Ex-Nationalspieler beendet seine Karriere Huth ab

Sein größter Erfolg: Robert Huth gewinnt mit Leicester City den Premier-League-Titel.

(Foto: Getty Images)
  • Robert Huth beendet seine Karriere als Profi-Fußballer beiläufig in einer Twitter-Antwort.
  • Der Verteidiger aus Ost-Berlin wechselte als einer der ersten Deutschen nach England und gewann dort mit Leicester City den Premier-League-Titel.
  • Unter Jürgen Klinsmann war er 2005 für eine kurze Zeit Stammverteidiger der Nationalmannschaft und gehörte zum WM-Kader 2006.
Von Sven Haist, London

Kurz und schmerzlos, wie es am besten zu ihm passt, beendete Robert Huth seine Karriere als Fußballspieler. In einer Nachricht über 104 Zeichen, die in ihrer Nüchternheit einer Ergebnisinfo ähnelte, meldete sich Huth am Freitag über Twitter offiziell vom Profidasein ab. Seine Nachricht war eine Reaktion auf das Blabla eines selbsternannten Beraters, der im Internet behauptete, dass Huth soeben einen 18 Monate gültigen Vertrag beim englischen Zweitligisten Derby County unterschrieben hätte. "Das könnte buchstäblich nicht weniger wahr sein. Ich habe aufgehört!", stellte der seit Sommer vereinslose Huth richtig, dessen Zukunft bis dahin unklar war. In Klammern schrieb er hinzu: "Ich habe nur kein Interview gegeben und darüber geweint." Der launische Zusatz - gerichtet an Tennisprofi Andy Murray, der zuvor in Melbourne seinen Abschied unter Tränen in Aussicht gestellt hatte - bewies einmal mehr, worauf es Huth in seiner Laufbahn ankam: das Spiel an sich. Für das Trara um das Spiel herum hatte er nie etwas übrig.

Mit seiner Kurzmitteilung hinterließ Huth indirekt einen Appell an seine Kollegen, sich nicht für mehr zu halten als sie sind. Der Fußball verliert einen Sportsmann, bei dem jeder Gegenspieler wusste, woran er ist. Als beinharter Innenverteidiger, der vor Power strotzte, teilte Huth, 34, in seiner 16 Jahre andauernden Profikarriere auf dem Platz genauso aus, wie er einzustecken bereit war. Ob im Duell mit den Konkurrenten den Ellbogen einsetzend, am Trikot haltend, Haare ziehend oder zum Bodycheck ansetzend - nach dem Spiel wurde sich die Hand gegeben und gut war's. So wie es halt sein sollte.

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Sein Rücktritt bewegt die Fußballfans jetzt in erster Linie, weil sie in ihm einen Spieler sehen, der sich nicht geschont hat. Nachdem er bei Fortuna Biesdorf und Union Berlin das Fußballspielen erlernt hatte, wechselte Huth bereits als 16-Jähriger, geboren in Ost-Berlin, zum FC Chelsea nach England Erst einmal war er aus dem deutschen Blick verschwunden. Bis der 1,91 Meter große Abwehrkoloss - wegen seiner Statur "die Berliner Mauer" genannt - am 11. Mai 2002 sein Profidebüt in der ersten Liga für die Londoner gab (1:3 gegen Aston Villa). Nacheinander hielt Huth bei seinen 322 Einsätzen in der Premier League, die ihn vor Dietmar Hamann zum deutschen Rekordspieler in der Premier League machen, seine Knochen hin für Chelsea, den FC Middlesbrough, Stoke City und Leicester City.

In der deutschen Nationalmannschaft reichte es zu 19 Spielen, darunter der Erfolg über Ecuador im Gruppenspiel der Heim-WM 2006. Im "Sommermärchen"-Film von Sönke Wortmann zeigt er vor allem in zwei Szenen seinen ihm eigenen Humor: auf der Massagebank neben Mitspieler Tim Borowski oder im Auto in Frankfurt neben dem Pressesprecher Harald Stenger, den er erst von der Seite wegen seines Gewichts foppt. Und später fragt, ob er denn zuletzt gewichtsmäßig zugelegt habe. "20 Gramm", antwortet Stenger. "Die dürfen nicht sein", schlägt Huth zurück, 21-jährig und schlagfertig. Beim Confederations Cup im Jahr zuvor war er sogar Stammspieler unter Jürgen Klinsmann. Huth verpasste keine Spielminute.

Doch Aufmerksamkeit wurde ihm trotzdem vorrangig für seinen Quadratschädel zuteil. Erst in Leicester stieg er zu einer Kultfigur auf. Er war ein wichtiger Teil der Retromannschaft von Leicester City, die bei der Meisterschaft 2016 die Buchmacher zur Verzweiflung trieb (Quote 5000:1). An der Seite des ebenfalls schwergewichtigen Wes Morgan bildete er zusammen mit dem Kapitän ein Abwehrduo, das an zwei majestätische Elefanten erinnerte. Die beiden schienen Weisheit, Kraft und Beständigkeit in sich zu vereinen. Entgegen der modernen Verteidigungslehre, bei der Defensivspieler die ersten Offensivspieler sind, beschränkte sich Huth im Spiel auf das Verbarrikadieren des eigenen Tores. In stoischer Ruhe bewahrte er im Strafraum die Übersicht, genau wissend, wann er wohin zu laufen hat, um in letzter Instanz noch einen sicher geglaubten Treffer für den Gegner zu verhindern. Am besten gefiel den Menschen, wenn Huth dabei die Kräfte seines Körpers einfach walten ließ. So wie bei seinem Tor für Leicester in der Titelsaison.

Als wäre er auf einem Trampolin abgesprungen

Beim Erfolg über Manchester City, der letztlich den Weg zum Pokal freimachte, überragte Huth die anderen Spieler bei seinem Kopfballtreffer. Nach einem Eckball katapultierte er sich in die Luft, als wäre er auf einem Trampolin abgesprungen. Seine dritte englische Meisterschaft nach den beiden Triumphen mit Chelsea 2005 und 2006 machen ihn in der deutschen Bestenliste der Premier League zum Spitzenreiter. Allerdings kam Huth bei den ersten zwei Meisterschaften nur sporadisch zum Einsatz. Die Zeit bei Chelsea verdeutlichte, dass seine Fähigkeiten zu einer Karriere in einem Topverein offenbar nicht ausreichen würden. Im unerbittlichen Abstiegskampf fand Huth seinen Arbeitsplatz - bis der eigene Körper dem Abnutzungskampf nicht mehr standhielt.

Wegen anhaltender Knöchel- und Fußprobleme musste Robert Huth in der Vorsaison bei Leicester City seinen Stammplatz hergeben, bei den Profis durfte er bloß im Ligapokal einmal mitwirken. Der Klub entschied sich folglich, Huths Vertrag, der im Juni 2018 auslief, trotz der Verdienste des Deutschen nicht zu verlängern. In dem 1,94 Meter großen englischen Nationalspieler Harry Maguire hatte Leicester den Nachfolger für Huth - der mit seiner Statur als Erbe nicht besser hätte passen können.

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