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Reitsport:Totilas schlägt posthum zu

Ein gewohntes Bild: Isabell Werth dankt ihrem Pferd (hier Weihegold 2016) bei Olympischen Spielen - in Tokio wird der Weg zu Gold für die deutschen Dressurreiter aber sicher schwerer als sonst.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Für die erfolgsverwöhnten deutschen Dressurreiter gestaltet sich die Olympia-Vorbereitung eher problembeladen - und die Konkurrenz hat aufgerüstet.

Von Gabriele Pochhammer

Die Form der deutschen Dressurreiter auf dem Papier ist großartig, doch für die Olympischen Spiele in Tokio lässt sich damit noch nichts ableiten. Nicht wie sonst immer. "Die Konkurrenz hat aufgerüstet", sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu.

In der Weltrangliste besetzen ihre Schützlinge zurzeit die Plätze eins bis vier. Die sechsmalige Olympiasiegerin Isabell Werth ist gleich mit vier Pferden im Olympiakader vertreten, nachdem sie am vergangenen Wochenende in Mannheim zum ersten Mal seit der Europameisterschaft 2019 wieder ihre Nummer eins, die kapriziöse Bella Rose, vorstellte. Die 17-jährige Fuchsstute war "an", wie ihre Reiterin sagte. Das heißt, der Reiter fühlt sich wie auf einem Fässchen Dynamit kurz vor der Explosion. Deshalb gab es auch ein paar technische Patzer, aber alles blieb unter Kontrolle. Hohe Noten mit ein wenig Dressurköniginnen-Bonus reichten locker für die Siege in beiden Prüfungen Grand Prix und Grand Prix Special und damit für die vom Weltreiterverband vorgeschriebene olympische Mindestqualifikation. Die Berufung in den Olympiakader folgte auf dem Fuße. Mit Weihegold gewann Werth auch noch Grand Prix und Kür und fuhr hoch zufrieden zurück nach Rheinberg. Vier Starts vier Siege - ganz nach ihrem Geschmack. Auch nach 33 Jahren im Hochleistungssport macht Gewinnen noch Spaß.

Die Taktik der Spitzenreiter, sich kurz vor den Spielen weiträumig aus dem Weg zu gehen, um eine "Vorrangierung" zu vermeiden, hat in der Dressur Tradition. Das Vertrauen in die Richter, nur das zu beurteilen, was sie gerade sehen, und nicht das, was sie schon mal gesehen haben, ist offenbar gering. Deshalb trat Jessica von Bredow-Werndl mit ihrer 14-jährigen Trakehnerstute Dalera auch nicht in Mannheim, sondern zwei Wochen vorher in Hagen an. Dort traf sie auf weitaus stärkere Konkurrenz, nämlich auf die besten Briten, die einzigen, die den Deutschen seit 1976 das Teamgold einmal abjagen konnten, 2012 in London. Die Hauptakteure von damals sind immer noch dabei, die dreimalige Olympiasiegerin Charlotte Dujardin, die gleich mit zwei Pferden auftrumpfte, der zwölfjährigen Stute Freestyle und dem properen Fuchs Gio, sowie ihr Trainer Carl Hester, dazu die junge Charlotte Fry. Grand Prix-Siegerin Dalera musste sich zwar im Special hinter Freestyle einreihen, bleibt aber das deutsche Pferd, das im Moment den Ton angibt.

Andere verdiente Goldpferde tun sich schwerer, und das liegt nicht nur an der Corona-Pandemie, die den Turniersport im vergangenen Jahr mehr oder weniger lahm legte. Cosmo von Soenke Rothenberger und Showtime von Dorothee Schneider, beide im Goldteam von Rio 2016, sind seit der Europameisterschaft 2019 nicht öffentlich aufgetreten und müssen noch die FEI-Mindestqualifikation nachweisen. Rothenberger wird voraussichtlich die Chance in München (27. bis 30. Mai) nutzen.

Dorethee Schneider muss auch ein Schicksal überwinden - den Tod von Rock'n Rose

Hart getroffen hat es Dorothee Schneider, die den 15-jährigen Showtime ebenfalls in München reiten wollte. Durch ihren unglückseligen Sturz in Pforzheim, bei dem ihre Stute Rock'n Rose bei der Ehrenrunde tot unter ihr zusammenbrach, ist sie selbst zur Zeit schwer gehandicapt. An Einzelheiten des Sturzes kann sich Dorothee Schneider nicht mehr erinnern. "Ich weiß nur noch, dass der Hals der Stute auf einmal nach rechts unten klappte, ich fiel dann voll auf die rechte Schulter". Ein paar gebrochene Rippen, ein gebrochenes Schlüsselbein - im Moment tut jede Bewegung weh. Der Schlüsselbeinbruch ist kompliziert und konnte nicht operiert werden. "Der Bruch liegt zu nahe am Brustbein, und man kann dort weder nageln noch eine Platte anbringen," sagt sie. Die Gefahr, dass alles wieder auseinanderbricht, sei zu groß, haben ihr die Ärzte erklärt. "Ich habe zwar schon wieder auf Showi gesessen, aber es tat doch ziemlich weh, vor allem im Galopp." Der Start in München steht also auf der Kippe. Die letzte Möglichkeit, sich die Olympiaqualifikation zu holen, wäre eine Woche später im österreichischen Achleiten, nur eine Woche vor der deutschen Meisterschaft in Balve. Dazwischen läge eine Reise von 1800 Kilometern, nicht verlockend.

Nicht nur die Briten könnten die Deutschen unsanft aus ihren Goldträumen wecken, auch aus den gar nicht so fernen Niederlanden dräut Gefahr. "Wunderhengst" Totilas schlägt posthum zu. Er weilt zwar seit einigen Monaten nicht mehr unter den Lebenden, aber, wie heißt es so schön, "an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Totilas' Früchte heißen Toto jr und Total U.S., erst zehn und neun Jahre alt und noch grün im Wettkampf-Viereck. Man muss schon sehr genau hingucken, um zu erkennen, dass hier nicht ein Untoter seine Kreise zieht, sondern seine höchst lebendigen Söhne: Lackschwarz wie der Vater, mit ein paar weißen Applikationen an Füßen und Kopf, piaffieren und passagieren sie eifrig durchs Viereck, im Sattel sitzt Totilas-Reiter Edward Gal. Platz eins und zwei für Total und Toto beim internationalen Grand Prix in Opglabbeek, noch nicht mit Traumnoten, aber da war noch Luft nach oben. 83,734 Prozent für Total in der Kür, das war schon Championats-Liga. Zwei weitere Söhne des Rekordhengstes folgten unter den besten sechs. Die Diskussion, ob es sich um klassische Reitkunst oder zirzensische Einlagen handelt, hat schon wieder begonnen. Willkommen im Theaterstück "Totilas reloaded".

© SZ/klef/tbr
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