Rodeln bei Olympia:Die Schlange von Pyeongchang bestraft jeden Fehler

Pyeongchang 2018 - Rodeln

Johannes Ludwig flitzt durch die Eisrinne in Pyeongchang.

(Foto: dpa)
  • Felix Loch könnte am Sonntag erneut Olympiasieger im Rodeln werden.
  • Zwei Läufe stehen noch aus, Loch ist gewarnt: Der Eiskanal ist tückischer als man auf den ersten Blick vermutet.
  • Immerhin dürfte es keine schlimmen Stürze geben.

Von Volker Kreisl, Pyeongchang

Dieser Vergleich ist nicht besonders einfallsreich, aber er liegt eben auf der Hand. Egal, ob man an ihr entlangläuft oder Luftbilder betrachtet - die Bob- und Rodelbahn von Pyeongchang erinnert an eine fette Schlange, die friedlich und harmlos und in vielen Windungen über einen Berg kriecht. Und vor Schlangen soll man grundsätzlich Respekt haben.

An diesem Wochenende gehen zunächst die Rodler mit dem deutschen Olympiasieger und Mitfavoriten Felix Loch ihre Finalläufe an. Zwei der vier Durchgänge sind mittlerweile absolviert, es sieht gut aus für Loch. Er führt zur Halbzeit, fast zwei Zehntelsekunden trennen ihn vom zweitplatzierten Österreicher David Gleirscher (+0,188). Doch Loch warnt: "Hier auf dieser Bahn kann aber ganz schnell etwas schiefgehen."

Mindestens einen der vier Finalläufe verpatze jeder, glauben die Fahrer

Dabei gibt es auf Kunsteisbahnen immer Vorteile für die Piloten des Ausrichterlandes, auf Olympiabahnen besonders. Auch die Anlage in Pyeongchang ist erst vor rund einem Jahr fertiggestellt worden, und wie alle anderen Olympia-Gastgeber nutzte die junge südkoreanische Mannschaft ihr zusätzliches Trainingsrecht. Bob-Pilot Won Yun-jong und Skeleton-Gesamtweltcupsieger Yun Sung-bin sind längst Favoriten, und es hat die Anspannung der Deutschen, Kanadier, Amerikaner und Russen nicht gerade gelindert, dass die Südkoreaner kurz vor den Spielen noch mal intensive Einheiten absolvierten.

Denn jede Erkenntnis zählt, jeder Zentimeter, um den die Piloten die Ideallinie verlassen, wird im Kurvengewimmel bestraft. Deshalb standen auch viele Kufenfilmer beim Training an der schon berüchtigten Kurve neun, der Schlüsselstelle, die etwa in der Mitte der Bahn liegt, zu der man zehn Minuten hinaufmarschiert, an der man aber erst mal vorbeiläuft.

Denn den Namen Kurve hat die Neun eigentlich nicht verdient. Unter einer spektakulären Kurve stellt man sich etwas anderes vor, eine geschwungene Steilwand, ein großes Hufeisen, ein ordentliches Omega, aber keine läppische Krümmung, die aussieht, als rutsche die Schlange nur kurz an einem Stein vorbei. Tatsächlich setzt diese Neun eine Kurvenkombination von oben fort, und nach unten spuckt sie den Lenker hinaus auf eine tückische Gerade, die zwei unscheinbare Ecken hat, die Kurvenpunkte zehn und elf. Die Neun ist hässlich, klein und gerade deshalb wichtig. Markus Aschauer, Bahnbeauftragter des Rodelweltverbandes, sagt, der Bereich, auf dem der Anpressdruck für einen Moment nachlässt, auf dem also gelenkt werden kann, messe hier nur zehn Zentimeter.

Doch wie erwischt man so einen Fleck bei 120 km/h? Vermutlich eher intuitiv als bewusst, weniger mit dem Gehirn als mit Gefühl. Keiner komme hier ungeschoren durch, mutmaßten die ersten Pyeongchang-Fahrer, mindestens einen von den vier olympischen Finalläufen verhaue jeder. Anders als zunächst vermutet, seien diese Stelle und alle ihre nachfolgenden Verhängnisse aber kein Konstruktionsfehler, sagt Aschauer, sondern der Versuch, die Piloten zu fordern. Experten empfehlen ungefähr folgende Strategie: In der Kurve neun alles anders machen, als einst gelernt. Also die Kurve nicht oben ausfahren, sondern den schnellen Weg zurück zum Boden suchen, andernfalls schleudert man am Ende links gegen die Bande, aber Vorsicht: Ja nicht zu stark hinunterlenken, sonst tragen einen die Fliehkräfte wieder hinauf, und man scheppert oben gegen die Bande. Und wehe, was dann folgt.

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