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Bremen in der Relegation:Überlebensspiel in Heidenheim

Werder Bremen: Trainer Florian Kohfeldt in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim

"Willst du dabei sein für deinen Verein?": Florian Kohfeldt, 37, erträgt im Relegations-Hinspiel das Werder-Grauen und den Bremer Regen.

(Foto: Martin Meissner/dpa)

In seiner jungen Karriere hat Bremens Cheftrainer Florian Kohfeldt die Höhen und Tiefen seines Berufs schon sehr gründlich ausgelotet. Was nach der Relegation aus ihm wird, ist noch offen.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Am Tag danach wird die Mannschaft von Werder Bremen noch einmal zusammenkommen, aber in welcher Verfassung, weiß noch niemand. Bis Ende der Woche soll auch die Saisonanalyse so weit abgeschlossen sein, dass der Verein laut Sportchef Frank Baumann "in der Öffentlichkeit etwas sagen kann". Aber was, weiß noch niemand. Alles, was dazu geführt hat, dass das Wohl und Wehe des Vereins von einem einzigen Spiel beim 1. FC Heidenheim (Montag, 20.30 Uhr im SZ-Liveticker) abhängt, soll hinterfragt werden - personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen.

"Das erste Wort hat der Verein, dann komme ich", sagte Trainer Florian Kohfeldt, 37, zuletzt, wenn er nach seiner Zukunft gefragt wurde. Er hat die Höhen und Tiefen seines Berufs sehr gründlich ausgelotet, seit er im Oktober 2017 den Posten als Cheftrainer angenommen hat. Kohfeldt hat in der ersten Saison den Klassenverbleib geschafft, in der zweiten mit 53 Punkten die beste Ausbeute seit Jahren erreicht und der Mannschaft so viel Kontur verpasst, dass der Deutsche Fußball-Bund in ihm den "Trainer des Jahres" sah.

Entsprechend krass war in seinem dritten Jahr der Absturz. Die Bremer haben sich spät in die Relegation gerettet - nur um im Hinspiel gegen Heidenheim (0:0) wieder zu zeigen, was ihnen in dieser schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte alles verloren gegangen ist: Ideen, Mut, Aggressivität, Torgefahr, Ausstrahlung, Form. Kohfeldts Reise führte einmal zu den Sternen und zurück, zum Überlebensspiel in Heidenheim.

Zuletzt war dem Trainer deutlich die Mühe anzumerken, sich noch bedingungslos vor seine Mannschaft zu stellen. Beim einfallslosen 0:0 gegen Heidenheim bemängelte er sarkastisch, dass die Spieler seinen Plan nie umgesetzt hätten, "deswegen weiß ich gar nicht, ob es ein guter Plan war". Von vorne bis hinten sei "alles schlecht" gewesen. Schon in Mainz, als Werder die letzte Chance auf den direkten Klassenverbleib vergab, resignierte der sonst so zuversichtliche Fußballlehrer für einen Moment. "An 33 Spieltagen", sagte er am 33. Spieltag, "haben wir es nicht geschafft, da zu sein" in den entscheidenden Situationen. "Vielleicht haben wir das Leistungsvermögen einiger Spieler falsch eingeschätzt", deutete der Aufsichtsratsvorsitzende Marco Bode neulich an. Es wäre ein gemeinsamer Irrtum der sportlichen Führung gewesen, inklusive Sportchef Baumann und Trainer Kohfeldt. "Den einen Schuldigen", sagte Bode, gebe es wahrscheinlich aber nicht - und damit (Subtext!) auch kein rituelles Trainer-Opfer. Kohfeldt ist bis 2023 an Werder gebunden.

Kohfeldt ist inzwischen das Gesicht des Klubs

Die Leiden des jungen Trainers sind Kohfeldt anzumerken: der mit Hunderten ausgespuckter Kaugummis kompensierte Druck, der literweise ausgeschwitzte Stress. Die Situation sei "sehr belastend", sagte Kohfeldt am Sonntag, auch für ihn. Aber er habe es sich genau überlegt, ob er diesen Job haben wollte, "sonst wäre ich jetzt vielleicht bei den Alten Herren von Jahn Delmenhorst und würde einen anderen Beruf machen". Kohfeldt stammt aus dem Bremer Umland, fast jedes Herz hängt hier an Werder, und die Frage "Willst du dabei sein für deinen Verein?", die habe er für sich mit Ja beantwortet.

Inzwischen ist er das Gesicht des Klubs. Neben eher unterkühlten Temperamenten wie Baumann, Bode oder Klaus Filbry, als Vorsitzender der Geschäftsführung formal der Chef vom Ganzen, wirkt Kohfeldt wie ein Flutlicht unter Schreibtischlampen. Ihn muss man beobachten, um Werders Temperatur zu messen. Aber er ist auch der einzige, der Leidenschaft vermitteln kann - keiner da, der ihn in dieser Hinsicht entlasten würde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kohfeldts Berater Marc Kosicke, der auch die Karrieren von Jürgen Klopp oder Julian Nagelsmann verwaltet, seinem Klienten zu einem Wechsel an einen weniger emotional aufgeladenen Ort rät, um Distanz lernen zu können. Davor ist aber noch Heidenheim, in bester Alles-oder-nichts-Tradition, und Kohfeldt will an ein gutes Ende für Werder glauben - als Trainer und Fan. "Irgendwie sind das doch die Tage, an denen Geschichte geschrieben wird", sagte er, "und da will man dabei sein. Davon haben wir doch geträumt, als wir klein waren."

© SZ vom 06.07.2020/tbr
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