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Ringer Frank Stäbler:Wenn Schwitzen zur Qual wird

Projekt Double: In Paris wird Frank Stäbler 2017 zum zweiten Mal Weltmeister. Nun trainiert er für die WM 2019 und Olympia in Tokio 2020.

(Foto: Bertrand Guay/AFP)
  • Um seinen Traum vom Olympiagold zu erhalten, versucht sich Ringer Frank Stäbler an einem fast unmöglichen Projekt.
  • Er will in einer Klasse kämpfen, die acht Kilo unter seinem natürlichen Grundgewicht liegt.
  • Mit einem Team aus Experten stellt er seinen Trainings- und Ernährungsplan komplett um.

Die Generalprobe war ein voller Erfolg. Erschöpft, glücklich und zuversichtlich ist Frank Stäbler aus dem ebenso wichtigen wie zukunftsweisenden Härtetest beim Grand Prix von Deutschland in Dortmund hervorgegangen. Der Ringer hat sämtliche Techniken beherrscht, alle Vorgaben beachtet und immer das rechte Gefühl für den eigenen Körper behalten. Aber Stäbler hat ja auch Routine in der Sauna.

Am Freitagabend, vor dem ersten Wettkampftag, hat Stäbler relativ lässig sein Normalgewicht von 71,5 Kilogramm um einige Kilo weggekocht, nachts dann wie immer gedurstet, aber morgens das perfekte Maß auf die Waage gebracht. Und auch das sehr schwere zweite Abschwitzen war ein glatter Erfolg. Am Samstagabend vor dem Finaltag - tagsüber hatte er natürlich doch etwas zu sich genommen - wog er wieder 1,5 Kilo zu viel. Also: Rein in die Sauna, raus aus der Sauna, gleich ins Bett, nichts essen und trinken, möglichst schlafen, schließlich "tot aufstehen", wie er sagt - aber dann: Die Waage gab Grünes Licht, wieder der Sieg im Schwitzen.

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Klar, gerungen wurde auch in Dortmund, und dass Stäbler den Grand Prix gewonnen hat, auch noch gegen den amtierenden Europameister und später im Finale gegen den Russen Artjom Surkow, den amtierenden Weltmeister, war natürlich auch von Bedeutung. Nur sagt Stäbler: "Das Wichtigste von allem ist gerade das Körpergewicht." Denn er muss neuerdings in der niedrigeren Gewichtsklasse bis 67 Kilogramm antreten, in einer Zone, in der Surkow quasi zu Hause ist, die für Stäbler, der von Natur aus acht Kilo schwerer ist, aber Neuland darstellt, weswegen er nun das "Projekt 67" verfolgt.

Stäbler erntet anfangs Kopfschütteln

Frank Stäbler hatte schon mehrere solcher Projekte verfolgt. Nachdem er 2015 seinen ersten Weltmeister-Titel gewann, nahm er das Projekt Double in Angriff und wurde Weltmeister 2017 in Paris. Darauf folgte logischerweise das Projekt Hattrick, das er mit seinem dritten WM-Titel 2018 in Budapest vollendete ("Projekt Kuhstall" hätte man dies auch nennen können, denn ein Großteil seines Trainings hatte er wegen eines langwierigen Streits mit seinem alten Verein in einem Stall seines Vaters absolviert). Und nun will er, der 2016 in Rio als Olympiafavorit wegen Verletzungen nicht voll bei Kräften war, natürlich unbedingt auch seine erste Olympiamedaille gewinnen, am besten Gold, das Vorhaben müsste also eher "Tokio 20" heißen. Aber Projekt 67 trifft's besser.

Allein schon wegen des Kopfschüttelns, das Stäbler anfangs erntete. 67? Das funktioniere nicht, nicht nach den neuen Regeln, hieß es. Man könne nicht gut acht Kilo per Express abnehmen, und eine Stunde nach der Waage entkräftet auf die Matte gehen, um gegen lauter Natur-67er zu gewinnen. Denn seit einem Jahr wird nicht mehr am Vorabend, sondern am Wettkampftag gewogen, eine im Grunde sinnvolle Regeländerung, die Abschwitz-Torturen verhindern soll. Bei Olympia aber, mit seinen engen Teilnehmergrenzen und wenigen Gewichtsklassen, haben manche eben keine Chance mehr. Denn Anfressen für die nächsthöhere Klasse bis 77 Kilo kommt für einen austrainierten Sportler auch nicht in Frage.

Stäbler stellt seinen Trainings- und Ernährungsplan komplett um

Stäbler war also zunächst deprimiert, dann entwickelte er zusammen mit seinen Trainern, mit Sportwissenschaftlern und mit Ernährungsexperten einen Plan. Zunächst einmal war klar: Sein natürliches Grundgewicht muss gesenkt werden, was ein Widerspruch ist, weil es ja dann nicht mehr natürlich ist. Entsprechend schwer ist das Unterfangen. Stäbler verlegte sich unter anderem auf ayurvedische Kost, hochwertige Kohlenhydrate, aber nur zu bestimmten Tagesphasen. Er verzichtet auf herkömmlichen Zucker und lernte dabei, dass der fast überall enthalten ist.

Das Training steuert er neu. Bei acht Prozent Körperfett kann er nur Muskelmasse reduzieren und setzt daher statt auf langes Aufbau-Krafttraining aufs Gegenteil: Maximalkrafteinheiten, die einen Sportler explosiv und dynamisch machen aber schlank lassen. Und schließlich setzt er auf seine mentale Stärke, seinen Glauben an die eigenen Möglichkeiten, der ihn ja bis nach oben gebracht hatte.

Die erste Phase seines Projekts hat er solide hinter sich gebracht

Doch jede im Prinzip unmögliche Mission wirft im Sport auch Fragen nach Manipulation auf, in diesem Fall Gewichtsreduktion, etwa mit Diuretika, Stäbler sagt: "Dessen bin ich mir bewusst." Er findet, er könne dem nur mit Transparenz begegnen, und neben regelmäßigen Trainings- und Wettkampfkontrollen auch weiterhin offen über das Thema sprechen.

Die erste Phase des Projekts hat er nun solide hinter sich gebracht. Stäblers neues Grundgewicht hat sich bei 71,5 Kilo stabilisiert, er fühlt sich wohl und kann die Einheiten mit Trainingspartnern steigern, um für die Olympiaqualifikation bei der WM im September in Kasachstan fit zu werden. Dann muss er allerdings noch effektiver abschwitzen, denn in Dortmund wurden ihm noch ausnahmsweise 69 Kilo genehmigt.

Die ganze Aktion funktioniert selbstredend nicht ohne Helfer. Der Athlet Stäbler ist umgeben von ihnen, neben Experten und Ringern sind dies auch seine Frau und seine Mutter, die sich zum Beispiel um die Mahlzeiten kümmern. Und natürlich auch sein Vater, der für Stäbler auf dem Bauernhof extra einen Teil der Getreideernte schon früh verkauft hatte, womit zwischen den Heuballen wieder eine Ringermatte ausgelegt werden konnte, diesmal für das Projekt 67.

© SZ vom 07.08.2019/tbr
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