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Bremen bleibt in der Bundesliga:"Wir waren so häufig abgestiegen, so häufig tot"

1.FC Heidenheim vs SV Werder Bremen - Relegation 02 - 06.07.2020 Florian Kohfeldt (SV Werder Bremen) Deutschland, Heiden; Florian Kohfeldt

Florian Kohfeldt: Erschöpft, aber glücklich

(Foto: Pressefoto Rudel/gumzmedia/nordp)

Der Trainer träumt vom Urlaub am Strand, Claudio Pizarro fliegt durch die Lüfte: Bei Werder Bremen ist die Erleichterung nach dem Klassenerhalt riesig.

Von Frank Hellmann, Heidenheim

Es war gewiss kein Zeichen fehlenden Respekts, dass die Bremer Entourage eine halbe Stunde vor Mitternacht kein Interesse mehr an der Übertragung einer Pressekonferenz hatte, auf der Florian Kohfeldt verpixelt auf der Videowand der Heidenheimer Arena erschien. Dass es sich um den Cheftrainer des SV Werder handelte, war unschwer herauszuhören, doch Physiotherapeutin Laura Kersting hatte trotzdem Besseres zu tun.

Die blonde Frau, die wochenlang nicht nur die Muskeln Bremer Berufsfußballer behandelte, sondern an jedem Spieltag zuletzt ihren Metallkoffer mit einem Gummihammer bearbeitete, um Lärm für den Bremer Klassenerhalt zu machen, spazierte mit dem filmenden Handy allein über den Rasen auf dem Schlossberg. Ihr tapferes Hämmern gegen eine Heidenheimer Sirene, Ratschen und Pfannen stand letztlich für Werders erfolgreichen Widerstand, in der Bundesliga zu bleiben.

Losgelöst warfen die Werder-Profis ihren scheidenden Altstar Claudio Pizarro, 41, in die Luft, obwohl die Legende am Klassenerhalt in einem turbulenten Relegationsrückspiel - das 2:2 beim Zweitligisten 1. FC Heidenheim reichte nach dem torlosen Hinspiel - keinen aktiven Anteil hatte. Oben in der letzten Reihe der Haupttribüne öffnete derweil Aufsichtsratschef Marco Bode mit seinen Kollegen Kurt Zech und Thomas Krohne die Verschlüsse von Bierflaschen aus schwäbischer Produktion. Auch die Kontrolleure beschäftigten sich mehr mit dem Rundgang Kerstings als mit den Ausführungen Kohfeldts, derweil dieser die Geschehnisse sichtlich aufgewühlt, aber durchaus prägnant zusammenfasste: "Scheiß Saison, geiles Ende."

Er sei stolz, "dass ich durchgehalten habe", bekannte der 37-Jährige ohne Umschweife. Weil der Trainer eben auch Fan ist, konnte der Familienvater nie eine Distanz zum Überlebenskampf aufbauen. Mit beißender Ironie reagierte Kohfeldt auf Fragen nach dem persönlichen Druck. "Ist nur ein Job für mich."

Das Gegenteil ist ja der Fall: Und so fiel erst in dieser Nacht, in der der Werder-Tross noch per Charterflieger über den kleinen Flughafen Nordholz/Cuxhaven in die norddeutsche Heimat zurückkehrte, der ganze Ballast ab. Es sei letztlich "ein Riesenkraftakt" gewesen, bekannte Kohfeldt, eine "Katastrophensaison" zu einem guten Ende zu bringen. Denn: "Wir waren so häufig abgestiegen, so häufig tot." Dass das Bremer Gesicht des Aufbäumens mit neuen Schuhen beim Torjubel kurz vor Schluss ausrutschte und schnell wieder aufstand, fügte sich perfekt ins Bild.

Die Erlösung besorgte Ludwig Augustinsson mit dem zweiten Bremer Treffer erst in der Nachspielzeit (90.+4). Den ersten hatte dankenswerterweise der Ex-Werderaner Norman Theuerkauf nach drei Minuten mit einem kuriosen Eigentor angebracht, insofern taten zwei Treffer von Tim Kleindienst (85 und 90.+8) Werder nicht wirklich weh. Aber Kohfeldt fand es typisch, auch im allerletzten Finale wieder zittern zu müssen. Warum einfach, wenn es auch schwierig geht.

Trotzdem gab der Trainer selbst das Kommando zum hemmungslosen Feiern. Als er frisch geduscht am Absperrband zum Mannschaftsbus spazierte, schrie er noch ein lautes "Ja" über den Vorplatz auf der Anhöhe, was sogar das Gegröle einer beträchtlichen Zahl von Heidenheimer Anhängern übertönte, von denen einige über Umwege ins Stadioninnere kurzzeitig sogar unerlaubte Augenzeugen des umkämpften Entscheidungsspiels gewesen waren.

Später fielen erneut Heidenheimer negativ auf. Auf dem Weg aus der Kabine in den Mannschaftsbus wurden Bremer Spieler mit Bier übergossen. Zudem versuchten einige Chaoten, gegen die Werder-Profis tätlich zu werden. Der Bus wurde außerdem mit Flaschen und Steinen beworfen. Mehrere Personalien seien festgestellt worden, die Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruch.

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