Das Wort Stress hört er nicht gern. „Wir sind fokussiert“, sagt der Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH (ART), Michael Mronz, und klingt erstaunlich entspannt. Fokussiert auf die Pferdesportweltmeisterschaften in sechs Disziplinen, die am kommenden Dienstag um 8.30 Uhr mit der Dressur beginnen. Man warte mit großer Freude auf ein gutes Ergebnis, sagt Mronz. Das hieße aus seiner Sicht, die beste Infrastruktur für Pferde und Reiter bereitzustellen und bestmögliche Bedingungen für die Besucher zu schaffen, die „mit einem Lächeln nach Hause gehen sollen.“
Und natürlich soll die WM eine Visitenkarte für die deutsche Olympiabewerbung sein, die mit dem Reitstandort Aachen ins Rennen gehen würde, sollte beim deutschen Vorentscheid Ende September die Rhein-Ruhr-Region gewinnen. „Man soll sehen, dass wir gern Gastgeber sind, dass wir uns einbringen und in der Lage sind, auch komplexe Veranstaltungen auszurichten“, sagt Mronz, der derzeit auch eines von zwei Mitgliedern im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ist.
Fürs Gelingen wurde allerlei getan. Aus dem 45-Millionen-Etat wurden 12,5 Millionen in die Anlage investiert. Die alten Ställe aus den 30er- und 40er-Jahren wurden teilweise abgerissen und nach neuen Erkenntnissen gestaltet: ein modernes Lüftungssystem und größere Boxen. Fünfsterne-Komfort für die vierbeinigen Athleten. „Das Pferdewohl steht im Herzen der Veranstaltung“, betont Birgit Rosenberg, Vorstandsmitglied des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) und Sportchefin des Turniers: „Was wir wollen, sind Topbedingungen für die Pferde, und zwar von der An- bis zur Abreise. Die Pferde sind unsere VIPs.“
879 Pferde werden in diesen zwei Wochen erwartet, plus rund 250 für die Eröffnungsfeier und 200 für den Tag der offenen Tür mit Spielangeboten für die ganze Familie. Neben Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Fahren und Voltigieren ist zum ersten Mal auch die Paradressur dabei für Reiter mit körperlichen Einschränkungen. Zu gewinnen sind je 59 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen. Reiter, Fahrer und Voltigierer aus 70 Nationen haben sich angesagt. „Mehr als bei jeder anderen Weltmeisterschaft zuvor“, sagt Mronz. Viele Nationen, viele Flaggen – damit kann man beim IOC punkten. 50 Nationen waren es bei den Weltreiterspielen in Aachen vor zwanzig Jahren, übrigens die einzigen ihrer Art, die nicht in finanziellem Fiasko endeten.
Reelle Chancen auf Medaillen haben zumindest in den drei olympischen Disziplinen Dressur, Vielseitigkeit und Springen Reiter aus nur einer Handvoll Nationen. In der Dressur, die den Anfang macht, sind die Deutschen nicht mehr die Könige wie einst. Briten und Dänen haben aufgeholt und der Favorit für die beiden Titel in der Dressur ist nicht die achtmalige Olympiasiegerin Isabell Werth mit Wendy, sondern der belgische Europameister 2025 Justin Verboomen auf dem Rapphengst Zonik Plus, den vor zwei Jahren kaum einer kannte. Aber eine Mannschaftsmedaille für das Team von Bundestrainerin Monica Theodorescu sollte drin sein.
Alles offen ist in der Vielseitigkeit, die ebenfalls in der kommenden Woche beginnt. Zwar sind die Briten mit ihrem riesigen Repertoire an Spitzenreiter wie immer die Favoriten, aber bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Blenheim fielen vier Britinnen vom Pferd. Damals fehlte allerdings wegen Babypause die Nummer eins, Ros Canter auf Graffalo, sie wird in Aachen dabei sein. Bei den Deutschen wird der dreifache Olympiasieger Michael Jung versuchen, seinen 18-jährigen Chipmunk noch mal zu mobilisieren. Eine Medaille zum Abschluss einer großartigen Pferdekarriere wäre fein, auch fürs Team. Immerhin haben die Deutschen ihren WM-Titel von 2022 zu verteidigen, vom siegenden EM-Team 2025 reiten drei Reiter in Aachen. Dafür müssen die deutschen Buschreiter in diesem Jahr auf ihren Bundestrainer verzichten. Peter Thomsen erholt sich in einer Reha von einem schweren Reitunfall, kann das Geschehen nur aus der Ferne verfolgen. Er wird vom Franzosen Rodolphe Scherrer vertreten.
In der zweiten Woche stehen die Springreiter im Mittelpunkt, hier ist das Ergebnis ebenfalls sehr offen. Von den zwanzig Topreitern der Weltrangliste kann jeder Weltmeister werden. Favorit ist zur Zeit der Europameister von 2025, Richard Vogel auf United Touch, der vor wenigen Wochen in Aachen den zum Grand Slam Grand Prix gehörenden gewonnen hat. Der Hengst kennt sich aus auf dem riesigen Platz, in dessen Mitte jetzt das Dressurviereck aufgebaut wurde – sicherlich kein Nachteil.
Der Run auf die Eintrittskarten begann schon vor mehr als einem Jahr. Aber immer noch seien einzelne Karten für alle Prüfungen verfügbar, sagen die Organisatoren.


