Ringen:Erinnerungen in Kisten

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Dem Ringermuseum in Schifferstadt droht das Ende: Dabei ist es mit seinen 90 000 Ausstellungsstücken eine Liebeserklärung an einen uralten Sport.

Von Thomas Gröbner, Schifferstadt/München

Manchmal sind es profane Dinge, die ein Lebenswerk zum Einsturz bringen können. Ein Wasserrohrbruch etwa, der kurz vor Weihnachten die Urkunden und Fotos aufquellen, die Computerserver schmoren und das Parkett aufplatzen ließ. Eine Kündigung der Museumsräume wegen Eigenbedarfs. Das war "ein Schock" für Jürgen Fouquet, für das "1. Deutsche Ringermuseum" könnte es das Aus bedeuten. Nun darben die Erinnerungsstücke einer der ältesten Sportarten eingepackt in Kisten in einem Gebäude der ehemaligen Bereitschaftspolizei in Schifferstadt.

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Ringermuseum

Wohin jetzt damit? Jürgen Fouquets Lieblingsstücke ranken sich um den legendären Olympiakampf zwischen Wilfried Dietrich und Chris Taylor.

(Foto: Fabian Busch)

Das Ende des Museums wäre ein harter Schlag für den Sport, aber auch für Fouquet. 70 Jahre hatte der heute 78-Jährige gesammelt, als junger Bub jagte er nach Bildern, Zeitungsausschnitten, Postkarten, alles, was er in die Finger bekommen konnte, obwohl er selbst nie als Ringer auf der Matte stand. So wuchs ein riesiger Fundus, der anschwoll zu einer Liebeserklärung an einen uralten Sport. 90 000 Stücke umfasste das Museum, darunter alle Medaillen, die deutsche Ringer seit 1896 gewonnen haben. Schifferstadt wurde zum Erinnerungsort des Ringersports in Deutschland, nun ringt man hart darum, nicht selbst zur Vergangenheit zu werden. Es ist nicht das erste Mal, dass nach einem Zuhause für das Museum gefahndet werden muss. "Von 1960 bis heute habe ich alle Bürgermeister angesprochen, jeder hat mir etwas versprochen, keiner hat es gehalten", sagt Fouquet. Schließlich fanden sich Räume in einem Fachwerkhaus, für 500 Euro Miete. 2010 wurde das Museum eröffnet, mit viel Brimborium, mit Trikots, Lorbeerkränzen, usbekischen Tartarenmantel und Bildern von Männern mit Händen wie Schraubstöcken. Ein eigener Raum war für den besten Ringer seiner Zeit reserviert, Wilfried Dietrich, der Kran von Schifferstadt. Lebensgroß war der "Wurf des Jahrhunderts" zu sehen, als er bei den Olympischen Spielen 1972 in München den Vier-Zentner-Koloss Chris Taylor in die Luft wuchtete und auf die Matte warf; es ist Fouquets Lieblingsstück, Zeugnis aus einer Zeit, in der die ganze Stadt auf den Beinen war, wenn die Ringer heimkehrten von den Spielen.

Ringen: „Wurf des Jahrhunderts“: Bei den Olympischen Spielen 1972 in München packt Wilfried Dietrich, der "Kran von Schifferstadt" den Amerikaner Chris Taylor und wirft ihn über sich auf die Matte.

„Wurf des Jahrhunderts“: Bei den Olympischen Spielen 1972 in München packt Wilfried Dietrich, der "Kran von Schifferstadt" den Amerikaner Chris Taylor und wirft ihn über sich auf die Matte.

(Foto: imago)

Von der Begeisterung ist nicht mehr viel übrig, zuletzt drohte die Sportart aus dem olympischen Programm für 2020 zu fliegen: Das Internationalen Olympische Komitee (IOC) wollte sein Angebot auf modern bürsten, da schien das in der Antike verankerte Ringen nicht mehr in die Zeit zu passen. Fouquet hatte damals einen Brandbrief geschrieben an Thomas Bach, den IOC-Präsidenten. Es gab keine Reaktion. "Keine Antwort ist auch eine Antwort", sagt Fouquet. In Deutschland ist Ringen mittlerweile ein Nischensport, aber mit kraftstrotzenden Zentren wie Schifferstadt, einer Stadt, die selbst zu einem Synonym für diesen Sport wurde. Wohl auch deshalb kamen viele Besucher aus dem Ausland, obwohl das Museum nur an zwei Sonntagen im Monat von 10 bis 12 Uhr geöffnet hatte; den meisten der etwa 1000 Besucher im Jahr öffnete Fouquet selbst die Tür zu den Ausstellungen und Archiven, viele kamen aus den USA, Russland und Iran. Konkurrenz musste das Museum nicht fürchten, nur in Moskau steht ein ähnliches. Fouquet und die Schifferstädter hoffen nun auf die Unterstützung der Ringergemeinde, "auf einen neuen Zusammenhalt", doch das Ringen ist tief gespalten. 2016 hatten sich fünf Top-Klubs losgesagt vom Deutschen Ringer-Bund (DRB), weil sie unzufrieden waren mit der Vermarktung ihres Sports, darunter auch Schifferstadt. Sie gründeten ihre eigene Profi-Liga, die Deutsche Ringerliga (DRL), seitdem beharken sich beide Parteien recht unversöhnlich: Der DRB droht Athleten mit dem Ausschluss von internationalen Wettkämpfen, falls sie in der DRL starten sollten - wogegen die DRL Klage vor einem Zivilgericht eingereicht hat. Im Moment treten diese Streitigkeiten zurück, Vollkontaktsportarten haben es schwer, in der Corona-Krise zurückzufinden in den Betrieb. Die DRL hat ihre Saison schon abgesagt, dem Vernehmen nach mit existenzbedrohenden Nöten. "Die DRL ist nicht tot, nur in der Zwangspause", sagte Präsident Ralph Oberacker im April, das hört sich nicht nach Entwarnung an. Vielleicht, so hofft auch Fouquet, eint die Sorge um die Zukunft den Sport wieder.

Aufhören kann er nicht, solange noch ein Stück fehlt: der "weiße Pokal" aus Marmor

Zumindest gibt es Hilfe aus der Nachbarschaft: Jens-Peter Nettekoven, Präsident des Ringerverbandes Nordrhein-Westfalen, versucht, Spenden einzutreiben, als Dankeschön gibt es drei Armbänder mit speziellen Botschaften sowie Autogrammfotos. Schatzmeisterin Claudia Detroy erlöst das noch nicht von den Sorgen: "Was soll ich jetzt mit einer Spende?" Erst wenn ein neues Zuhause gefunden ist, könne sie das Geld überhaupt brauchen, sonst geht es nicht weiter für das Museum. "Wir kämpfen", sagt sie. Immerhin, eine Einigung mit der Stadt über eine Immobilie scheint mittlerweile greifbar zu sein.

Fouquet beobachtet das Ringen um die Zukunft seines Lebenswerks nur noch aus der Ferne, er hat sich zurückgezogen, inzwischen führt Laura Schäfer die Geschäfte, die gleich die schwierigste Zeit des Vereins erlebt. Auch stockt der Nachschub an Exponaten, in den vergangenen Jahren sind kaum noch Ausstellungsstücke dazugekommen, klagt Fouquet, die aktuelle Generation der Ringer habe vielleicht die Verbindung in die Vergangenheit verloren. Aufhören zu sammeln, kann er aber nicht, solange noch ein Stück fehlt: der "weiße Pokal" der Mannschaftsmeister aus Marmor, der vor langer Zeit zerbrochen ist und dessen Spur Fouquet danach verloren hat. Den, sagt er, will er noch auftreiben, und ihn dann aufstellen in einem neuen Museum.

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