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Relegation zur WM 2010:Zur Not mit Domenech

Den Trainer ignorieren und trotzdem zur WM fahren. Vor dem Relegations-Rückspiel gegen Irland übt sich die französische Nationalmannschaft im Spagat.

Es gibt in Frankreich nicht viele Menschen, die ein gutes Wort über den Fußball-Nationaltrainer Raymond Domenech verlieren. Anfang dieser Woche versuchte es der Pariser Lassana Diarra, 24-jähriger Mittelfeldspieler von Real Madrid. Pressekonferenz im Mannschaftsquartier, das Hinspiel der WM-Relegation in Irland hatten die Franzosen 1:0 gewonnen, das Rückspiel an diesem Mittwoch scheint nur noch Formsache zu sein, aber die Fragesteller suchten, wie immer, nach Ansätzen, Domenech am Zeug zu flicken.

"Trainer, wir langweilen uns mit Ihnen" - Thierry Henry (vorn) lebt im Dauerkonflikt mit dem umstrittenen Nationalcoach Raymond Domenech.

(Foto: Foto: Reuters)

In der irischen Presse sei der Coach lächerlich gemacht worden als Mann, den nicht mal die eigenen Leute ernst nehmen, wie die Spieler denn nun wirklich zu ihm stünden? Diarra erwiderte: "Der Trainer ist da und der Trainer wird bleiben. Ich habe ihn verteidigt. Ich verteidige ihn. Ich werde ihn verteidigen." War das nun ein Bekenntnis zum Coach, fragte man sich - oder nur eine Grammatikübung?

Auf den ersten Blick ist Raymond Domenech, 57, der ideale Auswahltrainer. Graumeliert und gut aussehend, ein Liebhaber der schönen Künste. Er beschäftigt sich mit philosophischer Literatur, ist häufig Gast im Theater, gerne auch im Kino. Einmal stand er selbst vor der Kamera. Der Regisseur Marc Esposito hatte ihn angeheuert für seinen Erstling "Le Coeur des Hommes", das Herz der Männer.

Allerdings tauchte Domenech in dem Streifen nicht auf, seine kleine Rolle fiel dem Schnitt zum Opfer, und womöglich findet Domenech, an ihm sei ein großer Mime verloren gegangen. Kurz nach den Dreharbeiten übernahm Raymond Domenech, im Jahr 2004, das Amt des Nationaltrainers, aber auch in dieser Rolle ist er vor allem: Schauspieler. Sein großes Fach ist das Drama - und damit macht er sich das Leben schwer.

Streit mit Thierry Henry

"Die Notstandsgesetze und die Guillotine gibt es nicht mehr in unserem Land. Aber einige von euch wollen mich aufs Schafott bringen. Ihr liebt den Geruch von Blut." Domenechs Rede vor französische Journalisten, kurz nach der Niederlage im Herbst 2008 zum Auftakt der WM-Qualifikation in Österreich, ist schon Legende. Sein Team war beim 1:3 von den Gastgebern vorgeführt worden, und natürlich musste Domenech um sein Amt fürchten, nachdem er mit der Equipe tricolore bei der EM 2008 schon in der Vorrunde gescheitert war. Doch der Coach versuchte gar nicht erst, die Stimmung zu entschärfen. "Ich habe niemanden umgebracht", sagte er den Journalisten, "aber wenn ich jemanden umbringen würde, würde ich zurzeit wohl mildernde Umstände erhalten."

In diesem Zustand des erklärten Kriegs mit den Medien hat Raymond Domenech die ganze WM-Qualifikation durchgehalten, und auch eine Frontalattacke seines Kapitäns Thierry Henry perlte an ihm ab. Das Team habe keinen Plan, keinen Stil, sagte Henry vor dem Qualifikationsspiel in Rumänien, und angeblich krönte der Stürmer seine Kabinenansprache mit dem Satz: "Trainer, wir langweilen uns mit Ihnen." Henry dementierte den Vorfall nur halbherzig.

Für den Tag des Hinspiels gegen Irland hatte L'Équipe auf der Titelseite ein Teamfoto der Iren mit einem Bild des französischen Coaches zusammengeschnitten. Titel: "Er ist ihre große Chance." Einen solchen Affront gegen den Nationalcoach hat es in Frankreichs Sportbibel noch nicht gegeben. Domenech antwortete auf seine übliche Art: Er lese nicht alles, was die Leute über ihn sagten und schrieben, erklärte er, "sonst hätte ich mich längst umbringen müssen".

Üble Nachrede

Der Fußball, den der einstige National-Linksaußen spielen lässt, steht im Kontrast zu seinen skurrilen Auftritten. Als U21-Nationalchoach galt er noch als Verfechter des offensiven Stils, doch im Nationalteam lässt er kalten Sicherheitsfußball spielen. Endlose Ballzirkulation nervt die Zuschauer und Experten, Risikopässe und Dribblings sind ausdrücklich erst weit in der gegnerischen Hälfte erlaubt. Christophe Dugarry, einer der Weltmeister von 1998 und ein großer Verfechter des romantischen Angriffsfußballs, erklärte in einem Interview: "Ich bin mit absolut nichts einverstanden von dem, was er tut und sagt."

Hinter dieser kategorischen Ablehnung verbirgt sich die Verklärung der Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000. Und diese Generation ist wohl Domenechs eigentliches Problem gewesen. Jeder der alten Helden, den er aus der Nationalmannschaft verabschiedete, bescherte ihm üble Nachrede. Für das Hinspiel gegen Irland nominierte er mangels Form den mittlerweile 33-jährigen Mittelfeldspieler Patrick Vieira von Inter Mailand nicht mehr. Und prompt legte sich offenbar wieder Mannschaftskapitän Thierry Henry mit ihm an.

Allein gegen den Rest der Welt, diese Rolle spielt Domenech am liebsten, aber offenbar traut Verbandspräsident Jean-Pierre Escalette ihm immer noch am ehesten zu, das reichlich selbstbewusste Team zu bändigen und den Wechsel zu einer neuen Generation endgültig zu vollziehen. Immerhin erreichte er mit einem kriselnden Team im Sommer 2006 sogar das WM-Endspiel.

"Wir jüngeren Spieler haben gespürt, dass diese Nationalmannschaft jetzt uns gehört", sagte Lassana Diarra nach dem Hinspielsieg in Irland, "wir haben es jetzt in Südafrika in der Hand, Geschichte zu schreiben wie unsere Vorgänger." Notfalls eben mit Raymond Domenech.

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