Reitsport Nie mehr erpressbar

Umstrittener Distanzritt: Bei den Weltreiterspielen im September mussten viele Pferde wegen Erschöpfung in einer Klinik behandelt werden.

(Foto: Erik S. Lesser/Rex/Shutterstock)

Die Internationale Reiterliche Vereinigung hat aus den chaotischen Tagen in Tryon ihre Lehren gezogen: Die Weltreiterspiele 2022 werden an mehrere Veranstalter vergeben.

Von Gabriele Pochhammer

Es sollten die besten Weltreiterspiele werden, hatte Mark Bellissimo getönt, als er vor anderthalb Jahren den Zuschlag für die Championate in acht Pferdesportdisziplinen erhielt. Jetzt ist der Immobilienmilliardär nach der Veranstaltung in Tryon/USA zu ihrem Totengräber geworden. Es wird in dieser Form vorerst keine Weltreiterspiele mehr geben. Für 2022 vergibt die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) die Disziplinen nur einzeln, nur Dressur und Paradressur werden zusammengespannt. Angebote für mehrere Disziplinen werden bevorzugt, auch Gebote für eine Neuauflage der Weltreiterspiele werden entgegengenommen. Es gibt sie bloß nicht. Und es ist nicht zu erwarten, dass sich nach den Erfahrungen von Tryon noch einmal ein Veranstalter dieses Mammutturnier antut.

Dass im September so viel schiefging in North Carolina, lag nicht allein an der organisatorischen Herausforderung, die ein solches Unternehmen darstellt. Es lag auch am Unvermögen der Veranstalter, an Planungsfehlern, vor allem aber daran, dass Bellissimo andere Prioritäten setzte als der Weltreiterverband. Nicht an den bestmöglichen Reiterspielen war ihm gelegen, sondern am zügigen Fortgang seiner Immobilienvorhaben, vor allem am Ausbau seiner Luxus-Reitsportanlage. Am Ende musste der Weltverband 2,7 Millionen Schweizer Franken zuschießen, statt eine Million als Franchise-Gebühren einzunehmen; und das zu einem Zeitpunkt, an dem es kein Zurück gab. Die FEI war erpressbar geworden und hatte keine Handhabe mehr, auf die Zusagen von Bellissimo zu pochen, wollte sie nicht das schlimmste Szenario, die Absage, riskieren. Pferdesportler aus aller Welt hatten sich vorbereitet und nicht nur Energie und Trainingszeit investiert, sondern auch eine Menge Geld.

Das alles ist dem Bericht zu entnehmen, den die Generalsekretärin der FEI, Sabrina Ibanez, nun bei der Generalversammlung des Weltreiterverbandes in Bahrain vorlegte. Sie führt viele Gründe für das Chaos an. Zunächst muss man Tryon zugute halten, dass es erst 18 Monate vor den Spielen einsprang, nachdem Montreal aus Geldmangel abgesagt hatte. Das Organisationsteam war viel zu klein, es musste darüberhinaus laufend weitere Turniere organisieren, was Kapazitäten abzog. Es fehlte an Kommunikation und teilweise an Expertise. So etwa ist der Fehlstart beim Distanzritt zu erklären, als zwei verschiedene Startlinien angelegt wurden und der Ritt zunächst neu gestartet und verkürzt wurde, bis man sich zum Abbruch entschloss, weil mehr als die Hälfte der Pferde so erschöpft waren, dass sie in einer Klinik behandelt werden mussten. Eine Million Franken hatte Bellissimo allein für die Distanzstrecke von der FEI kassiert, die dennoch teilweise in sehr schlechtem Zustand war.

Am meisten litten die Spiele unter der Fehlplanung der Gebäude. Noch im Frühjahr hatte Bellissimo den FEI-Delegierten hübsche Video-Animationen serviert, auf denen elegante Menschen in Alleen zwischen schicken Hotels flanierten. Es blieb bei der Fata Morgana. Von den Hotels waren nicht mal die Fundamente gelegt, überall zeugten in den Himmel ragende Kräne und Baumaschinen von gebrochenen Versprechen. Aus dem amerikanischen Traum war ein Albtraum geworden. Auch die Sportstätten waren nur zum Teil fertig. Zum Glück waren die Pferdeställe bereits vorhanden, auch die Reitplätze befanden sich in hervorragendem Zustand, wie die Reiter versicherten. Das war erst einmal das Wichtigste. Dass sie eine Dreiviertelstunde zum Hotel fuhren, anstatt am Ort zu wohnen, nahmen sie mit Gleichmut hin. Die Pferdepfleger hingegen mussten tagelang in Behelfscontainern schlafen.

Der Bau eines mehr als hundert Meter langen Tribünengebäudes erwies sich als Desaster. Noch eine Woche vor der Eröffnungsfeier stand das, was VIP-Bereich und Medienzentrum werden sollte, als fensterlose Bauruine in der Landschaft. Die Journalisten mussten ihre Stühle selbst aus der Industrieverpackung befreien. Aber das Internet funktionierte, und die VIPs sollen es am Ende nett gehabt haben; doch alle Beteiligten agierten zwei Wochen lang auf einer Großbaustelle. Das Chaos wäre vermeidbar gewesen. Ein paar große Zelte hätten es auch getan. Aachen baut zum Beispiel jedes Jahr ein elegantes zweistöckiges VIP-Zelt auf, über das sich noch keiner beschwerte. Auch andere Bauprojekte belasteten die Vorbereitungen. Da wurde auf einmal ein VIP-Palast für die arabischen Scheichs, Distanzritt-Teilnehmer, hochgezogen, der später als Polo-Clubhaus dienen sollte. Es wurde genauso wenig fertig wie die Villen, die die Geländestrecke säumten und demnächst als teure Luxus-Mietobjekte Bellissimos Konto füllen werden.

Nicht alle Katastrophen waren dem Veranstalter anzulasten. Etwa das Wetter: Wochenlange Regenfälle in der Vorbereitungszeit waren nicht hilfreich, und Hurricane Florence hielt die Menschen in Atem. Am Ende kam er nur als ausgiebiger Landregen daher, aber da war die Dressurkür schon abgesagt. Auch das hätte sich mit etwas mehr Flexibilität vermeiden lassen.

Die unabhängige Equestrian Community Ingrety Unit (ECIU), die mit der Untersuchung der Vorfälle rund um den abgebrochenen Distanzritt betraut war, legte ebenfalls ihren Bericht vor. Hohen Funktionären wird "Fehlverhalten" vorgeworfen, nach dem Abbruch des Rittes randalierten einige Mannschaftsführer, sodass die Polizei gerufen werden musste. Das gesamte FEI-Endurance-Komitee wurde suspendiert, es werden neue Regeln erarbeitet. Eine Satzungsänderung wurde ohne Widerspruch in Bahrain durchgewinkt, nach der die FEI jetzt eine Disziplin komplett ausschließen kann. Ob die Distanzreiter die ersten sind, die vor die Tür gesetzt werden, ist nicht gesagt. Denn auch die Disziplin Reining, also Westerndressur, die ihren Ursprung in den USA hat, sorgt für Ärger. Die FEI kündigte die Zusammenarbeit mit den beiden wichtigsten US-Reining-Verbänden auf, weil sie sich nicht an die Regeln gehalten haben, vor allem was Doping und die Kontrolle durch Stewards angeht. Ein Verband, der mit diesen Themen lax umgeht, hat in der Öffentlichkeit schon verloren. Das hat die FEI offenbar begriffen.