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Ringen:Die neun Leben des Rulon Gardner

Auf wundersame Weise übersteht der Olympiasieger im Ringen von Sydney 2000 ein weiteres Unglück - diesmal einen Flugzeugabsturz.

Joachim Mölter

Neun Minuten. Länger hat der amerikanische Bauernbub Rulon Gardner nicht gebraucht, um berühmt zu werden. Neun Minuten, so lange stand Gardner bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney auf der Matte gegen den legendären russischen Ringer Alexander Karelin, den neunmaligen Weltmeister. Der hatte seit 1987 keinen Kampf mehr verloren und seit 1991 nicht einmal einen Punkt abgegeben, neun Jahre lang. In der Olympiasaison 1996 litt Karelin an den Folgen einer Operation an der rechten Schulter, aber selbst zu dieser Zeit ist ihm nicht beizukommen gewesen, da erledigte er seine Gegner einfach mit links. Die höchsten Honoratioren von Internationalem Olympischen Komitee, Ringer-Weltverband und russischem Sport standen an jenem 27. September des Jahres 2000 bereit, um Karelin nach dem Finalkampf der Superschwergewichtsklasse im griechisch-römischen Stil seine vierte olympische Goldmedaille umzuhängen.

Die neun Leben des Rulon Gardner

Wieder eine Katastrophe überlebt: Rulon Gardner.

(Foto: Foto: AP)

Dass es anders kommen könnte, erschien den Leuten undenkbar. Eine US-Zeitung schrieb, Karelins Gegner dächten weniger daran, wie sie ihn bezwingen könnten, als vielmehr daran, wie sie ihm mit heiler Haut entkämen; der bekannte amerikanische Fernsehreporter Bob Costas bezifferte die Chancen seines Landsmannes auf 2000:1. Dann ging das Finale in die Verlängerung, und nach insgesamt neun Minuten hatte Gardner Karelin niedergerungen, hatte er den Unbesiegbaren besiegt, mit 1:0 Punkten.

Eine Stunde in eisigem Wasser

Rulon Gardner scheint ein Talent dafür zu haben, aus scheinbar aussichtslosen Situationen mit heiler Haut davonzukommen. Am Wochenende stürzte der 35-Jährige aus bislang noch nicht geklärten Umständen mit einem Kleinflugzeug in den Lake Powell, einen der größten Seen der USA, gelegen zwischen den Bundesstaaten Utah und Arizona. Gardner, der Pilot und dessen Bruder retteten sich aus der sinkenden Maschine, anschließend schwammen sie im sieben Grad kalten Wasser eine Stunde bis zum Ufer; dort harrten sie eine Nacht aus, ohne Decken, Feuer oder sonst etwas Wärmendes, bis am nächsten Morgen zufällig ein Fischerboot vorbeikam und sie mitnahm. Im Krankenhaus wurde bei allen eine Unterkühlung festgestellt, aber bei keinem eine lebensbedrohliche Verletzung. ,,Ziemlich erstaunlich'', fand das der Wildhüter Steven Luckesen, der im Glen Canyon Nationalpark Dienst tut, in dem der Lake Powell liegt: ,,Normalerweise dauert es nur eine halbe Stunde, bis sich in dem kalten Wasser die Folgen von Unterkühlung bemerkbar machen.'' Wenn man bedenke, dass Gardner und Co. eine Stunde schwammen, zuvor einen Absturz und danach eine frostige Nacht verkraften mussten, sei das alles wie ein Wunder: ,,Wenn diese Burschen Katzen mit neun Leben wären'', sagte Luckesen, ,,hätten sie mindestens drei davon aufgebraucht.''

Und Rulon Gardner, jüngstes von neun Kindern eines Milchbauern aus dem amerikanischen Bundesstaat Wyoming, müsste allmählich am Ende seiner Lebensvorräte angelangt sein. Der Flugzeugabsturz war ja nicht der erste Unfall, den er überlebt hat. Als Grundschüler traf ihn beim Heimatkundeunterricht versehentlich ein Indianerpfeil in den Bauch. Im Winter 2002 brach er mit einem Schneemobil in einen zugefrorenen See in Wyoming ein. Damals wurde er nach 17 Stunden gefunden, völlig durchnässt und halb erfroren, eine Zehe wurde ihm amputiert. Im Frühjahr 2004 prallte Gardner in Colorado mit seinem Motorrad frontal auf ein Auto. Er schlug einen Salto über das Dach, landete auf den Füßen, ging am Nachmittag schon wieder zum Training und qualifizierte sich kurz danach für Olympia in Athen. Dort holte er sich die Bronzemedaille und ließ seine Schuhe auf der Matte zurück - als Zeichen seines Rücktritts. ,,Nach allem, was ich durchgemacht habe'', sagte Rulon Gardner nun am Montag dem US-Nachrichtensender CNN, ,,glaube ich, dass ich ein ganz schöner Glückspilz bin.''

Von seinem überraschenden Erfolg von Sydney profitiert er jedenfalls bis heute - im Gegensatz zu den meisten Olympiasiegern, die nach ihren Minuten des Ruhms schnell vergessen werden. Aber Gardners Geschichte ist halt einfach gut, auch wenn sie dem bekannten Schema des Davids folgt, der den Goliath bezwingt. Auch um Gardner ranken sich inzwischen Legenden: Die Kraft in den Armen habe er erworben, indem er als Jugendlicher auf dem elterlichen Bauernhof Heuballen hin und her wuchtete, die in den Fingerspitzen käme vom jahrelangen Melken der Milchkühe, der Kampfgeist resultiere aus den Raufereien mit den älteren Brüdern. Der ausgebildete Sportlehrer hat es inzwischen zum mehrfachen Millionär gebracht, indem er durch die USA zieht und für 15000 Dollar pro Auftritt den Leuten seine Geschichten erzählt: über harte Arbeit, den Glauben an sich selbst, das Erreichen hoch gesteckter Ziele, das Durchhalten in schwierigen Lagen. Über Letzteres kann er seit dieser Woche noch glaubhafter referieren als zuvor. Und natürlich erzählt er auch immer gern über die neun Minuten von Sydney.

© SZ vom 28.2.2007
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