Trainerentlassung in FrankreichAbschied vom Hipster

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Am Ende ratlos: Roberto De Zerbi mischte den OM-Kader mehrmals ordentlich durch. Zuletzt hatte er dennoch keine Asse mehr im Ärmel.
Am Ende ratlos: Roberto De Zerbi mischte den OM-Kader mehrmals ordentlich durch. Zuletzt hatte er dennoch keine Asse mehr im Ärmel. William Cannarella/Imago/PsnewZ
  • Olympique Marseille trennt sich von Trainer Roberto de Zerbi nach dem Champions-League-Aus und der höchsten Niederlage gegen PSG in der Vereinsgeschichte.
  • Die Mannschaft verlor am Sonntag mit 0:5 gegen PSG im Classique und verpasste zuvor die Champions-League-Playoffs durch ein Last-Minute-Tor.
  • De Zerbi hatte den Kader mehrmals umgebaut und polarisierte stark, zuletzt rückte auch die Mannschaft vom italienischen Coach ab.
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Nach dem Aus in der Champions League und der höchsten Niederlage gegen PSG in der Klubgeschichte trennt sich Olympique Marseille vom europaweit verherrlichten Trainer Roberto De Zerbi, der in der Provence stark polarisierte.

Von Stefan Galler

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Die französische Sportzeitung L'Équipe meldete den Knall am frühen Mittwochmorgen um 6.50 Uhr: „Un divorce en plein nuit“ – „Eine Scheidung mitten in der Nacht“, titelte das Blatt auf seiner Internetseite und meinte damit eine der spektakulärsten Trainerentlassungen in der Ligue 1 in den vergangenen Jahren. Olympique Marseille hat sich von Roberto De Zerbi getrennt, von jenem vorübergehend verherrlichten italienischen Coach, dessen Verpflichtung 2024 europaweit mit großer Aufmerksamkeit und hier und dort auch mit ein bisschen Missgunst verfolgt worden war. Denn der Italiener soll bei ein paar ganz großen Klubs auf der Wunschliste gestanden haben.

„Nach einer Besprechung aller Beteiligten der Vereinsführung – Eigentümer, Präsident, Sportdirektor und Trainer – wurde beschlossen, einen Wechsel an der Spitze der ersten Mannschaft vorzunehmen“, teilte der Verein mit. Es handele sich um eine „schwierige, gemeinsam getroffene Entscheidung, die nach reiflicher Überlegung im Interesse des Vereins getroffen wurde, um den sportlichen Herausforderungen zum Ende dieser Saison gerecht zu werden“.

Der „Hipster-Trainer“, wie man De Zerbi seit seinen Erfolgen mit Sassuolo, Schachtar Donezk und Brighton & Hove Albion oft und gerne bezeichnet, hatte in seiner ersten Saison gehalten, was man sich in Marseille von ihm versprochen hatte. Er führte OM direkt in die Champions League und auf Platz zwei in der Meisterschaft, allerdings mit einem Respektsabstand von 19 Punkten auf Champion Paris Saint-Germain. Gemeinsam mit Sportdirektor Medhi Benatia, ein früherer FC-Bayern-Profi, unterzog De Zerbi den Kader zuletzt im Sommer einem Vollwaschgang, holte elf Neue, darunter den früheren Bayern-Verteidiger Benjamin Pavard und Rückkehrer Pierre-Emerick Aubameyang; Arthur Vermeeren lieh er von RB Leipzig aus.

Doch schon am ersten Spieltag gab es den ersten Krach: Adrien Rabiot und Jonathan Rowe lieferten sich nach dem 0:1 in Rennes eine handfeste Kabinenschlägerei – beide mussten den Verein verlassen. Seither kam der Klub aus der Provence nicht mehr so richtig zur Ruhe. Starke Vorstellungen und unerklärliche Aussetzer wechselten sich ab. In der Ligue 1 liegt Marseille bereits zwölf Punkte hinter PSG auf Rang vier; in der Champions League trumpfte die Mannschaft in den ersten Partien streckenweise auf, verlor aber bei Real Madrid und Sporting Lissabon, sowie zu Hause gegen Atalanta Bergamo jeweils durch späte Gegentore.

De Zerbi schraubte auch im Winter wieder am Kader, vier Neue kamen, neun unerwünschte Spieler mussten gehen. Die Qualifikation für die Playoffs in der Königsklasse sollte im Januar eigentlich nur Formsache sein, doch es folgte ein 0:3 im Stade Vélodrome gegen Liverpool und eine weitere peinliche 0:3-Abreibung nebst indiskutabler Leistung am letzten Spieltag in Brügge. Selbst dieses Ergebnis hätte für den 24. Rang und die Zwischenrunde gereicht, hätte nicht Benfica-Lissabon-Torwart Trubin mit seinem 4:2-Treffer in allerletzter Sekunde gegen Real Madrid das Szenario noch einmal verändert - und Marseille komplett aus dem Wettbewerb genommen.

Die Fans waren schon nach der peinlichen Leistung in Brügge angefressen: „Wir vergessen nicht.“

Die stolzen Fans empfingen ihr Team nach der Rückkehr ins heimische Stadion mit vielsagenden Transparenten wie „Wir vergessen nicht – 28.1.2026“ oder „Es fehlt an allem: Stabilität, Ehrgeiz und Eiern – schämt Euch!“ Und das Team schien sich tatsächlich aus der Misere zu hieven, erreichte durch ein klares 3:0 gegen Rennes das Pokal-Viertelfinale.

Es sah so aus, als sei Marseille gewappnet für den „Classique“ am vergangenen Sonntag gegen PSG im Pariser Prinzenpark, erst recht nach dem 1:0-Sieg im Hinspiel und einem denkbar unglücklich verlorenem Supercup-Spiel Anfang Januar (2:2/1:4 im Elfmeterschießen) gegen den amtierenden Champions-League-Sieger. Doch es folgte eine Demütigung erster Güte. Mit 0:5 wurde De Zerbis Mannschaft blamiert, zu den fünf Toren verbuchte PSG noch vier Aluminiumtreffer. Es war auch so die höchste Pleite, die OM in der fast 55-jährigen Geschichte dieses Duells jemals einstecken musste.

Groteske Abwehrfehler von Pavard und dem Ex-Dortmunder Leonardo Balerdi, der in der L'Équipe die schlechteste vorstellbare Note (1 von 10) erhielt, sowie eine völlig blasse Offensive um Ligue-1-Torjäger Mason Greenwood führten dazu, dass sich die Trainerdebatte nun wieder extrem zuspitzte. Und auch die Mannschaft schien endgültig von ihrem Übungsleiter abzurücken, auch weil dieser infolge des Champions-League-Debakels in Brügge Verteidiger Amir Murillo aus Panama öffentlich zum alleinigen Sündenbock gestempelt, aus dem Profikader geworfen und schließlich an Besiktas Istanbul abgegeben hatte.

Im Umfeld des Teams hatte sich die Trennung abgezeichnet, „es wird explodieren, alles bricht zusammen“, ließ ein Insider am Montag durchblicken. Als dann am Dienstag die Verantwortlichen und der Trainerstab zusammenkamen, war De Zerbi nicht mehr zu halten. Dass die Trennung einvernehmlich abgelaufen ist, wird durch den Aspekt gestützt, dass der Italiener auf ein komplettes Jahresgehalt verzichtet – er wird nur noch bis Saisonende bezahlt, obwohl sein Vertrag bis 2027 datiert war.

Womöglich droht jetzt ein Dominoeffekt: Auch Sportdirektor Benatia bot seinen Rücktritt an, zahlreiche Fans fordern, dass zudem der spanische Präsident Pablo Longoria seinen Hut nehmen soll. Die Atmosphäre beim Heimspiel am Samstag gegen Racing Straßburg dürfte aufgeladen sein. Was die Nachfolge von De Zerbi angeht, gibt es bisher nur Spekulationen. Waren zunächst noch Thiago Motta und Marokkos Nationaltrainer Walid Regragui gehandelt worden, scheint jetzt der gerade in Rennes entlassene Habib Beye in der Pole Position zu sein. Der frühere Rechtsverteidiger hat eine OM-Vergangenheit. Auch der Portugiese Sérgio Conceição, derzeit bei Al-Ittihad in Saudi Arabien, sowie der nigerianische Nationalcoach Eric Chelle, der in der Provence aufgewachsen ist, sollen zum Kandidatenkreis zählen.

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