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Ringen:Kämpfen um zu kämpfen

Ringen SV Germania 04 Weingarten - KSV Koellerbach, 07.01.2012

Integrationssport: Das olympische Ringen findet in Metropolen wie Hamburg wenig Beachtung – ist aber ein wichtiger Ausgleich für viele Geflüchtete.

(Foto: Oliver Hurst/GES-Sportfoto)

Viele Flüchtlinge bringen ihren Sport mit: das Ringen. Für die hiesigen Klubs ist das eine Chance, wieder zu erstarken - aber oft auch Überforderung.

Hossein Mohemmkar Kheirandish hat den Krieg gesehen, den richtigen Krieg. Deshalb kann er davon erzählen, was für ein hohes Gut es ist, ohne Feindbild zu kämpfen. 1984 kam er als Flüchtling aus Iran nach Hamburg. Er war 21, hatte vier Jahre als Soldat hinter sich und im Kopf die Schrecken des Ersten Golfkriegs. Freunde und Brüder waren gefallen. Er ertrug das sinnlose Sterben nicht. Er wollte raus aus der Armee, die Regierung wiederum befürchtete, er könnte zur Revolutionsgarde überlaufen. Der Druck war lebensgefährlich. Heute ist Kheirandish ein in sich ruhender Bauunternehmer. Er strahlt Kraft und Selbstbewusstsein aus - und tiefe Dankbarkeit für den Umstand, dass er damals im neuen Land seinen Sport wiederaufnehmen konnte, das Ringen, beim heutigen TSV Wandsetal. "Das war für mich eine Ergänzung, für meine Zufriedenheit", sagt er, "dass es eine Halle gab, eine Mannschaft - das war wie eine Familie."

Hamburgs Ringer-Klubs könnte die gesellschaftliche Entwicklung stark machen

Die kleinen Sportarten unterschätzt man leicht, und das alte, olympische Ringen ist in Hamburg sehr klein. Es gibt hier nur sechs Vereine, die den klassischen Kampfsport anbieten. 316 Aktive mit Startausweis sind beim Deutschen Ringer-Bund (DRB) erfasst - weniger gibt es nur noch in Schleswig-Holstein. Die Hamburger Meisterschaften, die am Wochenende beim Wandsbeker AC stattfinden, werden untergehen im geschäftigen Treiben der Hansestadt. Ringen ist im Norden der Randsport des Randsports, kaum sichtbar - und doch gerade jetzt ein Faktor für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Denn so wie Kheirandish einst einen Ort suchte, an dem er ringen konnte, so tun das die Flüchtlinge von heute auch. Gerade in den Ländern, aus denen viele Menschen vor Krieg oder Unterdrückung fliehen, in Iran, in Syrien, in Afghanistan ist Ringen populär. Und die Großstadt Hamburg zieht viele Geflüchtete an; 35 000 Afghanen bilden hier zum Beispiel die größte afghanische Gemeinde Europas. Die hiesigen Ringer-Klubs spüren das, erst recht seit der Flüchtlingswelle von 2015. Die Entwicklung könnte sie stark machen - wenn sie die Kraft hätten, dem Ansturm so standzuhalten, wie sie das gerne tun würden.

"Wir haben hier 100 Prozent Zuwachs seit drei Jahren", sagt Matthias Horstmann, der aktivste Trainer beim Wandsbeker AC. Er steht in der Halle am Eulenkamp und blickt auf seine bunte Trainingsgruppe aus etwa 20 Leuten. Wie viele Nationalitäten hier sind? Horstmann zählt durch. "Heute haben wir zwei, drei, vier, das sind alles Afghanen - fünf, ein halber Türke, Araber, sechs, sieben." Viele von ihnen sind Flüchtlinge, die ihr Ringer-Talent aus der Heimat mitgebracht haben. Sie verhelfen dem Verein zu neuer Blüte - was aber nichts an seinen bescheidenen Mitteln ändert. Die Förderung ist dürftig, den Verein schmeißen vereinzelte Ehrenamtliche wie Horstmann. Und die Zusammenarbeit zwischen den Klubs im winzigen Hamburger Ringer-Kosmos erscheint ausbaufähig. "Es wird versucht", sagt Horstmann, "aber da gibt es eine gewisse Eigenbrötlerei."

Er findet auch nicht gut, dass der jüngste Hamburger Ringerklub "Khorassan", gegründet 2016, schon der zweite Afghanen-Verein neben dem Afghanischen SV aus Billstedt ist. "Was bringt das den Afghanen, wenn sie sich bei einem afghanischen Ringer-Verein anmelden und nur noch Afghanisch reden?" Horstmann redet mit allen Deutsch, egal, woher sie kommen. Beim ersten Training. Auf Wettkampffahrten. Wenn es Probleme gibt. "Ich finde, das ist Integration", sagt Horstmann. Er wünschte sich mehr Anerkennung dafür. "Eigentlich kann man nur an die Politik rantreten und sagen, wir müssen gefördert werden. Weil wir die sind, die an die Jugendlichen rankommen."

Ringen in Hamburg ist ein zähes Geschäft, in dem es vor allem darum geht, die dürren Fördermöglichkeiten durch den Hamburger Sportbund abzuschöpfen. So zumindest kann man Klaus Schuchart vom SC Roland verstehen. Der SC Roland ist Hamburgs größter Ringerverein mit 160 Aktiven, seine Führungsspitze ist auch die Spitze des Hamburger Ringer-Verbandes. Schuchart ist in beiden Institutionen der zweite Vorsitzende hinter Tomas Matz, der auch Cheftrainer des SC Roland ist.

Schuchart, 79, sitzt in der kleinen, denkmalgeschützten Halle der Ganztags-Grundschule Sternschanze, in welcher der Klub "seit Kriegsende" zu Hause ist. Gerade mal zwei Ringer-Matten passen hinein. Die Halle steht wie ein Symbol für die begrenzten Möglichkeiten des Ringens in Hamburg. Der S-Bahnhof ist in der Nähe, das ist günstig, aber sie ist eben auch schnell voll. Längst hat der SC Roland einen Aufnahmestopp verhängt. Bei Kindern macht Jugendtrainer Vadim Obert Ausnahmen, er hat aber schon viele Jugendliche abweisen oder zu den anderen Vereinen schicken müssen. Eng ist es trotzdem. "Wir hatten hier schon 40 Schüler in der Halle!", sagt Schuchart, "da kann man kein vernünftiges Training mehr machen."

Dass gar nichts ginge in der norddeutschen Ringer-Diaspora, kann man auch nicht sagen. Stolz zeigt Schuchart die Ergebnis-Liste vom internationalen Sichtungsturnier des DRB im November, die in der Halle aushängt: Auf der steht der Roland-Nachwuchs ganz oben. Und auf Obert-Schüler Movlet Makhmatov, einen 16-jährigen Tschetschenen aus Buxtehude, ist der Nachwuchs-Bundestrainer aufmerksam geworden. Das sind Erfolge, die aus dem Mangel wachsen. Der SC Roland hat zu wenige Trainer, zu wenig Platz, zu wenige helfende Hände. Schuchart sagt: "Wir brauchen Personal, jüngere Leute."

Hossein Mohemmkar Kheirandish kann über die Probleme ausführlich reden. "Wir hatten hier Top-Ringer in Hamburg", sagt er, "aber es wird für die Leute keine Leistung gebracht." Der Wandsbeker AC kann sich zum Beispiel keine neuen Trainingspuppen leisten, "die alten sind 50, 60 Jahre alt". Kheirandish schimpft. Er tut dies, ohne maßlos zu werden. Er hat selbst erlebt, dass es Schlimmeres gibt als einen darbenden Ringer-Verein. Aber er vergisst eben auch nicht, wie sein Sport ihn nach der Flucht in die deutsche Gesellschaft hineinwachsen ließ.