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Ski alpin:"Ich halte es für Zeitverschwendung, verängstigt zu sein"

Weltcup Riesenslalom der Damen Ski Opening Alice Robinson (NZL) siegt Sölden Soelden Deutschland Rettenbachferner Gletsc

Die gewagteste Schräglage im Ski-Weltcup: Alice Robinson.

(Foto: Sammy Minkoff/imago)
  • Die 18-jährige Alice Robinson gilt als das nächste Riesentalent im alpinen Skisport.
  • Viele vergleichen sie schon jetyt mit der besten Skirennfahrerin der Gegenwart, Mikaela Shiffrin. Aber Robinson sagt: "Wir sind so unterschiedlich".

Irgendjemand hat Alice Robinson neulich gefragt, ob sie eigentlich Druck verspüre, weil sie jetzt immer häufiger als die nächste Mikaela Shiffrin gehandelt wird. Shiffrin, nur zur Erinnerung, ist die beste Skirennfahrerin der Gegenwart, der näheren Zukunft und bald wohl auch der Geschichte. Aber Robinson hat nur müde gelächelt.

"Ich vergleiche mich mit niemandem", sagte sie dann, als wisse sie längst, dass solche Vergleiche sowieso fast nie passen. Shiffrin ist erst 24 Jahre alt, aber sie ist zweimalige Olympiasiegerin und fünfmalige Weltmeisterin, unter anderem, und muss mittlerweile erste Fragen zu ihrem Karriereende entgegennehmen. Robinson ist im vergangenen Dezember erst 18 geworden, sie steht in jeder Hinsicht am Anfang. "Wir sind so unterschiedlich", sagte Robinson, man sehe das ja schon an den Anfängen. Shiffrin stammt aus Avon in Colorado, das schon einige alpine Hochbegabte hervorgebracht hat. Robinson ist in Neuseeland aufgewachsen, am anderen Ende der Welt. Von dort ist sie innerhalb rekordverdächtiger Zeit an die Spitze eines Sports geschossen, dessen Herz in den europäischen Alpen pulsiert.

Robinson hat schon recht: Sie muss sich wahrhaftig mit keinem vergleichen. Ihre Geschichte ist beispiellos, so oder so.

Wann immer von ihr zuletzt die Rede war, hieß es, sie sei die nächste Hochbegabte ihres Sports, mindestens das. Vor zwei Jahren debütierte sie im Weltcup, in ihrer Spezialdisziplin Riesenslalom, vor einem Jahr wurde sie Juniorenweltmeisterin. Vor zwei Wochen gewann Robinson in Kranjska Gora den Riesenslalom, es war schon ihr zweiter Erfolg im 19. Weltcup-Auftritt; im vergangenen Oktober hatte sie in Sölden den Riesenslalom gewonnen - hauchdünn vor Shiffrin. Als Robinson damals im Ziel geehrt wurde, stand Felix Neureuther, einer der besten deutschen Skirennfahrer der Historie, am Fuß der Gletscherrampe, von der manchem schon beim Anblick schwindelig wird. Da drüben, sagte Neureuther, der gerade seinen ersten Auftritt als TV-Experte absolviert hatte, "steht Mikaela Shiffrin, Teil zwei".

Wenn man Robinson selbst nach ihrem Aufstieg fragt, per Telefon, während sie in ihrem Trainingscamp in Italien weilt, dann sagt sie: "Alles, was ich gelernt und getan habe, habe ich mir selbst erarbeitet, mit meiner Familie und meinem Umfeld." Sie habe keine ausgetretenen Pfade an die Spitze beschreiten können, in Neuseeland gibt es ja kaum Vorbilder, keinen finanzkräftigen Verband. Die einschlägigen Archive kennen überhaupt nur acht Alpine, die jemals für das Land fuhren; zwei haben, neben Robinson, bislang im Weltcup triumphiert: Annelise Coberger, deutsche Wurzeln, die 1992 auch olympisches Slalom-Silber gewann, und Claudia Riegler, eine gebürtige Österreicherin.

Manchmal, sagt Robinson, finde sie es schon lustig, welcher Zufall sie zum Skifahren gespült habe. Ihre Eltern wuchsen in Australien auf, die Mutter auf einer Farm in New South Wales, der Vater in Brisbane. Robinson kam in Sydney zur Welt; als sie vier war, zog die Familie nach Queenstown, Neuseeland. Die Region ist ein Sammelpunkt für Adrenalinsüchtige, Rafting, Bungeespringen, im Winter Skifahren am Coronet Peak, einem der bekanntesten Resorts der südlichen Hemisphäre. Mit vier erhielt sie dann auch ihre ersten Skier, "einfach weil das damals in Mode war", mit acht fuhr sie die ersten Rennen. Sie habe vor allem diese hautengen Rennanzüge gemocht, sagt Robinson, und den Wind, der einem um die Nase pfeift, wenn man ins Tal rauscht. Spaß haben, dieses Leitmotiv scheint immer wieder bei ihr auf; es sei der größte Unterschied zwischen Neuseeland und Europa, findet sie: dass hier alles etwas ernster ist.

Und noch etwas habe ihr früh Spaß bereitet: Wenn sie die Beste in einem Sport war, egal welchem. "Ich war immer wahnsinnig wetteifernd", sagt sie. Das sei halt immer so gewesen.

Robinsons Karriere wäre beinahe zerbröselt, bevor sie richtig begonnen hatte

Coronet Peak ist weit weg, aber die Alpinszene pilgert fast jeden Winter dorthin, wenn die Saison im europäischen Sommer pausiert. Als Robinson dort ihre ersten Rennen fuhr, trainierten nebenan amerikanische Branchengrößen wie Lindsey Vonn, die Robinson mittlerweile mit ihrer Stiftung fördert. Als Völkl, der deutsche Skiausrüster, Robinson in sein internationales Athletenportfolio aufnahm, war sie noch keine 16 Jahre alt. Es stimmt schon, sagt Michael Mangold, der Rennsportleiter der Firma: Auch im Alpinsport werde immer früher und spezifischer trainiert, Stangen, Stangen, Stangen. Aber bei Robinson war etwas Anderes ausschlaggebend: "Ab und zu sind Athleten dabei, die unglaublich frühreif und talentiert sind." Red Bull, der österreichische Brausegigant, nahm Robinson vor Kurzem unerwartet früh sein Athletenprogramm auf, mit dem Sportler auch im Training unterstützt werden. Robinson hatte bei den athletischen Einstellungstests offenbar Eindruck hinterlassen; das Portal Ski Racing Media berichtete von 150 Kilogramm, die sie beim Tiefkniebeugen drücke.

Es ist heute schwer zu glauben, auf den ersten Blick, aber Robinsons Karriere wäre beinahe zerbröselt, bevor sie richtig begonnen hatte. Vor zwei Jahren fuhr sie die ersten Rennen unterhalb des Weltcups, dritte und zweite Rennsport-Liga an Orten wie Andalo Paganella in Italien oder Krvavec in der Slowakei. Robinson verbrachte auf einmal zwölf Monate am Stück im Winter, erst in Neuseeland, dann in Europa. Ihre Eltern finanzierten ihr die Reisen und einen eigenen Trainer; der Vater ist im Börsenhandel tätig. Aber sie war jetzt ein halbes Jahr von zu Hause fort, nur mit Betreuern, die 20 Jahre älter waren. "Da hatte sie schon eine Phase, wo sie echt frustriert war und man Angst haben musste, dass sie aufhört", erinnert sich Mangold. Das änderte sich erst, als sie zu Chris Knight wechselte, einem Neuseeländer, der bis vor einem Jahr Lindsey Vonn trainierte. Knight hat in den Dolomiten, in Val di Fassa, eine private Rennakademie hochgezogen, viele junge Athletinnen trainieren dort auf eigene Kosten - auch die Deutsche Fabiana Dorigo, die am Samstag in La Thuile im Weltcup debütiert. Robinson ist den meisten der dortigen Kolleginnen weit voraus, aber neben der Athletin Robinson sei dank der Gesellschaft jetzt etwas fast Wichtigeres wieder im Gleichgewicht, sagen sie in ihrem Umfeld: der Mensch.

Was sie sich bis heute bewahrt hat, ist eine völlige Immunität gegen alles, was einem Angst einjagen könnte. Während andere Klaviermusik hören, um vor den Rennen die Aufregung zu dimmen - wie Shiffrin -, peitscht Robinson sich mit Drum and Bass auf, was ungefähr so beruhigend ist wie ein Spaziergang im Gewittersturm. Während andere weicheren Schnee mögen, auf dem sich die Skier leichter führen lassen, liebt Robinson eisiges Geläuf - so kann sie ihre Skier mit ihrer Kraft besser ins Eis pressen und irre Schräglagen halten, immer auf der Kante, immer auf Zug. Sie fährt viele Kurse gerade zum ersten Mal, es ist ihre erste volle Saison im Weltcup, aber sie führe auch eine "unheimliche Auffassungsgabe" mit sich, sagt Mangold: Robinson könne sich viele Kommandos bildlich vorstellen und sofort umsetzen, was anderen Monate abverlange.

Letztlich sei es so, sagt Robinson: "Ich halte es für Zeitverschwendung, verängstigt zu sein." Sie sagt das so lässig, als gehe es um die Frage, ob man die Biskuittorte zum australischen Afternoon Tea besser mit Erdbeermarmelade verfeinern sollte oder doch mit Rhabarbergelee.

Die Jungen heizen den Arrivierten gerade ohnehin ein, der Schweizer Marco Odermatt, 22, oder der 19-jährige Norweger Lucas Braathen, die Österreicherin Nina Ortlieb, Tochter des Abfahrt-Olympiasiegers Patrick Ortlieb, die mit dem Super-G in La Thulie ihren ersten Weltcup gewann, und Robinson bei den Frauen, klar. "Auf Alice muss man eher aufpassen", sagt Mangold, vor allem wenn sie sich jetzt auch an die schnellen Wettbewerbe wagt, wie am Wochenende in La Thuile (wo Robinson allerdings wegen einer Erkältung passen musste). Mangold weiß, wovon er redet: Mina Fürst Holtmann, 24, noch so eine Aufstrebende aus seinem Team, "die war erst völlig gnadenlos und dann zwei Saisons verletzt". Die Norwegerin wechselte vom Speedressort zum Riesenslalom und Slalom, sie hat sich die Lust an der Attacke bewahrt. Aber das schaffen längst nicht alle.

Robinson interessiert das freilich eher weniger. Kurz- bis mittelfristig möchte sie weiter im Weltcup reüssieren, "langfristig will ich eine Medaille bei Olympia gewinnen", sagt sie. Alles andere, die Gedanken an die einschlägigen Berufsrisiken: das wäre wohl Zeitverschwendung.

© SZ vom 01.03.2020/vit
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