MeinungKI-Roboter im SportDie Herzen des Publikums werden die Roboter nicht erobern

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Kolumne von Claudio Catuogno

Lesezeit: 3 Min.

Ein humanoider Roboter läuft durch Peking – und seine Bewacher fahren hinterher.
Ein humanoider Roboter läuft durch Peking – und seine Bewacher fahren hinterher. Ju Huanzong/XinHua/dpa

Maschinen laufen inzwischen schneller Halbmarathon, spielen besser Tischtennis und werfen präziser Basketbälle als Menschen. Das wird ihnen aber nichts nützen.

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Gar nicht so leicht, den neuen Star am Tischtennishimmel zu bewundern. Das liegt weniger an der kühlen Präzision, mit der er den kleinen, weißen Ball über das Netz schickt; da schaut man schon eine Weile fasziniert zu. Aber er hat halt das Charisma einer Industriesäge. Niemand hat ihn jemals jubeln, schlucken, schwitzen gesehen. Und mit der heutzutage ja unverzichtbaren Nahbarkeit ist es auch so eine Sache: Wird man, wenn man ihn um ein Selfie bittet, versehentlich von seinem achtgelenkigen Hochgeschwindigkeitsarm niedergestreckt? Müsste man seine Schöpfer mal fragen ...

Trotzdem ist das in der vergangenen Woche natürlich eine Sensationsmeldung gewesen: Ace, ein KI-Tischtennisroboter aus schweizerisch-österreichisch-japanischer Co-Produktion, ist jetzt technisch so ausgereift, dass er sogar langjährige Turnierspieler besiegen kann. Das galt bis vor Kurzem als schwer erreichbar in einem Sport, in dem innerhalb von Millisekunden die Flugbahn des Balles, der Spin, die optimale Schlägerposition im Raum, die nötige Schlagrichtung und -härte und vieles mehr analysiert und umgesetzt werden muss. Aber Ace ist nun so weit – dank zwölf um die Platte verteilter Kameras, ultraschneller Rechenprozesse, maschinellen Lernens sowie der Verknüpfung mit künstlicher Intelligenz, um jeden Gegner blitzschnell zu analysieren und das eigene Spiel entsprechend anzupassen. Beeindruckend!

Noch viel beeindruckender allerdings: Es gibt Menschen aus Fleisch und Blut, die können all das auch!

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Dass der Mensch, vor allem im Arbeitsleben, durch die Maschine ersetzt wird, ist kein neues Phänomen. Robotersysteme bauen Autos oder assistieren dem Chirurgen im OP. Dank künstlicher Intelligenz kann die Maschine neuerdings sogar Dinge, die der Mensch lange exklusiv hatte: strukturiert planen, diagnostizieren, evaluieren, kommunizieren, investieren. Und humanoide Roboter – dem Menschen nachempfunden, zwei Beine, zwei Arme, aufrechter Gang – werfen nun eben aus großer Weite Basketbälle in Körbe wie die Toyota-Entwicklung Cue7 oder tanzen beim chinesischen Frühlingsfest eine atemberaubende Kung-Fu-Choreografie. Und weil es ja immer noch die Menschen sind, die sie entwickeln, werden die Roboter längst auch auf die Schlachtfelder geschickt. Wenn sie den Einsatz nicht überleben, hinterlassen sie wenigstens keine trauernden Frauen und Kinder. Trotzdem wird wohl niemand sagen, dass sie Kriege zum Guten verändern.

Womöglich wird der Sport am Ende eines der wenigen Refugien sein, in denen die KI-Maschinen die Ausnahme bleiben

Dass der Hochleistungssport bei der Entwicklung neuer Menschenmaschinen ein beliebtes Experimentierfeld ist, liegt auf der Hand. Wo sonst muss man sich in ähnlichen Grenzbereichen bewähren? Und trotzdem: Womöglich wird der Sport am Ende eines der wenigen Refugien sein, in denen die KI-Maschinen die Ausnahme bleiben. Weil das zahlende Publikum etwas anderes sehen will als maschinelle Präzision: Hingabe, Trainingsfleiß, Selbstbeherrschung, spontane Genialität. Das ist übrigens auch der Grund, warum der Kommerzsport um jeden Preis die Illusion aufrechterhalten muss, Doping sei bloß ein Problem einiger moralisch Verirrter und nicht etwa Teil des Systems. Weil die Zuschauer es wenigstens für möglich halten wollen, dass in dem Wettkampf, für den sie Geld ausgeben, echte Menschen ausloten, was möglich ist. Der erste Eiskunstläufer springt den vierfachen Axel. Die erste Schwimmerin schafft die 100 Meter Freistil in unter 53 Sekunden. Oder, wie am Sonntag in London: Der erste Marathonläufer bleibt unter zwei Stunden.

Kein Prostata-Patient wird sich in Zukunft gegen einen Operationsroboter wehren, der präzisere Schnitte setzt als der Chefarzt (und der auch nicht kurz zum Rauchen rausmuss). Und wenn der Autopilot den A380 sicherer auf der Landebahn aufsetzt als der von Eheproblemen gegrämte Pilot mit Kopfschmerzen – wunderbar! Aber lieber als zwei Schachcomputern schaut man doch bis heute zwei Menschen beim Denken am Brett zu. Wie sie hadern, zweifeln, Geistesblitze willkommen heißen und wieder verwerfen – und dann, wie blöd, versehentlich die Dame opfern.

Dass Shandian, ein Langstreckenläufer aus Metall, Plastik und Mikrochips, in Peking kürzlich einen Halbmarathon in 50 Minuten und 29 Sekunden absolvierte, gilt als Weltklasseleistung – seiner Erbauer. Und wer weiß, vielleicht läuft Shandian (zu Deutsch: Blitz) demnächst ja die 42,195 Kilometer in unter 20 Minuten. Aber der nächste Usain Bolt, die nächste Simone Biles, der nächste Timo Boll werden trotzdem Menschen sein, keine Maschinen.

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