dass er dem Älterwerden entgegenwirken kann, und es gibt ja auch Tage, da wirkt er noch immer mühelos: wie zum Beispiel bei der nahezu perfekten Zungenschnalz-Partie gegen Nick Kyrgios am vergangenen Samstag, während der er den Ball am Netzpfosten vorbei ins Feld schubste. Das sah dann wieder so unfassbar leicht aus, so federeresk, dass selbst Hallodri Kyrgios mit offenem Mund dastand und tatsächlich stolz darauf war, bei diesem Federer-Moment den besten Platz im Stadion gehabt zu haben.