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Portugals Renato Sanches:Der "Golden Boy" ist wieder da

2016 Europameister und jetzt wieder auf gemeinsamer Mission: Die Portugiesen Renato Sanches (links) und Cristiano Ronaldo.

(Foto: Tibor Illyes/AP)

Er ist französischer Meister mit Lille und will am Samstag gegen Deutschland auftrumpfen: Beim FC Bayern fragen sie sich inzwischen, ob sie damals alles getan haben, um Portugals Talent Renato Sanches zur Blüte zu führen.

Von Javier Cáceres

Die Ankunft in München war für Renato Sanches schmerzhaft, und wenn man das Ganze aus heutiger Perspektive betrachtet, so setzte das gewissermaßen den Ton. Es war im Sommer 2016, Sanches war gerade nicht nur Europameister, sondern auch noch als "Golden Boy" ausgezeichnet worden, als bester junger Spieler des Turniers. Nachdem er zuvor schon Benfica Lissabon zum Titel geführt hatte. Carlo Ancelotti, damals Trainer des FC Bayern, bearbeitete Karl-Heinz Rummenigge so lange, bis der Vereinschef einen Deal absegnete, der für einen 18-Jährigen jede Dimension sprengte, und das nicht nur für deutsche Verhältnisse.

Der FC Bayern überwies 35 Millionen Euro an Sanches' Verein Benfica, und in den Zeitungen war seinerzeit zu lesen, dass die Summe locker auf das Doppelte anwachsen könne, wegen Prämienzahlungen, die fällig würden, wenn er Erfolg haben sollte. Eine Klausel soll sogar einen Millionenbetrag für den Fall fixiert haben, dass Sanches Weltfußballer werden sollte. Dann kam das erste Training - und die Schmerzen.

Ein damaliger Augenzeuge berichtet, wie ein Spieler, der sich durch den teuren, gut beleumundeten, vereinsseitig protegierten Neuankömmling potenziell bedroht fühlte, sein Revier markierte: der Chilene Arturo Vidal. Er senste das Starlet um und soll dabei sogar die Socken des Portugiesen auf links gedreht haben. "Du willst meinen Arbeitsplatz?", sei der Subtext der Grätsche gewesen. Eine Grätsche, die nichts anderes war als der Hinweis darauf, wo beim FC Bayern die Glocken hängen.

Am Samstag könnte Sanches in der Startelf stehen - in München

Wenn man so will, erholte sich Renato Sanches nie wieder davon. Jedenfalls nicht, solange er beim FC Bayern angestellt war. Doch nun scheint er seine Karriere wieder auf ein Gleis bekommen zu haben, das schon verloren erschien. Es wäre alles andere als überraschend, wenn Sanches am Samstag in München, im zweiten Gruppenspiel gegen die deutsche Mannschaft, in der Startelf stünde.

Am Dienstag, beim 3:0 der Portugiesen gegen Ungarn in Budapest, kam Renato Sanches sehr spät in die Partie. Aber in der knappen Viertelstunde, die Trainer Fernando Santos ihm - und nicht etwa Atlético Madrids 120-Millionen-Euro-Einkauf João Félix - gab, zeigte er all die Attribute, die ihn mal ausgezeichnet hatten und die verloren zu sein schienen: physische Präsenz, Ehrgeiz, Gestaltungswillen. Zusammen mit den ebenfalls eingewechselten Rafa Silva (Benfica) und André Silva (Eintracht Frankfurt) setzte er die Impulse, die den 3:0-Sieg in Ungarn bedingten. Und lieferte einen weiteren Beleg dafür, dass der Wechsel 2019 zum OSC Lille die richtige Entscheidung war: Mit dem Klub ist er gerade französischer Meister geworden.

"Ich finde, dass ich ein sehr viel besserer Spieler geworden bin", sagte Sanches dieser Tage im portugiesischen Trainingslager, "ich habe mehr Fähigkeiten und mehr Erfahrung. Das ist nur normal. Die Jahre gehen vorbei, und die Spieler entwickeln sich."

Dass ihm das nicht beim FC Bayern gelang, hatte eine Reihe von Gründen, und sie lagen gewiss nicht an der Aggressivität von Vidal, der außerhalb des Platzes weich sein kann wie ein frisches Stück Brot. Eher schon an einer Art Kulturschock. Sanches wuchs in Musgueira auf, einem Sozialwohnungsviertel vor den Toren von Lissabon, wo man Mängel jeder Art eher mit Drogen und nicht mit Fremdsprachenkursen stillt. Allenfalls mit Sportarten, die einen sozialen Aufstieg versprechen, den die Gesellschaft sonst nicht bereithält. Portugal, muss man dazu wissen, ist noch immer das ärmste Land Westeuropas.

Sanches konnte sich nie in die Bayern-Mannschaft kämpfen, manch einer bereut das an der Säbener Straße

An der Säbener Straße erinnert man sich bis heute an einen Spieler, den man ins Herz geschlossen hatte. Es gibt Menschen, die damals in verantwortlicher Position waren und die sich in der Rückschau fragen, ob sie wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um Sanches' Talent beim FC Bayern zur vollen Entfaltung zu bringen. Denn daran, dass er ein Spieler mit dem Potenzial für mehr ist als nur für eine solide Karriere, kann es kaum einen Zweifel geben.

Die Jugend, die Last der hohen Ablöse, das neue Land, die unbekannte Sprache waren Faktoren, die seine Adaptation erschwerten; dass Ancelotti ihn nicht spielen ließ, machte alles nur schlimmer; und dass das Training des Italieners nicht dazu angetan war, Reservisten auf Wettkampftemperatur zu bringen, gab ihm den Rest. Sanches, der davon lebt, seine Emotionen auf dem Platz auszuleben, konnte sich nie in die Bayern-Mannschaft kämpfen, verlor sein Selbstvertrauen und erst recht seinen Platz in der Nationalmannschaft.

Er wurde nach Wales verliehen, an Swansea City, wo ein früherer Assistent Ancelottis, Paul Clement, Trainer war. "Er war angeschlagener als ich dachte", sagte Clement. "Es war, als würde er die Last der Welt auf seinen Schultern tragen." Als er öffentlich seinen Wechselwunsch deponierte, wurde er dafür vom Klub mit einer Buße belegt. 2019 durfte er doch gehen, sein Manager Jorge Mendes - der neben Ronaldo so gut wie alle portugiesischen Spieler von Rang berät - fädelte den Deal mit Lille ein. Die Franzosen überwiesen 20 Millionen Euro, immerhin.

In Lille, so scheint es, fand er wieder zu sich selbst. "Ich liebe es zu spielen. Wenn das nicht der Fall ist, kann ich nicht glücklich sein", sagt er vor wenigen Monaten L'Équipe. Nun ist er es, offenbar, und es kann kaum einen Zweifel daran geben, dass er sein 28. Länderspiel mit Portugal am liebsten dort bestreiten würde, wo er schon früher gern triumphiert hätte: in München.

© SZ/cca/fhas/lib/and
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