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US-Sport:Der Lake-Wobegon-Effekt: Wenn Utopie zur Realität wird

Es gibt in den USA kein Vereinswesen und kaum Verbandsförderung wie in Europa. Was es gibt: eine profitorientierte Jugendsport-Industrie, die laut einer Studie des Instituts Wintergreen Research mittlerweile 15,3 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt, doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Sie speist sich aus der Furcht der Eltern, die sportliche Entwicklung ihrer Kinder nicht hinreichend zu fördern und damit die Aussicht auf ein oft dringend benötigtes Stipendium zu verringern - und einem Phänomen, das sich am besten mit dem Begriff "Lake-Wobegon-Effekt" beschreiben lässt.

Marinovich war Quarterback im Football-Team der Elite-Universität USC, hier 1990 bei einem Interview. Nach einem Wechsel zu den Los Angeles Raiders kam der Absturz.

(Foto: imago Sportfotodienst)

Lake Wobegon ist ein fiktives Utopia, das der Radiomoderator Garrison Keillor in den 1970er-Jahren erfunden hat. In Lake Wobegon hält sich jeder Bewohner im Vergleich zu den anderen für überdurchschnittlich intelligent, attraktiv und reich - was freilich unmöglich ist. Keillor wollte den Zuhörern zeigen, dass der Mensch dazu neigt, sich selbst stets ein bisschen besser wahrzunehmen, als es tatsächlich der Fall ist - und seine Kinder für ein bisschen hübscher, schlauer und sportlicher zu halten, als sie wirklich sind. Eine Umfrage der Utah State University unter amerikanischen Eltern, deren Kinder an der Highschool (14 bis 18 Jahre) Baseball spielen, ergab vor Kurzem, dass knapp 40 Prozent überzeugt sind, dass ihr Kind es ins Team einer Elite-Uni schaffen wird; jeder Zehnte glaubt an eine Profikarriere. Tatsächlich liegt die Chance laut der Jugendsport-Statistik-Seite Scholarship Stats viel niedriger: 2,1 Prozent der Highschool-Baseballspieler schaffen es an die Uni, und nur 0,13 Prozent werden Profisportler.

Doch solche Statistiken scheinen Väter und Mütter nur umso mehr anzuspornen. Väter wie Lale Esquivel zum Beispiel. "Ich kann Talent bei Kindern erkennen - und ich weiß: Meine beiden Söhne sind besonders", sagt er. Esquivel ist Besitzer und Cheftrainer der Texas Bombers, eines Baseball-Jugendvereins im US-Bundesstaat Texas, in dem auch Kinder aus Kalifornien, New Jersey und dem Nachbarland Mexiko spielen. Das U 10-Team absolvierte allein in diesem Sommer mehr als 90 Partien, Auswärtsspiele fanden schon mal an der Ost- und der Westküste statt, die Endrunde in Florida. Ach ja: Die Kinder von Esquivel, Lale junior und Luke, sind zehn und neun Jahre alt.

"Ich muss mich manchmal daran erinnern, dass Joey noch an den Weihnachtsmann glaubt"

"Wir reden hier über ganz besondere Kinder, die es im Baseball weit bringen möchten", sagt Esquivel, der einst an der University of Miami gespielt und später zugegeben hat, seine Leistungen mit verbotenen Mitteln gefördert zu haben: "Ich will gewinnen, unbedingt, also suche ich überall nach Talenten. Gerade habe ich einen neun Jahre alten Spieler in der Dominikanischen Republik entdeckt." Ja, schon richtig gelesen: Esquivel fliegt neun Jahre alte Kinder ein, wenn er denkt, dass die ihm beim Gewinnen helfen können.

Travel Teams heißen Vereine wie die Bombers, die es mittlerweile in jeder Sportart gibt. Sie reisen durch die USA, sie kämpfen um Titel und die Aufmerksamkeit von Talentspähern. Der zehn Jahre alte Joey Erace ist eines dieser Talente, er kommt regelmäßig von seinem Heimatort im Bundesstaat New Jersey ins 2200 Kilometer entfernte Texas zu den Bombers, die laut aktueller Rangliste das zweitbeste U 10-Baseballteam der USA sind. Sein Vater Joe hat zu Hause im Garten für 15 000 Dollar einen Schlagkäfig errichtet und gibt mittlerweile für Trainerstunden mit ehemaligen Profis und Experten ungefähr 1200 Dollar pro Monat aus. Er schätzt, dass er bislang mehr als 30 000 Dollar in die sportliche Ausbildung seines Sohnes investiert hat. Noch mal: Joey ist zehn Jahre alt.

Dass seine Eltern derart viel Geld in seine sportliche Karriere investieren, muss für den Jungen ein enormer Druck sein. Oder, andersherum gesagt: Wie groß ist wohl der Druck auf Eltern, wenn ihnen eingeredet wird, dass ihr Kind es weit bringen könne, wenn sie nur ein bisschen mehr Geld ausgeben? "Ich will so oft wie möglich trainieren und gegen die besten Spieler der Welt antreten", sagt Joey. Das klingt süß und naiv. Doch gleichzeitig ist es todtraurig, wenn ein Zehnjähriger denkt, zu den Besten der Welt gehören zu müssen. Sein Vater behauptet, lediglich den Traum seines Kindes fördern zu wollen, gibt aber auch zu: "Ich muss mich manchmal daran erinnern, dass Joey noch an den Weihnachtsmann glaubt."

Glauben nicht alle Eltern, dass sie lediglich den Traum ihres Kindes fördern?

Der Jugendwahn wird zum Wirtschaftsfaktor

Die amerikanische Jugendsport-Industrie lebt von der Hoffnung (und auch der Verzweiflung) der Eltern - also redet sie ihnen ein, dass sich das Investment lohnen könnte, auch wenn ihr Kind nur mittelmäßig begabt ist. Es gibt ja nicht nur Travel Teams und Trainerstunden, es gibt: kostenpflichtige Internet-Ranglisten wie Middle School Elite, auf denen etwa ein acht Jahre alter Basketballspieler als "künftiger Profi" angepriesen wird. Es gibt Taktik-Apps für das Smartphone. Ernährungsberater. Veranstalter von Jugendturnieren. Hersteller von Sportgeräten, die bessere Leistungen versprechen. Equipment fürs Training. Nahrungsergänzungsmittel. Und es gibt die Stadt Westfield im Bundesstaat Indiana.

Das 37 000-Einwohner-Städtchen hat weder einen Profiverein noch eine Universität, dafür aber seit drei Jahren das 70 Millionen Dollar teure Grand Park Events Center mit 31 Fußballfeldern, 26 Baseballplätzen und einer 34 000 Quadratmeter großen Sporthalle. Der Football-Profiklub Indianapolis Colts wird in den kommenden zehn Jahren seine Saisonvorbereitung dort abhalten und dafür insgesamt 653 000 Dollar bezahlen. "Das ist gut fürs Ansehen", sagt Bürgermeister Andy Cook, der den Bau des Sportzentrums vorangetrieben hat: "Unser Geld verdienen wir jedoch mit Jugendturnieren." Travel Teams brächten oft die Familien der Spieler mit - die müssen irgendwo wohnen, essen, einkaufen: "Ich glaube, dass sich um Sportlerfamilien eine Industrie für unsere Stadt entwickeln lässt. Wir setzen auf ein gesundes Pferd."

Wie gesund ist dieses Pferd wirklich?

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