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Ringen:Beim Bürgermeister auf der Matte

Burghausens Ringer sind zum dritten Mal deutscher Mannschaftsmeister geworden - auch, weil der Profifußball keine Rolle mehr spielt. Was groß wird in der Stadt, das entscheidet hier seit 30 Jahren auch der Bauch des Stadtoberhaupts.

Wer mit Hans Steindl über Ringen sprechen will, der kommt erst mal auf Fußball. "Grandios, die absolut schönste Zeit" sei das gewesen, erzählt Steindl Anfang Februar in der Burghausener Sporthalle. 2002 war das kleine Städtchen bis in die zweite Liga vorgestoßen, mit Bürgermeister Steindl als Präsident von Wacker Burghausen an der Spitze. Er genoss damals den Rummel und fuhr mit in die Stadien der Republik. "Wenn du im Urlaub warst in Ägypten mit dem Burghausen-Käppi, da kannten die anderen Touristen die Stadt aus der Sportschau", erzählt Steindl. Hochachtung habe er da gespürt. Der Fall des Fußballs war dann der Beginn des Aufstiegs der Ringer.

Fünf Jahre hat sich Burghausen in der zweiten Fußball-Bundesliga gehalten. Dann kam der erste Abstieg, Trainer wie Mario Basler sollten die Talfahrt stoppen, Steindl hielt Wutreden - ohne Erfolg. Als Burghausen 2016 in der Regionalliga gegen den Dorfverein Seligenporten zur Pause 0:3 zurücklag, reichte es Steindl. "Seitdem war ich nicht mehr im Stadion", sagte er damals, als er das Aus für den Profifußball in der Stadt verkündete. Stattdessen tauchte der Bürgermeister bei den Ringern auf, mit einem Scheck über 50 000 Euro - und dem Auftrag, Meister zu werden.

Was in Burghausen passiert, hat auch immer mit den Leidenschaften des Bürgermeisters zu tun. Manche nennen ihn den König von Burghausen, der 70-jährige Sozialdemokrat ist hier seit bereits 30 Jahren Bürgermeister. In der 20 000-Einwohner-Stadt fand sich zuletzt gar kein Herausforderer mehr. Und so kann Steindl fast wie ein Monarch Steuergeld verteilen. Aber lange wird das nicht mehr so sein, am 15. März wird sein Nachfolger gewählt, Steindl muss aufhören, er hat die Altersgrenze erreicht.

Hans Steindl

Begeisterter Förderer: Burghausens Bürgermeister Hans Steindl war lange Fan der Fußballer, wie 2005 im Pokal gegen St. Pauli, bevor er das Ringen für sich entdeckte.

(Foto: imago)

Doch bis es soweit ist, konnte er noch einmal sehen, wie sein Auftrag umgesetzt wird. 1. Februar, Burghausen gegen Köllerbach, das Meisterschaftsfinale, in der Burghauser Sporthalle wird groß aufgefahren: Nationalhymne, Leberkäse, Freibier. Steindl sitzt neben dem Trainer, vor dem Kampf schüttelt er Hände, heute ist Audienz beim Bürgermeister an der Matte. 2000 Menschen sind gekommen, der VIP-Bereich ist mit einem weißen Gartenzaun abgesperrt, Häppchen werden im Geräteraum serviert. Die Toiletten vom Stadion sind geöffnet, ein Zuschauer sagt nostalgisch: "Wie früher beim Fußball." Wäre der Fußball in der Stadt noch die Nummer eins, "dann würde es das mit dem Ringen so nicht geben", sagt Steindl. Erst mit dem Aus des Profifußballs reifte in der Stadt die Erkenntnis: Wir müssen in die Nische. Beim Ringen lässt sich mit wenig Einsatz viel erreichen, ein Meistertitel in dieser Sportart ist günstig, das Saisonbudget beträgt 350 000 Euro, 200 000 Euro kommen von der Stadt. Mickrige Summen im Vergleich zu den 1,6 Millionen Euro, die vor dem Rückzug aus dem Profifußball für die Regionalligafußballer veranschlagt waren. In diesem Jahr spielt die Mannschaft gegen den Abstieg und bekommt nur noch 200 000 Euro von der Stadt, genau wie die Ringer. Die seien aber "Unternehmerprofis, die wissen, wie man mit Geld umgehen muss", sagt Steindl.

Als am letzten Wettkampftag der Gesamtsieger schon feststeht, betritt Matthias Maasch noch einmal die Matte, Kampfname: "der Hias", ein Burghauser Eigengewächs. Den letzten Kampf seiner Karriere verliert er, trotzdem wird er von den Kollegen auf den Schultern getragen, die Tränen fließen. Den Schlusspunkt für die Gastgeber setzt schließlich Soner Demirtas, dreimaliger Europameister für die Türkei, 19:10 steht es am Ende und Burghausen ist zum dritten Mal in Serie deutscher Meister im Mannschaftsringen. "We are the Champions" wummert durch die Halle, ein Fan drückt dem Bürgermeister ein Küsschen auf die Wange, das Freibier wirkt. Steindl sagt: "Die Burghauser wissen schon, wo das alles herkommt."

Früher war der ehemalige Sportlehrer ein guter Fußballer, nach eigener Beschreibung "a wuider Hund und a Sozi"; mit wehendem Haar, Stirnband und roten Fußballschuhen, wie damals Paul Breitner, mit dem er in der Jugend kickte. Steindl ist immer noch ein drahtiger Mann. Wenn andere Mittag essen, geht Steindl in den Kraftraum, erzählt er, Eisen fressen. Als Bürgermeister habe er immer sehr viel Freiheiten gehabt, "bis zum heutigen Tag". Der Stadtrat sei immer hinter ihm gestanden, die wussten, "der Steindl ist ein narrischer", aber es sei doch immer etwas rausgekommen dabei, sagt Steindl. Sport und Kulturstadt, das ist der Markenkern von Burghausen. Dafür habe er keine Marketinganalyse gebraucht, "das kam aus dem Bauch raus".

Deutsche Mannschaftsmeisterschaften FINALE Deutsche Mannschaftsmeisterschaften FINALE 2019/20 / SV Wacker Burghausen vs.; Ringen - Burghausen

Großer Wurf: Der Burghauser Roland Schwarz ringt Marc-Antonio von Tugginer in der Greco-Klasse nieder – und sichert die Meisterschaft.

(Foto: Kadir Caliskan/imago)

Dabei ist es nicht so, als hätten die bayerischen Vereine in der Vergangenheit das Ringen dominiert, der erste Titel 2018 war der erste bayerische Erfolg seit 52 Jahren. Doch seit die Traditionsstandorte wie Weingarten und Schifferstadt sich mit dem Verband überworfen und eine eigene Liga gegründet haben, ist Burghausen fast ohne Konkurrenz. Ohne die Unterstützung der Stadt wären die Ringer in Burghausen dennoch höchstens ein Oberligaverein, glaubt Abteilungsleiter Jürgen Löblein. Der Aufwand, der für den Fußball früher betrieben wurde, der sei "grenzwertig" gewesen für eine Stadt wie Burghausen, findet er. Löblein packt sich das Mikrofon und bittet die Fans, morgen zum Aufräumen zu kommen - beim Ringen ist man eben eine verschworene Gemeinschaft.

Und doch ist es ein ständiger Kampf, Ringen in Burghausen zu verankern. Eine Fankultur aufzubauen sei schwierig, im Schnitt kämen nur 400 Zuschauer, sagt Steindl. Trotzdem wird den Ringern eine neue Halle gebaut, für zwei Millionen Euro. Der Stadt-Chef und der Ringer-Chef haben ähnliche Ziele, sie können gut miteinander. "Dem Löblein", sagt Steindl, "würde ich sogar auf der Straße einen Scheck in die Hand drücken." Das Geld, das Steindl für den Sport ausgibt, kommt aus der Chemieindustrie, die Gewerbesteuer sprudelt wie in sonst kaum einer Stadt dieser Größenordnung. Es gibt eine Vereinbarung, die Steindl so beschreibt: "Wacker Chemie zahlt hier Steuern und nicht anderswo. Und wir finanzieren aus den Einnahmen Kultur und Sport." In guten Jahren spült es 60 Millionen Euro Steuern in die Stadtkasse. Dieses Jahr gehört nicht in diese Kategorie. Aber die Ringer müssen keine Einschnitte befürchten, Steindl gibt Entwarnung, bevor das passiere, "müsste es finanziell in Burghausen sehr schwierig werden." Er hat ohnehin noch Pläne: Auch die Basketballer und Handballer sollen bei ihren Aufstiegsambitionen unterstützt werden. Das Rezept ist ähnlich: Mit Geld von der Stadt sollen zwei, drei Spitzenleute verpflichtet werden, die die anderen mitziehen.

So richtig lösen mag sich Steindl eben nicht von seinem Amt. In diesen Tagen wird sogar das passende Bild dazu geliefert: Wind und Regen haben ein Wahlplakat weggewaschen, darunter taucht Steindls Gesicht aus seinem Wahlkampf von 2014 auf. Der Einfluss vom "ewigen Hans", wie sie ihn in Burghausen nennen, wird wohl nicht so einfach verschwinden.

© SZ vom 07.02.2020

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