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Ringen:Duo am Limit

Frank Stäbler bereitet sich mit einem Weltklasse­ringer auf Olympia 2021 vor: Abdolmo­hammad Papi aus Iran ist der Mann, der ihm Gegenwehr bieten kann.

Ringen ist mehr als nur ein Kampf, als den Gegner am Handgelenk zu packen und auf die Schultern zu werfen. Ringen ist eine Tradition, der viele Tausende folgen. Eine Volksbewegung, deren beste Athleten Medaillen bei Olympia und Weltmeisterschaften abräumen, eine nationale Kultur, jedenfalls in Iran, wo Abdolmohammad Papi herkommt.

Große Ringer genießen hier Ansehen, wie ihre Vorgänger, die einst wichtige Funktionen hatten, etwa als Streitschlichter, mit denen man sich besser nicht anlegte. Papi wäre in jenen Zeiten wohl ein guter Schlichter gewesen, denn er ist achtmaliger iranischer Meister, weshalb er auch längst zu den Olympischen Spielen hätte fahren müssen. Stattdessen aber trainiert Papi auf einer Matte in Musberg bei Stuttgart. Und er fährt nicht in die weite Welt und bringt Medaillen nach Hause wie die anderen Top-Ringer, wie auch der dreimalige Weltmeister und Olympiafahrer Frank Stäbler, auf dessen Matte er jetzt steht, in dem Ringerraum in Musberg - und dessen Sparringspartner Papi nun ist.

Ringer Stäbler

Freude bei der Arbeit: Frank Stäbler mit seinem Sparringspartner Mohammed Papi in der neuen Ringerhalle auf dem Hof seines Vaters.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Doch Abdolmohammad Papi aus Khuzestan am Persischen Golf lächelt. Beim Fototermin zum Start des großen Anlaufs auf Olympia war er nicht nur der Sparringspartner, sondern auch ein Fotomodell für Ringer-Action. Lächelnd ließ er sich von Stäbler - klick-klick-klick - in die Luft wuchten und landete krachend, aber mit gekonnter Technik auf dem Boden. Danach standen die beiden nebeneinander: Stäbler, 30, der in Tokio 2021 seine Karriere mit einer Olympiamedaille, vielleicht sogar mit Gold, krönen kann, bevor er zurücktritt. Und Papi, 32, sein Edelhelfer, den der Deutsche auf seinem wegen Corona so langen Trainingsweg so dringend braucht. Das Bild war ein Ausdruck für großen Ehrgeiz, für eine gute Partnerschaft, und doch auch für die Frage, was in Wahrheit echtes Glück ist.

Papis Tochter ist nun ein Jahr alt, sein Sohn dreieinhalb, und auch seiner Frau und dem Ringer selbst geht es gut. Sie sind im Herbst 2017 aus Iran geflohen und dann mit Hilfe von Schleppern über die Niederlande, Hessen und Baden-Württemberg schließlich in Welzheim gelandet. Denn Papi hatte die religiösen Dogmen seiner Heimat hinterfragt. Die Führung hielt den Ringer nicht für geeignet, Iran im Ausland zu vertreten. Und weil Papi bei seiner Haltung blieb, wurde es gefährlich, und der Familie blieb nur noch die Flucht.

Dass er zum Beispiel bei einer WM-Qualifikation entgegen klarer Weisung gegen einen Israeli antreten wollte, weshalb er für ein Jahr gesperrt wurde, hat viel mit starken eigenen Grundsätzen zu tun. Ein bisschen lag es aber wohl auch an diesem Sport, in dem sich die Gegner zunächst minutenlang belauern. Nur seine Hände hat der Ringer da, seine Reaktionszeit und seine Kraft. Jede Zuckung könnte der entscheidende Fehler sein, auch jedes Zögern, denn es kann sehr schnell gehen. Ein falscher Griff, ein kurzes Ungleichgewicht, und die jahrelange Arbeit war umsonst. Letztlich müssen sich Ringer also auf ihre Intuition verlassen. Und es ist folgerichtig, dass sich die Besten oft nichts sagen lassen wollen.

Auch Stäblers Weg war voller Hindernisse. Er hat einen langen Streit mit dem Klubchef des TSV Musberg ausgefochten, war Anfeindungen ausgesetzt, konnte zwischendurch nicht trainieren und ist doch wie Papi immer stärker geworden. Drei Weltmeistertitel gewann er, in drei verschiedenen Gewichtsklassen. Zuhause hat er zusammen mit den TSV-Ringern einen neuen Klub gegründet und den ehemaligen Hühnerstall des elterlichen Bauernhofs zum persönlichen Gym ausgebaut. Und weil er sich nicht sagen lassen will, wann seine Karriere vorbei ist, hält er nun an seinem großen Olympiaziel fest, obwohl die neuen Gewichtsklassen ihn dazu zwingen, vor dem Kampf bis auf 66 Kilogramm herunter zu hungern, weil es für seine 75 Kilo keine Olympiaklasse im griechisch-römischen Stil mehr gibt.

Stäbler hat also alles im Griff, nur was ihm in dem ganzen Umbruch fehlte, das war ein Top-Gegner fürs Training. Da erfuhr er zufällig, dass gerade in Ziegelhausen bei Heidelberg ein Weltklassemann auf einer Oberliga-Matte rang und siegte.

Abdolmohammad Papi bekam dort zwar die Gelegenheit zu ringen, aber in Sicherheit war er noch nicht. Denn als sich herausstellte, dass die Familie über die Niederlande eingereist war, drohte die Abschiebung ins Nachbarland. Stäbler erfuhr dies und ahnte schnell seine Chance: "Mir war klar, den Mann muss man einbinden." Er sprach bei den Behörden vor und konnte diese in einem langen Gespräch davon überzeugen, dass dieser Ringer im Nachwuchstraining großen Wert habe und ja, auch das: dass er ihm, dem ambitionierten Olympiaringer, bestens helfen könne.

Seilschaft auf der Matte: Ringer-Weltmeister Frank Stäbler (rechts) und Trainingspartner Abdolmohammad Papi klettern ihren Zielen entgegen.

(Foto: Rudel/imago)

Was Stäbler dabei nicht bedachte, war sein schlechtes Gewissen, das ihn nun manchmal hinterrücks befällt. Zum Beispiel, wenn er zu großen Reisen aufbricht, wie zuletzt zur Europameisterschaft nach Rom. Wenn er dort dann gewinnt und den nächsten Titel seiner Sammlung hinzufügt, dann denkt er über die Ungerechtigkeit im Sport und im Leben nach, und kommt zu dem Schluss: "Dass ich da rausgehe und erobere die Welt und Mohammad nicht, das kann's nicht sein."

Denn Papi ist genauso gut, mindestens. Stäbler sagt, ein großer Anteil seines Könnens gehe mittlerweile auf dessen Konto: "Er ist einer der besten Techniker, ich kann sehr viel von ihm lernen." Stäbler erzählt, wie er sich im Training manchmal fühlt wie ein kleines, neugieriges Kind. Als Kampfgegner wiederum bietet Papi offenbar genau die Gegenwehr, die einen Sparringspartner auszeichnet. "Täglich an dieses Limit zu gehen, das bringt einen enorm voran", hat Stäbler festgestellt: "Mohammad ist ein absolutes Juwel."

Sein großer Traum könnte also wahr werden. Der Erholungsphase folgt der nächste Kraftaufbau im kommenden Winter, dann wird im Frühjahr 2021 die Technik verfeinert, und bald schon, Anfang Juli, setzt das Abnehmen ein, schließlich die Reise nach Tokio, das Runterhungern, der erste Wettkampftag, und vielleicht erreicht er ja tatsächlich das Finale. Denn auch Papi ist hoch motiviert und wird im Training voll dagegenhalten.

Für ihn wiederum geht es noch um anderes, nämlich "mit meiner Familie in Ruhe weiter zu leben und für die Zukunft meiner Kinder zu sorgen", sagt er. Und was das Ringen betrifft, so ist es sein Ziel, "Frank zu helfen, Olympiasieger zu werden". Und vielleicht kann er auch noch mal für Deutschland eine Medaille holen, oder: "Als Trainer mein Wissen an die neue Generation weitergeben!" Und da muss man dann nicht groß nachdenken, dies alles wäre nachhaltiges, echtes Glück und viel größer als Olympiagold.

Andererseits weiß Stäbler das wohl selber, denn neben seinem latent schlechten Gewissen ist da auch noch Abdolmohammad Papis Dankbarkeit und zudem diese Fluchtgeschichte, die wohl auch die Lebensprioritäten desjenigen neu ordnet, der mit ihm fast täglich auf der Matte steht. Der wird automatisch gelassener in seinen letzten großen Olympiakampf gehen. Und tatsächlich, kürzlich erst sagte Stäbler: "Egal wie's in Tokio ausgeht, ich nehme es so, wie es ist." Zum Glück.

© SZ vom 23.05.2020

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