Rhythmische Sportgymnastik:Wächter für die Wächter

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In Kiew am Start: Alina Maksymenko.

(Foto: AFP)

Absprachen, Grauzonen, kein Videobeweis: Selbst der Turnverband misstraut den Wertungen in der Rhythmischen Sportgymnastik - bei der Weltmeisterschaft in Kiew stehen die Kampfrichter besonders unter Beobachtung.

Von Sandra Schmidt

Es wird nun wieder die Bilder dieser biegsamen jungen Frauen geben. Im Kiewer Sportpalast werden sie Keulen, Bälle oder Bänder viele Meter hoch in die Luft werfen, dann Pirouetten drehen, sich überschlagen, alles in unglaublichen Positionen, dann werden sie die Hand öffnen, und das Gerät wird darin landen, als wäre es von einem Magneten angezogen. Bei der WM in der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) wird es aber um viel mehr gehen, als um schöne Motive und Titel, denn die Zukunft der Sportart steht infrage. Die Glaubwürdigkeit des Sports mit den schönen Bildern liegt in Scherben.

Die eigene Dachorganisation bezweifelt, dass es bei der Bemessung von Noten mit rechten Dingen zugeht. Nach zahlreichen Regelverstößen hatte der Turn-Weltverband FIG sechs der sieben Mitglieder des Technischen Komitees suspendiert und alle Kampfrichterlizenzen, die für den neuen Olympiazyklus bereits vergeben worden waren, annulliert. FIG-Präsident Bruno Grandi hat ein klares Ziel formuliert: "Neue Regeln schaffen und damit dem IOC beweisen, dass die RSG auch korrekter arbeiten kann." Angesichts der Debatten um die Reduzierung der Sportler bei Olympia ein verständliches Anliegen.

Wie dieses korrektere Arbeiten aussehen soll, muss nun bewiesen werden. Die Bedingungen in Kiew sind außergewöhnlich: Die Wettbewerbe werden erstmals von einer mehrheitlich aus FIG-Hauptamtlichen besetzten Kommission überwacht. Nur ausgewählte Kampfrichterinnen, die im Juli eine Wiederholungsprüfung bestanden haben, wurden eingeladen.

Darunter ist auch Larissa Drygala. Die Norddeutsche mit dem russischen Vornamen leitet das Training am Bundesstützpunkt Bremen und ist bundesweit für das Kampfrichterwesen verantwortlich, schon 2008 war sie Jurorin bei Olympia. Drygala hat nun alle Etappen des größten Skandals der RSG-Geschichte miterlebt. Sie war beim Kampfrichterkurs in Bukarest, bei dem vielen Prüflingen offenbar vorab die Antworten zugesteckt wurden. Aufgefallen war ihr, "dass viele Kampfrichterinnen recht entspannt in diese Prüfung gegangen sind", sie erinnert sich an ihr schlechtes Gefühl danach. Tatsächlich stellte sich heraus, dass viele wie durch ein Wunder praktisch alle Referenzwerte punktgenau trafen und dabei noch einen identischen Fehler einbauten. Drygala gehörte nicht dazu, dennoch musste auch sie in die Wiederholungsprüfung, sie gelang ihr sehr gut.

Wenn aber Kampfrichter schon bei ihren Prüfungen im großen Stil bevorzugt werden, dann liegt der Schluss nahe, dass es auch bei Wettkämpfen zu Absprachen kommt. Drygala will nicht bestätigen, dass Resultate schon vorher feststehen, doch die Beschreibung ihrer Arbeit zeigt, wie komplex die Aufgabe der Juroren ist. "Ich gucke, was auf der Fläche geturnt wird, ich horche vorher und schaue, wer mit mir im Kampfgericht sitzt, und dann versuche ich, all diese Faktoren unter einen Hut zu bringen." Das heißt, es wird vorab viel über die Gymnastinnen gesprochen. Zudem hilft es nichts, wenn eine Kampfrichterin die Übung exakt bewertet, falls die anderen sich schon auf eine Reihenfolge geeinigt haben. Denn eine von der Mehrheit abweichende Note wird laut Reglement automatisch gestrichen. Drygala sagt dennoch, es gehe um eine "gewisse Ehre", Fehler müssten auch zu Abzügen führen. Was man dann hinterher zu hören bekomme, sei nicht immer schön.

Grandi will korrektere Abläufe, doch selbst wenn die Zirkel der Kampfrichter transparenter werden, bleibt ein grundsätzliches Problem. Kann man die Aufführungen der RSG überhaupt objektiv beurteilen? Schon die Einordnung der Übungselemente ist laut Drygala "schwierig". Die Kampfrichterin muss zeitgleich Winkel, Rotationen, Sprunghöhen und die Technik mit dem Handgerät beurteilen. Durch einmaliges Sehen, ohne Videobeweis. Es gibt keinen eindeutigen Wert für die Schwierigkeit, nur Referenzwerte. Noch schwieriger wird es beim künstlerischen Aspekt. Es gibt Abzüge für den Ausdruck, für die Einbeziehung einzelner Körperteile, nicht zuletzt eine "emotionale Verbundenheit zur Übung" will bewertet sein. Larissa Drygala bilanziert: "Es ist wirklich eine sehr große Grauzone." Und die liefert den Raum für Absprachen.

Olympia fordert auch Spannung und Vielseitigkeit, die Finals in der Rhythmischen Sportgymnastik sind einseitig. Seit jeher werden sie von den Staaten des ehemaligen Ostblocks, voran Russland, dominiert. Ein einziges Mal haben seit 1963 in der WM-Einzelkonkurrenz Gymnastinnen anderer Nationen gewonnen. 1975 siegte die Westdeutsche Carmen Rischer - der Ostblock war nicht angetreten. Seit zehn Jahren gehen alle Medaillen an Länder der ehemaligen Sowjetunion, seit 2009 gibt es nur russische Doppelsiege, so auch 2012 bei den Olympischen Spielen in London.

Bruno Grandi ist überzeugt, dass diese Dominanz "schlecht für den Sport" ist, weil darunter das Interesse aller anderen leidet. Nicht umsonst gilt auch die Universalität als Kriterium für olympische Sportarten. Wenn er nun Reformen fordert, wird dies von russischer Seite als Angriff verstanden. Das Berufungsgericht der FIG hat die Jurorinnen zwar freigesprochen, allzu perfekte Prüfungsresultate waren nicht Beweis genug, der Streit geht aber weiter. Die Beschuldigten, darunter die suspendierte russische TK-Chefin Natalia Kuzmina holen zum Gegenschlag aus. Eine internationale PR-Agentur wurde engagiert, in einem öffentlichen Brief sprachen sie von Ehre und von Hexenjagd. In Kiew sind jetzt erstmal die russischen Gymnastinnen favorisiert. Bei der EM im Juni gewannen sie alle sieben Titel.

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