Süddeutsche Zeitung

Reit-WM in Herning:An der Schwelle zu einer neuen Ära

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Im Dressurviereck ruft das Siegerinnen-Trio um die Britin Charlotte Fry bei der WM ein neues Zeitalter der Leichtigkeit aus. Und die Deutschen? Erleben insgesamt eine ernüchternde Veranstaltung, aber tragen es mit Fassung.

Von Gabriele Pochhammer, Herning

Sind die goldenen Zeiten für die deutschen Dressurreiter vorbei? Mannschaftsbronze und zwei vierte Plätze in den beiden Einzelentscheidungen - so bescheiden wie bei der Weltmeisterschaft in Herning war die Ausbeute seit 2010 nicht mehr für die Reiter im Frack und Helm; der Zylinder wurde aus Sicherheitsgründen vor einiger Zeit abgeschafft. Die Siegerinnen waren nicht nur jünger als der Schnitt der deutschen Teams in den vergangenen Jahren. Viel wichtiger ist: Sie saßen auf jungen Pferden, die noch viele Championate vor sich haben, die gezielt für eine Dressurkarriere gezüchtet wurden. Ihr Weg führte vom ersten Lorbeer bei Jungpferde-Championaten geradewegs zur Weltmeisterschaft.

Drei medaillengekrönte junge Frauen, die Britin Charlotte Fry, die Dänin Cathrine Laudrup-Dufour und die Niederländerin Dinja van Liere, genossen ihren Erfolg, das Jubeln der Menge in den Ohren. Und wer glaubt in so einem Moment nicht, er müsse mal soeben die Welt neu erfinden?

Man stehe gerade an der Schwelle zu einer neuen Ära, zum leichten feinen Reiten, sagte die WM-Zweite Laudrup-Dufour, eine Ära, in der die Pferde nicht durch physische Kraft zum Piaffieren und Passagieren gebracht werden, sondern auf die "sanfteste Art, die möglich ist". Die 30-jährige Laudrup-Dufour, die mit dem zehnjährigen Hannoveraner Vamos Amigos als Favoritin angetreten war, musste der 26-jährigen Fry mit dem holländischen Hengst Glamourdale in der Kür die Goldmedaille überlassen, der zweite WM-Titel nach dem Grand Prix Special. Fry gehört mit 90,654 Prozent nun zum Klub "Neunzig plus", zu dem nur wenige Dressurreiter Zutritt haben; Laudrup-Dufour blieb mit 89,411 deutlich darunter.

Die Magnolie aus Stahl überlasst nichts dem Zufall

Wie schon im Grand Prix Special zuvor brachte der Rappe der in den Niederlanden lebenden Britin das Publikum zum bewundernden Raunen, als er im starken Galopp das Viereck durchmaß. Aber auch die anderen Lektionen gelangen gut; und wenn sie, wie die Piaffen, noch nicht das Optimum darstellten, wurde doch alles überstrahlt von der Persönlichkeit dieses Pferdes, groß, schön und offenbar gewillt, seiner Reiterin und allen anderen Menschen zu gefallen. Glamourdale ist erst elf Jahre alt und hat noch viel Zeit im Viereck vor sich, wenn er gesund bleibt. Lottie, wie Charlotte Fry im Unterschied zu der anderen großen Britin, Doppelolympiasiegerin Charlotte Dujardin, genannt wird, hatte an diesem Abend in Herning nur ein Problem: beim kamerawirksamen Öffnen der Champagnerflasche kam sie fast an den Rand ihrer Kräfte.

Doch hinter ihrer zierlichen Gestalt verbirgt sich eine Magnolie aus Stahl, die nichts dem Zufall überlässt. So spektakulär sie die Stärken ihres Pferdes herausreiten konnte, so geschickt verstand sie, seine Schwächen zu verbergen. Die meisten Piaffen im Kürprogramm legte sie diagonal zu den Richtern an, eine Perspektive, in der kleine Mängel eher übersehen werden. Leicht und fein sah es auch bei der Bronzemedaillengewinnerin Dinja van Lieren und dem zehnjährigen niederländischen Hengst Hermes (86,900) aus, der nicht über die großräumigen Bewegungen wie Glamourdale verfügt, aber passagierte und piaffierte bis zum Abwinken.

Isabell Werth wird mit neuem Kürprogramm nur Neunte

Für die Deutschen war diese Weltmeisterschaft in Dänemark zwar ernüchternd, aber nicht erfolglos. Benjamin Werndl, 38, auf dem 13-jährigen Famoso ritt aus dem Schatten seiner Schwester, der Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl: Er verpasste mit 85,893 Prozent die Bronzemedaille nur knapp. Es war das erste Championat für den Reiter aus Aubenhausen, der so elegant zu Pferde sitzt und mit seinem Oldenburger von Tag zu Tag besser wurde. "Ich bin ja nicht mit großen Erwartungen hierher gekommen", sagte er, "und bin aus ganzem Herzen dankbar, dass mein Pferd so gut mitgemacht hat, sein Herz so in die Aufgabe geworfen hat."

Mit Fassung trug Isabell Werth, 53, ihren neunten Platz (83,339). Im Grand Prix Special war sie mit dem zwölfjährigen in Brandenburg gezogenen Quantaz noch so nahe an der Bronzemedaille gewesen. Werth ritt zum ersten Mal ein neues, sehr schwieriges Kürprogramm, in dem noch nicht alles gelang, wie es sollte: "Es ist gut gelaufen, aber nicht super. Ich habe gemerkt, dass die Kür gut ankam, und das war mir wichtig."

Auch das Fazit von Bundestrainerin Monica Theorodescu fällt nicht pessimistisch aus: "Wir waren mit einem Team mit neuen Reitern hier, von denen drei zum ersten Mal bei einem Championat waren. Mit der Mannschaftsbronzemedaille sind wir sehr zufrieden." Allerdings sind die Pferde der deutschen Reiter deutlich älter, ihre Restkarriere überschaubar. Aber auch da gibt sich die Bundestrainerin optimistisch: "Ich sehe bei meinen Stallbesuchen viele talentierte jüngere Pferde, da wächst was nach. Auf die freue ich mich schon."

So neu ist die Zeit des leichten feinen Reitens dann vielleicht doch nicht. Wer alt genug ist, erinnert sich an die 21-jährige Nicole Uphoff, die mit Rembrandt 1988 Olympiasiegerin wurde, ein Bild von schwereloser Eleganz. Das gab auch Jessica von Bredow-Werndl ab, die sich zurzeit in der Babypause befindet. Auf Dalera wurde sie in Tokio mit 91,732 Prozent Olympiasiegerin. Um mit der Bundestrainern zu sprechen: "Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht."

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