Süddeutsche Zeitung

Reitsport: Pferd von Werth positiv:"Wir sind hier alle völlig fertig!"

Doping-Affäre um Isabell Werth: Die Dressur-Olympiasiegerin muss den Positivtest ihres Pferdes erklären. Ihr droht eine zweijährige Sperre.

Es ist noch keine zwei Wochen her, dass Isabell Werth den Antidopingkampf, durch den der deutsche Reitsport neuerdings auffällt, als "Aktionismus" bezeichnet hat. Werth, 39, ist die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt. Sie hat zwischen 1992 und 2008 fünf Olympische Goldmedaillen gewonnen, sie hat eine Menge beigetragen zum Ruf des deutschen Dressurreitsports, sie hat sich in all den Jahren nie etwas Konkretes zu Schulden kommen lassen.

Und nun sollte sie plötzlich vor einer eilig zusammengewürfelten Kommission darüber Auskunft geben, mit welchen Medikamenten und in welcher Geisteshaltung sie ihre Pferde behandelt, zuhause in ihrem Turnierstall in Rheinsberg?

Nur unter Protest akzeptierte Isabell Werth die ungewöhnlichen Maßnahmen, die die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ersonnen hatte, als Reaktion auf die jüngsten Medikationsfälle ihrer Springreiter Christian Ahlmann und Marco Kutscher sowie auf ein irritierendes Interview von Ludger Beerbaum: die Auflösung aller Leistungs-Kader, bis sich sämtliche Nationalmannschafts-Reiter einer unabhängigen Kommission offenbart haben.

Sie wehre sich "gegen die generellen Unterstellungen", sagte Isabell Werth. Als Juristin frage sie sich, welche Art von "Rechtsinstitut" das eigentlich sei, so eine Kommission. Und weil Isabell Werth auch eine schnelle Zunge besitzt und jederzeit in der Lage ist, ihre Worte zuzuspitzen, schob sie die Frage nach: "Ist das ein Beichtstuhl?"

Jetzt könnte es ein Beichtstuhl werden, denn seit dieser Woche ist die Glaubwürdigkeit der Vorzeige-Reiterin schwer erschüttert. Beim Pfingstturnier in Wiesbaden wurde im Körper ihres zehnjährigen Wallachs Whisper die verbotene Substanz Fluphenazin nachgewiesen - keiner jener umstrittenen Wirkstoffe, die in Wund- oder Entspannungs-Salben für Vierbeiner enthalten sind. Sondern ein hartes Psychopharmakon aus der Humanmedizin, das gegen Wahnvorstellungen und Schizophrenie verschrieben wird.

Diesen Dienstag wurde die FN von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung FEI über den Fund informiert, Geschäftsführer Reinhard Wendt überbrachte die Botschaft der Reiterin. Isabell Werth wurde vom Weltverband vorläufig suspendiert, der CHIO kommende Woche in Aachen findet ohne sie statt. Diesen Donnerstag soll sie vor einem FEI-Tribunal Auskunft darüber geben, wie das Beruhigungsmittel in ihr Nachwuchs-Pferd gekommen ist, sie wird dann wohl auch die Öffnung der B-Probe beantragen. Für eine Stellungnahme war sie am Mittwoch nicht zu erreichen.

Humanmedizin im Tier

Dafür sprach der Rest der Reitsports. FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau: "Ich bin erschüttert. Das ist eine Katastrophe." Dressur-Bundestrainer Holger Schmezer: "Ich bin erschrocken. Das verstehe ich nicht." Aktivensprecherin Heike Kemmer, Werths Teamkollegin beim Gewinn des Team-Golds 2008 in Hongkong: "Ich bin völlig sprachlos. Da fällt mir nichts zu ein." FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach: "Das ist ein Schlag. Wir sind hier alle völlig fertig."

Etwas Schlimmeres kann dieser ohnehin seit Monaten um einen Rest von Glaubwürdigkeit ringenden Sportart kaum passieren, als ein möglicher Dopingfall bei ihrer Vorzeige-Athletin. Inhaltlich trug indes nur die Mäzenin Madeleine Winter-Schulze ein kleines Detail zum Sachverhalt bei, die Besitzerin der von Isabell Werth gerittenen Weltklasse-Pferde. Sie sei ihrem Schützling "nicht böse", sagte sie dem Sportinformationsdienst, denn "Isabell konnte ja nichts dazu. Es hatte einige Tage zuvor eine Behandlung gegeben, aber der Arzt hatte Grünes Licht für das Turnier in Wiesbaden gegeben".

Was das für eine Behandlung gewesen sein soll, wird für Isabell Werth und den Tierarzt ihres Vertrauens nicht einfach zu erklären sein. Anders, als am Mittwoch von verschiedenen Quellen verbreitet, ist Fluphenazin für die Behandlung von Tieren gar nicht zugelassen.

"Das hat in einem Pferd nichts zu suchen", sagt der Dortmunder Tierarzt Eberhard Schüle, Vorstand der Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM). Allerdings tauchen Mittel aus der Humanmedizin immer wieder in Turnierpferden auf: Auch der Psycho-Cocktail, mit dem das Olympiapferd des Iren Cian O'Connor 2004 aufgeflogen war, enthielt Fluphenazin.

Isabell Werth droht nun die Mindestsperre von zwei Jahren. Und auch ihr Tierarzt müsste sich kritischen Fragen stellen. Selbst wenn bei einem Pferd eine sehr spezielle Erkrankung vorliegt, muss ein Tierarzt zunächst auf Medikamente für Kühe, Hunde oder Katzen zurückgreifen, ehe er zur Apotheke des Menschen greifen darf. "Die Indikation muss auf den Tisch", fordert Eberhard Schüle. Das wäre einfacher, wenn schon heute jeder Reiter gezwungen wäre, Behandlungen in ein Medikamentenbuch einzutragen.

Doch bisher zieren sich die Reiter, die ja oft auch als Pferdehändler agieren, ihre Medikamentengaben im Einzelnen offen zu legen. Kürzlich hatte Isabell Werth bei einer Podiumsdiskussion noch gesagt: "Es ist völlig selbstverständlich, dass Stallinterna und die Behandlung von Pferden nur den Pferdebesitzer und das Stallpersonal etwas angehen und niemanden anders."

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SZ vom 25.06.2009/aum
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