Der Abstiegskampf von Borussia Mönchengladbach nimmt immer emotionalere Züge an. Während der 0:1-Niederlage bei RB Leipzig am Samstag pfiffen die Gladbacher Fans den eigenen Kapitän Rocco Reitz aus und forderten, ihm das Kapitänsamt zu entziehen. Reitz wechselt im Sommer nämlich ausgerechnet nach Leipzig.
Unabhängig vom Reitz-Thema weinte Gladbachs junger Außenverteidiger Lukas Ullrich, 22, nach seiner leistungsbedingten frühen Auswechslung in der 33. Minute auf der Bank Tränen der Enttäuschung. Mit solch schwierigen Begleiterscheinungen und einer weiter schwelenden Debatte um den Trainer Eugen Polanski liegt die Borussia nach nur einem Sieg in den jüngsten fünf Spielen weiter gerade mal fünf Punkte vor dem Relegationsplatz.
Mit der Gewissheit um den Abschied von Reitz sowie der Ungewissheit um die Zukunft so wichtiger Leihspieler wie Haris Tabakovic und Yannik Engelhardt kämpft Gladbach am Tabellenabgrund um den Klassenerhalt. Toptorschütze Tabakovic (elf Treffer) hat in den vergangenen 13 Spielen nur noch zweimal getroffen. Nach der Niederlage in Leipzig sagte Polanski am ARD-Mikrofon: „Vorn fehlte uns die Abgezocktheit, um ein Tor zu machen.“ Neu in der ohnehin schon schwierigen Gemengelage bei der Borussia ist das offen zutage getretene Zerwürfnis zwischen den Fans und dem Kapitän Reitz.
Es ist nämlich so: Gladbachs Fans lehnen den Fußballklub RB Leipzig demonstrativ ab. Bei jedem Spiel gegen Leipzig verzichten Gladbachs Anhänger zunächst 19 Minuten lang (weil das Gründungsjahr der Borussia 1900 ist) auf jeglichen Support, blasen aber bei jedem Ballkontakt eines Leipziger Spielers in Trillerpfeifen. Im Spiel am Samstag in Leipzig trillerten die Gladbacher Fans auch bei Ballkontakten von Reitz. Sie behandelten den Borussen-Kapitän und vormaligen Publikumsliebling damit bereits wie einen Leipziger. Auf einem Banner im Gästefanblock stand vor dem Spiel: „Wer das hier will, kann niemals unser Kapitän sein.“ Gladbachs Ultras forderten damit de facto, Reitz das Kapitänsamt zu entziehen.
„Mit so was muss Rocco ein Stück weit leben“, sagt Trainer Eugen Polanski
Es ist kaum zu erwarten, dass der Verein oder Reitz selbst dieser Forderung nachkommen. Kurz nach dem Spiel sagte der Trainer Polanski über das Fan-Banner: „Das ist freie Meinungsäußerung, die Fans haben das gute Recht, so ein Plakat aufzuhängen.“ Ihm sei nur wichtig, dass dies nicht auf die Mannschaft übergehe – aber das tue es auch nicht. „Mit so was muss Rocco ein Stück weit leben – aber es war alles im Rahmen, ich habe nichts gesehen, was verwerflich wäre.“ Polanski betonte, man sei auf solche Reaktionen vorbereitet gewesen.
Reitz selbst wollte sich nicht zum Thema äußern. Der 23-Jährige spielt schon sein ganzes Leben für Gladbach und hat den Verein mal als seine große Fußball-Liebe bezeichnet. Vor der Bekanntgabe seines Wechsels nach Leipzig war er bei den Gladbach-Fans der Publikumsliebling. „Rocco ist kein RB-Junge, sondern ein Gladbach-Junge“, sagte Polanski kürzlich. Defensivspieler Philipp Sander sagte am Samstag: „Rocco ist reflektiert genug, um zu wissen, dass nach so einer Entscheidung Gegenwind auf ihn zukommt – wir stärken ihm den Rücken, er ist sportlich wichtig für uns.“ Der Torwart Moritz Nicolas erklärte: „Ich hätte Rocco gern in Gladbach behalten, aber er hat eine Entscheidung getroffen, und die gilt es zu respektieren.“
Dass er nach den Tumulten um Reitz und angesichts der Niederlage mit der frühen Auswechslung von Lukas Ullrich noch ein drittes Thema zu moderieren hatte, gefiel dem Trainer Polanski nicht gerade, doch er brachte die Gründe für den frühen Wechsel auf den Punkt und stärkte Ullrichs Rolle in den Zukunftsplanungen des Vereins. „Wir mussten leider wechseln, weil Ulle auf außen Probleme hatte, da gab es zu viele Unforced Errors und vom Gegner zu viele Durchbrüche.“ Der Coach prophezeite aber, dass bei Ullrich nichts hängen bleiben werde. „Wir bauen ihn wieder auf, er ist ein guter Junge und wird für Gladbach noch wichtige Spielern liefern.“

